Stand: 05.10.2016 18:01 Uhr

Flüchtlingscontainer mit Elbphilharmonie-Blick

von Wolf-Hendrik Müllenberg, NDR.de

Vom neuen Flüchtlingsheim am Hamburger Baakenhafen bis zum schicken Überseequartier braucht man zu Fuß knapp 30 Minuten. Das dauert zu lange, findet Anwohnerin Christina Tubbesing. "Das Heim liegt doch nicht in der Hafencity! Das ist ein Containerdorf - gebaut auf einer Sandwüste unweit von Rothenburgsort." Auf ihre neuen Nachbarn werde sie in der Hafencity gar nicht so oft treffen, glaubt die Hamburgerin. Denn hier im Überseequartier, dem Herzen der Hafencity, existiere nur ein Edel-Supermarkt, den sie selbst für völlig überteuert hält. Dass die Geflüchteten hier einkaufen wollen? Für sie unvorstellbar. Die Flüchtlinge würden wohl eher in Rothenburgsort einkaufen gehen, denn da gebe es die billigeren Supermärkte. Am Mittwoch sollten die ersten von insgesamt 712 Hilfesuchenden in ihre neue Unterkunft in der Kirchenpauerstraße mit Blick auf auf die Elbphilharmonie einziehen - laut Anwohnerin Tubbesing zu weit weg von dem, was man zum Leben braucht.

Christina Tubbesing hievt beim Ortstermin in der Hafencity ihren Kinderwagen in ein Treppenhaus auf dem Überseeboulevard. Hätte sie nicht gerade ein Kind bekommen, sagt sie, hätte sie sich, wie viele ihrer Nachbarn, engagiert. Aber jetzt sei sie mehr mit Stillen und Wickeln beschäftigt. Von der Gruppe "Flüchtlingshilfe Hafencity" ist sie begeistert. Im Januar hat die Hafencity Hamburg GmbH die Anwohner über ihre Pläne informiert, ein Containerdorf im Quartier Elbbrücken zu bauen - zwei Monate später hat sich die Initiative gegründet. Es wurden Arbeitsgruppen gebildet und Pläne geschmiedet, wie man den Flüchtlingen in der Hafencity am besten helfen kann. Der harte Kern der Initiative besteht aus 60 Mitgliedern. Wolfgang Weber ist seit Anfang an dabei. Er sagt: "Wir freuen uns, dass es endlich losgeht!"

"Wir werden die Menschen so gut es geht unterstützen"

Die Ehrenamtlichen der "Flüchtlingshilfe HafenCity" wollen die Flüchtlinge beispielsweise bei Behördengängen begleiten, sie beim Deutschlernen unterstützen oder Kinderbetreuung und Hausaufgabenhilfe anbieten. "Wir werden die Menschen so gut es geht unterstützen", sagt Weber, "aber staatliche Leistungen können wir natürlich nicht ersetzen." Weber wohnt seit 2014 in der Hafencity. Er kennt die Bedenken um die neue Flüchtlingsunterkunft, die von "Fördern und Wohnen" betrieben wird: Die dreistöckigen Wohncontainer stünden völlig isoliert unmittelbar an den Elbbrücken. Zudem seien sie umgeben von Sand und Baustellen, die unerträglich laut seien. Doch er sagt: "Die Baustellen und den Lärm hast du in der Hafencity immer und die nächste Bushaltestelle gibt es 600 Meter weiter". Auch ist er - im Gegensatz zu Tubbesing - davon überzeugt, dass die Unterkunft nicht zu weit von der Hafencity entfernt liegt.

Wie Geflüchtete in der Hafencity wohnen

Pro Wohneinheit Platz für sechs Bewohner

Weber und seine Mitstreiter begrüßen heute die ersten Flüchtlinge in der Hafencity persönlich. Für die Geflüchteten beginnt dann die Zeit in einer Folgeunterkunft nachdem sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht waren. In einer Wohneinheit ist Platz für sechs Bewohner in drei Doppelzimmern. Bad und Küche müssen sie gemeinsam nutzen. Einige Bewohner werden von ihren Zimmern aus auf die Elbphilharmonie blicken können. "Aber das wird ihnen mit Sicherheit egal sein", sagt Yvonne Ehnert von "Fördern und Wohnen". Sie steht in einem 14 Quadratmeter großen Zimmer mit kahlen Wänden, zwei Betten, einem Tisch und zwei Stühlen. Ganz leise ist im Hintergrund das Knattern eines Bohrhammers zu hören. "Die Container sind natürlich schallisoliert", erklärt Ehnert.

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Gesamtkosten: 24 Millionen Euro

528 Container hat die Unterkunft insgesamt. Nach Angaben des Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge (ZKF) machen sie den größten Teil der Kosten für die Unterkunft aus. 16 Millionen Euro hat der Senat für die Container ausgegeben - jeder Container kostet etwa 30.000 Euro und damit ungefähr zweieinhalb Mal so viel wie die in anderen Unterkünften. "Der hohe Preis begründet sich auch durch die Preissteigerung der letzten sechs Monate auf dem Markt der Container", erklärt ZKF-Pressesprecher Daniel Posselt mit NDR.de. Zudem seien in diesem Preis auch andere Kosten enthalten - etwa jene wie die Anlieferung und die Montage der Container sowie die Wärmedämmung nach den Vorschriften für Wohnungsbau.

Hohes Engagement der Anwohner

Einem Medienbericht, laut dem die geplanten Kosten für die Unterkunft höher als die insgesamt veranschlagten 24 Millionen Euro ausfallen sollen, widerspricht der ZKF. "Es gibt keine Kostensteigerungen", sagt Posselt. Er hofft, dass sich die Unterkunft in der Hafencity so entwickelt wie im feinen Harvestehude, wo das Zusammenleben zwischen Anwohnern und Geflüchteten mittlerweile gut klappe. Das Engagement der Menschen in der Hafencity begrüßt er. "Der Standort zeichnet sich durch ein außergewöhnlich hohes Engagementpotenzial aus."

Weber drückt es so aus: "Wir wollen einfach gute Bürger und Nachbarn sein." Allerdings wird die Nachbarschaft nur bis Ende 2019 andauern, weil es für das Gelände an der Kirchenpauerstraße einen Bauplan gibt. Dieser sieht vor, dass ab Januar 2020 Wohnungen im Drittelmix von Sozial-, Miet-, und Eigentumswohnungen gebaut werden. Auf dem Gelände der jetzigen Flüchtlingsunterkunft sollen dann rund 550 Wohnungen entstehen.

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Hamburg Journal | 05.10.2016 | 19:30 Uhr

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