Stand: 08.12.2015 15:55 Uhr

Hamburgs bizarrer Kampf gegen den Hafenschlick

von Britta Kunft & Alexa Höber

Wenn die Flut kommt, drückt das Wasser aus der Nordsee die Elbe hoch bis in den Hamburger Hafen. Was von oben nicht zu sehen ist: Tonnenweise werden von der Strömung Sand und Schlick mitgerissen, kommen irgendwann in den Hafenbecken zur Ruhe und setzen sich am Grund ab. Sieben Millionen Kubikmeter allein in diesem Jahr liegen da, wo sie die Schifffahrt stören. Füllt man diese Menge in Standardcontainer, ergäben diese - der Länge nach aufgereiht - eine Strecke von Hamburg bis kurz vor Rom.

Hafenschlick

Wohin mit dem Hafenschlick?

Panorama 3 -

Unmengen an Schlick haben sich im Hamburger Hafen angesammelt - zwei Baggerschiffe sind daher im Dauereinsatz. Doch bei Flut wird ein Großteil wieder zurück in den Hafen gespült.

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Das Sediment auf dem Grund sorgt dafür, dass die großen Containerschiffe teilweise nicht mehr an den vorgesehenen Terminals anlegen können: Bei zu geringen Wassertiefen könnten sie auf dem Grund aufsetzen. Beispiel Hansaport, ein Erzlager im Hafen und Rohstofflieferant für die Automobilindustrie: In den vergangenen zwei Jahren konnten Schiffe ihre Ladung wegen zu geringer Wassertiefe am Terminal hier nicht immer abliefern. Das Unternehmen Hansaport klagte, erst 2014 und dann noch einmal im Sommer 2015.

Teufelskreis Hafenschlick

Verantwortlich für ausreichende Wassertiefen im Hafen ist die Hamburg Port Authority (HPA), ein Unternehmen der Stadt Hamburg. Die HPA rückt dem Schlick mit Baggerschiffen zu Leibe, zwei  fahren derzeit täglich mehrere Stunden hin und her, baggern Sand und Schlick aus den Hafenbecken. Und, das ist ein offenes Geheimnis, bei Ebbe schütten sie den Schlamm einfach zurück in die Elbe, vor das Naturschutzgebiet Neßsand gegenüber vom Strand von Wittenbergen. Dort öffnen die Baggerschiffe die Schotten und der Schlamm rutscht in das Verklappungsgebiet. Und wenn die Flut kommt, verdriftet das Sediment einfach wieder zurück in Richtung Hamburger Hafen.

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Was bei Flut in den Hafen zurückgeht, muss im Baggerschiff wieder heraus. Das dauert Monate bei den vielen Millionen Kubikmetern. Und es ist teuer - Kosten für die Baggereinsätze, die Reinigung des Sediments von Schadstoffen und den ständigen Transport im Kreis: mindestens 66 Millionen Euro im vergangenen Jahr, so die offiziellen Zahlen der HPA.

Mehr Strömungsgeschwindigkeit durch Elbvertiefung

Je tiefer der Fluss, desto schneller fließt das Wasser, desto stärker die Flut, umso mehr Sediment. Es gibt nur eine Lösung für das Problem: Die Elbe muss wieder langsamer werden. Und das geht nur, wenn man ihr wieder mehr Raum gibt. Eine solche Maßnahme ist östlich von Wilhelmsburg an der Norderelbe zu sehen. Dort entstehen 30 Hektar neuer Flutraum: Kreetsand - ein Vorzeige-Projekt der HPA. Das Absurde: Während allen Beteiligten klar ist, dass die Elbe mehr Raum braucht, wird nicht danach gehandelt.

Rot markiert: Hafenbecken, die für die Hafenerweiterung zugeschüttet werden sollen.

Kritiker sagen, die HPA schaffe keinen Flutraum, sondern sie schaffe ihn ab. Statt so Baggergut zu reduzieren, wird immer mehr produziert. Und das bedeutet natürlich auch wesentlich mehr Entsorgungskosten. Eine Belastung für den Steuerzahler.

Hafenschlick-Verklappung in der Nordsee: ökologisch und ökonomisch fragwürdig

Weil das Problem jetzt schon Überhand nimmt, müssen zumindest zwei der insgesamt sieben Millionen Kubikmeter Sand und Schlick in diesem Jahr woanders hin. Bereits seit 2005 wird ein Teil der Hamburger Sedimente in die Nordsee vor Helgoland gekippt. Doch das stärker mit Schadstoffen belastete Material aus den Hafenbecken nehmen die Schleswig-Holsteiner nicht mehr, sondern nur das weniger belastete aus der Fahrrinne. Das Verklappen von Hamburger Hafenschlick vor Helgoland  war als Übergangslösung gedacht. 2016, spätestens 2017, ist die genehmigte Menge erreicht. Dann muss eine neue Lösung in der Nordsee her. Und so einfach lässt sich Schleswig-Holstein das Problem nicht zuschieben. Das Nachbarland drängt darauf, auch nach alternativen Lösungen zu suchen. Darum treffen sich die Fachleute aus den Umweltbehörden Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Hamburgs sowie der Wasser- und Schifffahrtsdirektion des Bundes (WSV). Auf dem Tisch liegen sieben mögliche Verklappungsstellen für den Hamburger Hafenschlick. Aus diesen soll diejenige herausgesucht werden, wo er am wenigsten Schaden anrichtet.  

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 08.12.2015 | 21:15 Uhr