Stand: 21.08.2014 21:08 Uhr

Fall Yagmur: Behördenchef räumt Fehler ein

Im Fall Yagmur hat der Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte, Andy Grote (SPD), Fehler seiner Behörde eingeräumt. "Wir waren nicht dicht genug an dem Mädchen dran, die Gefährdungssituation ist nicht richtig eingeschätzt worden", sagte Grote am Donnerstag im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft. Das Mädchen war kurz vor Weihnachten 2013 an inneren Blutungen gestorben. Yagmurs Mutter steht derzeit in Hamburg wegen Mordes vor Gericht, sie soll das Kind zu Tode geprügelt haben. Ihr Vater ist mitangeklagt, weil er dem Mädchen nicht geholfen haben soll. Yagmur stand zeit ihres Lebens unter der Aufsicht des Jugendamtes.

"Es ist inzwischen viel passiert"

Wegen des gewaltsamen Todes des Mädchens wird auch gegen Mitarbeiter der Bezirksämter Mitte und Eimsbüttel ermittelt. Ihnen werden Versäumnisse vorgeworfen. Bezirksamtsleiter Grote musste am Donnerstag vier Stunden lang im Untersuchungsausschuss Auskunft geben. Er sagte, es seien nach dem Tod des Mädchens zahlreiche Maßnahmen umgesetzt worden, um derartige Fälle künftig zu vermeiden. Es seien nahezu alle Stellen besetzt, die Teamentwicklung funktioniere und die Kommunikation habe sich deutlich verbessert. "Da ist viel passiert", sagte der 46-Jährige.

Auswertung von Handy-Daten belastet Mutter

Auch der Prozess gegen die Eltern ging am Donnerstag weiter. Dort berichtete ein Polizist über die Auswertung von Handy-Nachrichten des Paares. Demnach hat die Mutter in einer WhatsApp-Mitteilung an ihren Ehemann eingeräumt, das Mädchen geschlagen zu haben. Ihr Partner habe geschrieben, dass sie sich wegen ihrer Gewalttätigkeit von einem Therapeuten helfen lassen müsse, sonst werde er sich an die Behörden wenden, zitierte der Beamte. Die Mutter habe geantwortet: "Sag denen nicht, dass ich mein Kind schlage." Direkt nach dem Tod des Mädchens habe die Frau die Mitteilungen gelöscht. Der Polizist wertete die Handy-Daten des Vaters aus.

"Sie war auffallend emotionslos"

Aus dem Chat-Verlauf gehe hervor, dass die Mutter ihr Kind gehasst habe, erklärte der Beamte. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Nachrichten - wie von der Angeklagten vermutet - nachträglich manipuliert worden seien. Die WhatsApp-Mitteilungen des Paares hatten bei den Ermittlungen um Yagmurs Tod zu einer Wende geführt. Ursprünglich galt der Vater als Hauptverdächtiger.

Der Polizist schilderte im Prozess auch, welchen Eindruck er von der Mutter kurz nach Yagmurs Tod bekam. "Dafür, dass sie gerade ihre Tochter verloren hatte, fand ich sie auffallend emotionslos. Sie war zu keinem Zeitpunkt von irgendwelcher Trauer gekennzeichnet." Der Vater dagegen habe vom Weinen blutunterlaufene Augen gehabt, so der Polizist.

Chronologie: Tod einer Dreijährigen

  • Oktober 2010: Nach Geburt zu Pflegemutter

    Yagmur wird geboren. Die Mutter fühlt sich überfordert, das Kind kommt zu einer Pflegemutter. Die Eltern behalten das Sorgerecht, dürfen das Kind besuchen. Sie machen immer klar, dass sie das Mädchen zurückhaben wollen, wenn sich ihre Situation stabilisiert hat.

  • Januar 2013: Anzeige wegen Misshandlungs-Verdacht

    Yagmur ist zum wiederholten Mal im Krankenhaus. Sie hat eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse und eine Schädelverletzung. Der renommierte Rechtsmediziner Klaus Püschel erstattet Strafanzeige wegen des Verdachts auf Kindesmisshandlung.

