Stand: 12.07.2017 22:24 Uhr

Drei Tage Chaos in Hamburg

von Thomas Berbner, Jan Liebold, Georg Mascolo, Christian Baars

Vom Vorabend des G20-Gipfels bis zu seinem Ende musste Hamburg drei schwere Tage durchstehen: immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, heftige Krawalle, Autos gehen in Flammen auf, über mehrere Stunden verliert die Polizei die Kontrolle über einen Stadtteil, das Schanzenviertel.

Wie konnte es dazu kommen? Wer sind die Täter? Und wer trägt die Verantwortung? Es sind noch viele Fragen offen. Reporter von NDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) konnten nun Notizen von Polizisten einsehen und haben mit Anwohnern, weiteren Augenzeugen und mutmaßlichen Randalierern gesprochen. So wird klarer, was sich tatsächlich in diesen Tagen in Hamburg ereignet hat.

Eine brennende Barrikade auf der Straße im Schanzenviertel. © dpa

G20-Gipfel: Als Hamburg brannte

Der G20-Gipfel hat in Hamburg Spuren hinterlassen. Der Film rekonstruiert die gewalttätigen Ausschreitungen anhand bislang unveröffentlichter Notizen.

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Donnerstag: Willkommen in der Hölle

"Welcome to Hell" - Willkommen in der Hölle - unter diesem Motto beginnen Donnerstagabend die Demo und damit die chaotischen Zustände. Zunächst herrscht am Hamburger Fischmarkt eine entspannte Stimmung. Redner treten auf, Bands spielen auf einer Bühne. Dann formiert sich der Protestzug. Und vorne an der Spitze bildet sich der "schwarze Block". Gegen 19 Uhr gehen Hunderte Vermummte los, dahinter mehr als 10.000 weitere Demonstranten. Sie kommen nicht sehr weit.

Die Einsatzleitung der Polizei hat eine harte Linie vorgegeben. Schon in den Tagen zuvor wurde dies deutlich. Geplante Camps von Demonstranten sind rigoros unterbunden und einige Protestaktionen bereits mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken auseinandergetrieben worden. Die Atmosphäre ist gereizt.

Demo wird früh gestoppt

Nach wenigen Hundert Metern stoppt die Polizei die Demo in der Hafenstraße. Dort begrenzt eine etwa zwei Meter hohe Flutschutzmauer die Straße. Gegenüber, auf der anderen Seite, stehen etliche Polizisten bereit. Sie haben genau hier schon gewartet, bevor die Demo losgegangen ist. Vor dem Protestzug blockieren mehrere Wasserwerfer den Weg. Die Polizei fordert alle Demonstranten auf, Vermummungen abzulegen. Man wisse ja, Menschen vermummen sich, um unerkannt Straftaten zu begehen, erklärt Polizeipräsident Ralf Martin Meyer in einem Interview mit NDR und SZ.

Eine dreiviertel Stunde lang steht der Protest still. Polizei und Demo-Organisatoren verhandeln. Tatsächlich machen einige ihr Gesicht frei, doch offenbar längst nicht alle. Hier gehen die Darstellungen auseinander. Die Polizei spricht von noch immer einigen Hundert Vermummten. Augenzeugen berichten dagegen, dass die meisten ihre Vermummung abgelegt hätten.

Einsatz geht gründlich schief

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Vermummte aus dem "schwarzen Block" entkommen der Polizei über die angrenzende Flutschutzmauer.

Klar ist: In diesem Augenblick bricht das Chaos aus. Polizisten drängen von der Seite in die Demo, versuchen den "schwarzen Block" vom Rest des Protests abzutrennen. Doch der Einsatz geht gründlich schief. Viele aus dem "schwarzen Block" klettern auf die Flutschutzmauer. Einige laufen weg, andere nutzen den erhöhten Standpunkt für eine Art Gegenangriff. Auch sie haben sich offensichtlich auf diesen Moment vorbereitet. Von der Mauer prasseln Steine und Flaschen auf die Beamten, Feuerwerkskörper und Leuchtraketen explodieren. Polizeivideos zeigen, wie die Beamten zurückweichen müssen.

Mitten in der Auseinandersetzung steht auf einmal auch Steffen G.. