Stand: 12.11.2015 17:35 Uhr

"Es gibt noch viel zu tun für die Politik"

von Susanne Röhse

Seit September leben die ersten Flüchtlinge in einem ehemaligen Baumarkt, 3.000 weitere Menschen sollen ab Februar nächsten Jahres folgen: In Hamburgs Süden schreiten die Planungen für die erste Großunterkunft für Flüchtlinge in der Hansestadt voran. Im Stadtteil Neugraben-Fischbek sind die Zuwanderer Gesprächsthema Nummer eins auf der Straße und bei den Anwohnern. Gegner und Befürworter bringen sich in Position.

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Die Bürgerinitiative "Nein zur Politik, ja zur Hilfe" veranstaltet regelmäßig Demonstrationen.

Sie hatten mehr Teilnehmer erwartet an diesem Abend im Schützenheim in Neugraben. 100 Menschen sind zur vierten öffentlichen Veranstaltung der Bürgerinitiative "Nein zur Politik - ja zur Hilfe" in Neugraben-Fischbek gekommen. Dabei hatten Uwe Schröer und seine Mitstreiter in der Vergangenheit bereits mehr als 1.000 Teilnehmer auf die Straße gebracht. Die nächste Demonstration soll am kommenden Wochenende stattfinden. Flyer sind verteilt, Plakate aufgestellt, die Initiative arbeitet mittlerweile professionell. Ein erstes Treffen mit dem Bezirksamtsleiter Thomas Völsch fand kürzlich statt. Es war nicht mehr als ein gegenseitiges Kennenlernen, so das nüchterne Fazit von Schröer: "Ich habe persönlich gemerkt, dass Politiker zur Schönfärberei neigen. 'Alles wird gut', ich verstehe sie ja, aber ich kann es leider nicht anders machen. Ich glaube, das fehlt in der Politik. Den Politikern fehlt das Rückgrat heutzutage."

Zusammenschluss mit anderen Stadtteil-Initiativen?

An diesem Abend sind auch Initiativen aus anderen Stadtteilen eingeladen, in denen ebenfalls Großunterkünfte für Flüchtlinge geplant sind. Es ist ein erstes Beschnuppern. Inga Schürrmann hat den weiten Weg aus dem Nordwesten über die Elbe genommen, "Gemeinsam in Poppenbüttel" heißt ihre Initiative. Schürrmann berichtet, dass sich beide Initiaven von den Inhalten her sehr ähnlich seien. Sie hätten das gleiche Ziel: Hilfe und eine verträgliche Integration für alle Beteiligten in einer Größe, die für den Stadtteil machbar ist. Ihre Mitstreiterin Anja Schümann kann sich gut vorstellen, dass sich die Initiativen zusammentun, sofern sie nicht gegen Flüchtlinge, sondern gegen große Unterkünfte sind.

Die Planungen gehen voran

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Bezirksamtsleiter Thomas Völsch ist optimistisch, dass der Bau der Großunterkunft gelingt.

Noch befindet sich dort, wo im Februar die Flüchtlinge einziehen sollen, eine grüne Wiese. Viel Zeit bleibt nicht mehr, doch Bezirksamtsleiter Völsch ist optimistisch, dass alles rechtzeitig fertig wird: "Die Chance ist vielleicht tatsächlich, dass wir jetzt überall auf offene Ohren stoßen. Alle wissen, dass es gelingen muss. Wir setzen einen Maßstab, wir führen den Nachweis, dass wir erfolgreich arbeiten können und dass solche Einrichtungen funktionieren können."

Gemischte Gefühle und Unentschlossenheit im Stadtteil

Es gibt jedoch viele Menschen im Stadtteil, die Berührungsängste haben. Und es gibt viele Menschen, die noch unentschlossen sind, wie sie sich positionieren sollen, berichtet Angelika Czaplinski vom TV Fischbek, einem der vier Sportvereine im Stadtteil: "Es gibt Leute, die erstmal ihre Ängste loswerden müssen. Nach dem Gespräch kommen sie dann und sagen: Wenn ihr noch jemanden braucht, dann mache ich mit". Auch die "Intitiative Nein zur Politik - Ja zur Hilfe" hat schon einen Ausflug mit Flüchtlingskindern und ihren Müttern organisiert. Dieses Zusammentreffen hinterließ gemischte Gefühle bei Anwohner Björn Greve: "Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis die ersten Flüchtlinge kommen, aber viel zu tun für die Politik."

Weitere Informationen
02:32 min

Initiativen positionieren sich

12.11.2015 15:45 Uhr
NDR 90,3

Eine geplante Unterkunft für bis zu 3.000 Flüchtlinge ist im Stadtteil Neugraben-Fischbek Gesprächsthema Nummer eins. Gegner und Befürworter bringen sich in Position. Audio (02:32 min)

"Man muss die Menschen vorbereiten"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 12.11.2015 | 15:45 Uhr