  • Februar 2013: Familiengericht wird eingeschaltet

    Das Mädchen wird in einem Kinderschutzhaus untergebracht. Denn es ist unklar, ob die leiblichen Eltern oder die Pflegemutter für die Verletzungen verantwortlich sind. Das Jugendamt Eimsbüttel leitet ein Verfahren beim Familiengericht ein, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Das Paar bestreitet, seinem Kind etwas angetan zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

  • Mai 2013: Jugendamt entscheidet für leibliche Eltern

    Das Jugendamt erhält ein Schreiben der Pflegemutter, in dem diese angibt, möglicherweise für die Verletzungen Yagmurs verantwortlich zu sein. Laut Prüfbericht wertet dies die zuständige Mitarbeiterin in einer Beratung mit Kollegen als Entlastung für die leiblichen Eltern. Umgehend wird entschieden, ihnen das Kind wiederzugeben - obwohl die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen noch nicht abgeschlossen hat.

  • Juli 2013: Neues Amt zuständig - schlechte Übergabe

    Das Jugendamt Mitte übernimmt die Zuständigkeit, weil die Familie umgezogen ist. Dem Prüfbericht zufolge erfolgt eine schlechte Übergabe. Die zuständige Mitarbeiterin erkrankt kurz darauf. Mit dem Fall hat nun eine unerfahrene Kollegin zu tun, die erst seit wenigen Wochen beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) im Jugendamt arbeitet.

  • August 2013: Zurück bei den leiblichen Eltern

    Yagmur wohnt jetzt bei ihren leiblichen Eltern. Die Behörden haben nur noch wenig Kontakt zu der Familie.

  • Oktober 2013: Erklärung der Pflegemutter bezweifelt

    Auf eine Nachfrage der Staatsanwaltschaft erklärt Rechtsmediziner Püschel, dass die die leiblichen Eltern entlastenden Schilderungen der Pflegemutter nicht zu den Verletzungen des Mädchens passten.

  • November 2013: Ermittlungen eingestellt

    Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen gegen die leiblichen Eltern und die Pflegemutter ein, weil der Täter nicht mehr zu ermitteln ist. Das entsprechende Schreiben an das Jugendamt wird dort nach Ermittlungen der Jugendhilfeinspektion nicht richtig ausgewertet. Niemand erkennt, dass damit die Eltern weiter schuldig sein könnten und sich das Kind in Gefahr befindet.

  • 18. Dezember 2013: Yagmur stirbt

    Yagmurs Mutter ruft früh morgens einen Rettungswagen nach Billstedt. Ihr Kind sei in der Wohnung schwer gestürzt. Die Ärzte können nicht mehr helfen: Yagmur verblutet nach einem Leberriss innerlich. Bei der Obduktion werden mehr als 80 Hämatome und Quetschungen sowie ein schlecht verheilter Bruch des Unterarms festgestellt. Die Eltern werden festgenommen.

  • 19. Dezember 2013: Eltern in Untersuchungshaft

    Yagmurs 25-jähriger Vater streitet ab, das Kind misshandelt zu haben. Doch seine Lebensgefährtin belastet ihn schwer. Beide kommen in Untersuchungshaft. Der 26 Jahre alten Mutter wird Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen vorgeworfen.

  • 20. Dezember 2013: Jugendamt gerät ins Visier

    Die Staatsanwaltschaft leitet ein Vorermittlungsverfahren gegen das Jugendamt ein, um zu prüfen, ob es Versäumnisse von Jugendamtsmitarbeitern im Umgang mit dem Mädchen gab.

  • Januar 2014: Bericht der Jugendhilfeinspektion

    Immer mehr Details über Ungereimtheiten in der Vorgeschichte zu Yagmurs Tod werden öffentlich. Ende des Monats fasst es ein Bericht der Jugendhilfeinspektion deutlich zusammen: Die Jugendämter sind mitverantwortlich. Die Gefahr, in der sich Yagmur befand, wurde in den zuständigen Ämtern übersehen, trotz vieler Warnungen.

  • März 2014: Untersuchungsausschuss nimmt Arbeit auf

    Die Hamburgische Bürgerschaft beschließt im Februar mit den Stimmen der Opposition einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Fall Yagmur. Die regierende SPD enthält sich bei der Abstimmung. Am 6. März findet die konstituierende Sitzung statt.

  • April 2014: Mutter wegen Mordes angeklagt

    Überraschende Wende: Nach Informationen von NDR 90,3 hat die Staatsanwaltschaft Hamburg nicht den Vater des Mädchens, sondern die Mutter wegen Mordes an der Dreijährigen angeklagt. Dem Vater soll wegen unterlassener Hilfeleistung der Prozess gemacht werden.

  • 11. Juni 2014: Prozess gegen Eltern beginnt

    Yagmurs Eltern müssen sich vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter Mord vor, dem Vater Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 21.08.2014 | 19:00 Uhr