Stand: 19.02.2016 17:31 Uhr

Hamburger Iraner im Dauerprotest

In der Hansestadt demonstriert seit sechs Jahren Woche für Woche eine kleine Gruppe Exil-Iraner gegen das iranische Regime. Denn seit der Iran im vergangenen Sommer vertraglich zugesichert hat, kein militärisches Atomprogramm zu entwickeln, geben sich westliche Politiker die Klinke in die Hand. Auch die deutsche Wirtschaft rechnet mit guten Geschäften mit dem Land. Kritische Stimmen hingegen sind verstummt. Auf diese Situation versuchen Hamburger Exiliraner, immer wieder aufmerksam zu machen.

Bild vergrößern
Nach eigenen Angaben demonstrieren die Iraner seit sechs Jahren wöchentlich in Hamburg.

Ein Tapeziertisch, Plakate und eine Handvoll Menschen: Für Faride und ihre Freunde ist es jeden Sonnabend dasselbe Prozedere. Punkt halb vier bauen sie sich mitten in der Hamburger Innenstadt auf. "Wir setzen uns ganz allgemein für die Einhaltung der Menschenrechte im Iran ein", sagt sie. Denn gegen die werde auch seit Amtsantritt von Präsident Hassan Rohani weiterhin verstoßen. Deutlich mehr Menschen, darunter Minderjährige, wurden hingerichtet. Immer noch sind Tausende aus politischen Gründen inhaftiert.  

Solidarität mit iranischen Müttern

"Wir können nicht aufhören oder unsere Augen einfach zumachen vor den Verbrechen. Wir wollen, dass die ganze Welt erfährt, was im Iran passiert. Das gibt uns Kraft und deswegen stehen wir hier", sagt sie. Die Gruppe nennt sich "madaraneirani". Das heißt "iranische Mütter". Die Hamburger Exiliraner solidarisieren sich damit mit jenen Müttern, deren Kinder 2009 nach den Präsidentschaftswahlen demonstriert und seitdem verschwunden sind.

Von leidenden Müttern im Iran

"Die Mütter im Iran leiden darunter, dass ihre Söhne und Töchter auch immer wieder verhaftet werden", erklärt der Protestierende Hamid. "Die Regierung gibt keine Informationen, wo sie sind, in welchen Gefängnissen sie sind. Wenn sie jetzt erschossen oder erhängt werden, gibt man ihnen sehr spät Bescheid." So können sie oft nur noch den Leichnam entgegen nehmen. Die Idee, sich mit den iranischen Müttern zu solidarisieren, hatte damals die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Die Hamburger Gruppe ist nach eigenen Angaben die einzige, die seit nunmehr sechs Jahren jede Woche demonstriert.

Bild vergrößern
Wie entwickelt sich die politische Diskussion im Iran? Das fragen sich Exil-Iraner in Hamburg.

Auf die bevorstehenden Parlamentswahlen und die Entwicklung Iran blicken Faride und Hamid ganz unterschiedlich: "Wir haben keine große Hoffnung, dass sich bei den Menschenrechten oder bei der Freiheit irgendetwas groß ändert", sagt Faride. "Ich wage, zu sagen, dass der Machtkampf zwischen Rohani und dem rechten Flügel im Iran wird für unser Land sehr bedeutend werden", sagt Hamid.

Muss Deutschland als Demokratie Flagge zeigen?

Gerade jetzt, nach dem Atomabkommen, sei die Zeit günstig, im Iran nicht nur neue Verträge über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit abzuschließen, sondern auch als Demokratie Flagge zu zeigen - und sich bei einem Besuch auch Zeit für "die andere Seite" zu nehmen, wünscht sich der frühere Lehrer. "Ich denke, eine Unterstützung der demokratischen Opposition im Iran ist auch sehr gut für Deutschland", sagt Hamid. Die deutsche Regierung solle sich ein Herz nimmt und auch mit den oppositionellen Iranern redet und nach deren Meinung fragen

Kein Ende der Proteste in Sicht

Hamid, Faride und ihre Freunde waren alle seit vielen Jahren nicht mehr im Iran - aus Angst vor dem Regime. Ob sie wohl eines Tages ihren Protest in der Hamburger Innenstadt beenden können? "Es ist meine große Hoffnung, eines Tages im Iran im Iran zu sein und eines Tages nicht mehr zu demonstrieren gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung", sagt Hamid. Besonders optimistisch sieht Hamid dabei allerdings nicht aus.

Weitere Informationen

"Der Iran ist so vielschichtig"

Weltbilder

Natalie Amiri moderiert den Weltspiegel der ARD und ist seit Juni 2015 auch Berichterstatterin für den Iran, als Reisekorrespondentin von München aus. mehr

Kommentar: Irans neue Chance

NDR Info

Die Aufhebung der Sanktionen kann gegen den Iran die Reformpolitik von Präsident Rohani stärken. Der inner-iranische Machtkampf sei aber noch lange nicht entschieden, kommentiert Reinhard Baumgarten. (18.01.2016) mehr

Lüders: Keine innenpolitische Öffnung im Iran

NDR Info

Nahost-Experte Michael Lüders hat das Ende der Sanktionen des Westens gegen den Iran auf NDR Info als "historischen Durchbruch" bezeichnet. Er erwarte aber keine innenpolitische Öffnung. (18.01.2016) mehr

Kommentar: Iran - Rechnung geht vor allem für Obama auf

NDR Info

Der Iran hat mehrere Tonnen schwach angereicherten Urans nach Russland verschifft und einen wichtigen Teil seiner Verpflichtungen aus dem Atomabkommen erfüllt. Antje Passenheim kommentiert. (29.12.2015) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 22.02.2016 | 07:50 Uhr