Stand: 25.10.2017 05:49 Uhr

Gieriger Vermieter: Wuchermiete bei Ärmsten

von Nicolas Peerenboom

Kakerlaken in den Türritzen. Ratten, sogar im vierten Stock. Müllberge im Hinterhof, dazwischen viele spielende Kinder. Was sich anhört wie die Beschreibung einer Elendsunterkunft in der Dritten Welt, befindet sich kaum 20 Minuten vom Hamburger Rathaus entfernt - in der Seehafenstraße in Hamburg-Harburg.

Verwahrloster Innenhof © NDR

Gieriger Vermieter: Wuchermiete bei Ärmsten

Panorama 3 -

Schlimme Wohnverhältnisse in einem Mehrfamilienhaus in Harburg, Kakerlaken und Ratten haben sich ausgebreitet. Macht der Vermieter fette Geschäfte mit den Ärmsten der Armen?

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In dem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus sind 99 Menschen in zehn Wohnungen amtlich gemeldet. Bis zu 15 Personen leben in einer Wohnung, teilen sich ein schlecht belüftetes Duschbad und eine Küchenzeile.

Die Bewohner sind überwiegend Bulgaren und Rumänen, die als EU-Bürger in Hamburg sind. Aber auch Gestrauchelte, die vom Sozialamt oder vom Jobcenter unterstützt werden. Es sind die Ärmsten der Armen, die hier auf engstem Raum zusammenleben, weil sie auf dem Hamburger Wohnungsmarkt keine Chance haben. Ihre Not wird hier offenbar aufs Übelste ausgenutzt.

Mehr als 25 Euro pro Quadratmeter inklusive aller Kosten

Das Haus in der Seehafenstraße gehört Peter F. aus Hamburg. Der Trick: Für jedes Zimmer verlangt er in der Regel über 200 Euro Kaltmiete. Hört sich auf den ersten Blick gar nicht so viel an. Ist aber angesichts der kleinen Zimmergrößen ziemlich teuer. Hinzu kommen noch Betriebskosten, Heizkosten und Strom. Diese "zweite Miete" ist fast genauso so hoch wie die Kaltmiete.

Der ehemalige Krankenpfleger Jörg S., 57, lebt im obersten Stockwerk mit seiner gehbehinderten Partnerin in einem knapp elf Quadratmeter großen Raum. Hinzu kommen noch 5,73 Quadratmeter Anteil an der Gemeinschaftsfläche (Flur, Bad, Küche). Für insgesamt 16,73 Quadratmeter werden jeden Monat 420 Euro fällig (215 Euro Kaltmiete und 205 Euro für sämtliche Nebenkosten). Das sind pro Quadratmeter 12,85 Euro kalt oder 25,10 Euro warm inklusive Betriebskosten und Strom.

Abkassieren, kaum investieren

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Kakerlaken und auch Ratten haben sich in dem Haus in der Seehafenstraße ausgebreitet.

Wohin man blickt, gibt es Sanierungsbedarf. Ganz offensichtlich will Vermieter Peter F. lieber kassieren als teuer renovieren. Und das hat bei diesem Vermieter offenbar System.

Peter F. besitzt mindestens zwei weitere Mehrfamilienhäuser. Eines davon hat er seit vielen Jahren an die städtische Einrichtung Fördern & Wohnen vermietet. Flüchtlinge und einige Deutsche leben hier. Schon seit Jahren gibt es Klagen, dass der Vermieter zu wenig unternehme. Fördern & Wohnen hat sogar mit Mietminderung gedroht. Warum die städtische Einrichtung den Mietvertrag nicht einfach kündigt, erklärt Susanne Schwendtke von Fördern & Wohnen mit fehlenden Alternativen: "Wir brauchen eben jeden Platz. Es fällt uns deswegen schwer, uns von Vermietern zu trennen, deren Verhalten wir eigentlich überhaupt nicht gutheißen."

Die Grenzen des Anstands - Wo Mietwucher anfängt

Mietwucher ist ein Straftatbestand. Geregelt wird er im Paragrafen 291 im Strafgesetzbuch. Danach liegt ein strafbarer Mietwucher vor, wenn die Miete in einem auffälligen Missverhältnis zur Leistung steht und wenn die Unerfahrenheit oder Zwangslage des Mieters ausgenutzt wird.

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Spricht von Mietwucher und untragbaren Zuständen: Siegmund Chychla vom Mieterverein Hamburg.

Ein Anhaltspunkt für Mietwucher ist, wenn die im Mietvertrag vereinbarte Miete die ortsübliche Miete um mehr als 50 Prozent übersteigt. Mit der Vermietungspraxis in der Seehafenstraße hat sich auch Siegmund Chychla vom Mieterverein zu Hamburg beschäftigt. Sein vorläufiges Fazit: "Nach dem, was ich hier gesehen habe, muss ich davon ausgehen, dass hier ein Verdacht des Mietwuchers existiert. Das bedeutet, hier muss die Behörde eingreifen. Damit diese untragbaren Zustände jetzt beendet werden."

Vermieter: "Halten uns an den Mietindex"

Zum Vorwurf des Mietwuchers teilt die Anwältin des Vermieters Panorama 3 mit, man halte sich an den Mietindex. An welchen, sagt sie nicht. Zum Vorwurf der Überbelegung lässt der Vermieter ausrichten, dass man auf die Bewohnerzahl "keinen Einfluss" habe. Für den Zustand der Häuser, insbesondere auch mit Blick auf die vielen Müllberge, seien die Bewohner verantwortlich.

Begehung zeigt: Es gibt offenbar bauliche Mängel

Unter Federführung der Hamburger BASFI (Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration) statteten Ende September etwa 100 städtische Mitarbeiter der Seehafenstraße einen Besuch ab. Ihr Ziel: Belege finden für bauliche Mängel, für akute gesundheitliche Risiken und die Ausnutzung der wirtschaftlichen Notlage der Bewohner. In einem Zwischenbericht der Behörden heißt es: Das Haus Seehafenstraße war überbelegt. Bei der Begehung hätten sich außerdem bauliche Mängel gezeigt, wie defekte Lüftungen in den Bädern und Küchen. Außerdem wurde ein Ratten- und Kakerlakenbefall festgestellt.

Ob tatsächlich Mietwucher vorliegt, wird derzeit noch geprüft. Der Seehafenstraßen-Bewohner Jörg S. und seine Partnerin Andrea M. konnten noch am Tage der Behördenaktion das Haus verlassen. Das Paar wurde vorläufig in einer anderen Unterkunft untergebracht. Ihr sehnlichster Wunsch aber ist eine kleine Wohnung. Ohne verantwortungslosen Vermieter.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 24.10.2017 | 21:15 Uhr

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