Stand: 10.07.2017 04:10 Uhr

Hamburg nach G20: 10.000 Bürger räumen auf

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Rückkehr in die Normalität: Nach der Aufräumaktion Tausender Hamburger sieht es auf der Schanze aus, als sei nichts gewesen.

Hamburg hat angepackt und zur Normalität nach dem G20-Gipfel zurückgefunden. Laut Polizei beteiligten sich rund 10.000 Freiwillige am gemeinsamen Aufräumen in den von Krawallen der vergangenen Tage betroffenen Vierteln der Stadt. Der motivierte und gut gelaunte Trupp hatte sich via Facebook organisiert, um seine "schöne Stadt wieder auf Vordermann" zu bringen. Die Kolonne fegte die Straßen und räumte Müll zusammen. Die Anwohner wollen zurück zum Alltag: "Es muss wieder nach Leben riechen", sagte ein Café-Mitarbeiter, der die Holzplatten von den Fenstern des Ladens entfernte.

Die Idee zu dieser Aktion hatte die junge Hamburgerin Rebecca Lunderup. Sie sei selbst geschockt vom Ausmaß der Zerstörung gewesen - und habe einfach helfen wollen.

Besuch von Steinmeier

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Bundespräsident Steinmeier besucht einen verletzten Polizisten in Hamburg.

Unweit des Geschehens war auch Frank Walter Steinmeier. Der Bundespräsident war nach Hamburg gekommen, um mit Einsatzkräften und mit Bürgern zu sprechen, die von den Krawallen betroffen waren. Bei einer Zusammenkunft mit dem Führungsstab der Polizei sowie mit Polizisten einer Einsatzhundertschaft in den Messehallen lobte er den Einsatz der Beamten. Er sei schockiert und fassungslos ob des Ausmaßes an Gewalt. An die G20-Kritiker gerichtet sagte er: "Sie machen es sich zu leicht. Wie anders als durch Gespräche soll es vorangehen?". Es brauche das "demokratische Selbstbewusstsein" zu sagen, dass solche Konferenzen in Deutschland stattfinden könnten. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) wiederholte sein Versprechen schneller Hilfen für Opfer der Krawalle.

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Hamburg nach dem G20-Gipfel: Das große Aufräumen

Wischmob statt Molotowcocktail, Besen statt Pflasterstein: Hunderte Freiwillige haben sich zum gemeinsamen Aufräumen in den von den Krawallen betroffenen Vierteln der Stadt getroffen. Bildergalerie

Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) will den Opfern ebenfalls mit einer Aktion unter die Arme greifen. Für geschädigte Autobesitzer solle es kostenlose Monatskarten für den öffentlichen Nahverkehr geben, teilte der HVV mit. Etwa 100 Autos wurden nach Schätzung von Beobachtern während des G20-Gipfels in Brand gesetzt.

Innensenator Grote: "Skrupellose Gewalt so nicht erwartet"

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"Die drei Gipfeltage haben den Einsatzkräften alles, aber wirklich auch alles abverlangt", sagte Innensenator Grote auf der Pressekonferenz.

Innensenator Andy Grote (SPD) stellte sich bei einer Pressekonferenz am Mittag hinter die Polizei. Die Gipfeltage hätten den mehr als 20.000 Einsatzkräften alles abverlangt. Sie hätten es mit einer skrupellosen Gewalt von Kriminellen zu tun gehabt, die so nicht erwartet worden sei, sagte Grote. Der Innensenator kritisierte vor allem, dass kurz vor Gipfelbeginn doch noch ein G20-Protestcamp gerichtlich erlaubt worden war. Dort hätten Militante übernachten können. Auch Bürgermeister Scholz wies Kritik an der Polizei zurück. Gleichzeitig räumte er ein, dass es nicht gelungen sei, die Bevölkerung entsprechend zu schützen.

Scholz unter Druck

Die CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft sprach von "politischem Totalversagen" und forderte, Scholz müsse die Verantwortung für die Ereignisse der vergangenen Tage übernehmen und zurücktreten. Die Linksfraktion forderte einen Untersuchungsausschuss, der alle relevanten Fragen im Zusammenhang mit der Durchführung des Gipfeltreffens in Hamburg überprüfen müsse. Die SPD-Fraktion wies die Kritik zurück. Für die Gewaltexzesse seien einzig und allein die Gewalttäter verantwortlich, sagte Fraktionschef Andreas Dressel.

Erst bunt, dann krawallig

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Auch am Sonnabend brennen Barrikaden in der Hamburger Schanze

Während am Sonnabend tagsüber Zehntausende friedlich und bunt in der Stadt demonstriert hatten, war es am späten Abend erneut zu Zusammenstößen gekommen. Die Polizei setzte dieses Mal deutlich früher Reizgas und Wasserwerfer ein, um eine Sitzblockade zu räumen. Erneut brannten Barrikaden und Autos. Es sollen Flaschen und Steine auf die Einsatzkräfte geworfen worden sein. Insgesamt wurden nach Polizeiangaben seit Beginn der Proteste bisher 476 Beamte verletzt. 186 Personen wurden fest- und 225 weitere in Gewahrsam genommen.

Kritik von Juristen

Die Rechtsanwältin Gabriele Heinecke kritisierte, dass es massive Probleme gebe, Gefangenen in der Sammelstelle in Hamburg-Harburg die Nummer des anwaltlichen Notdienstes zu geben. Am Nachmittag protestierten vor der Gefangenensammelstelle rund 1.000 Menschen unter dem Motto "Nobody forgotten - nothing forgiven", für die Freilassung der Gefangenen, gegen Repression sowie Gefängnisse.

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Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatten wir geschrieben, dass Bundespräsident Steinmeier auch im Schanzenviertel war. Korrekt ist, dass er in der Nähe des Schanzenviertels war. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 09.07.2017 | 18:00 Uhr

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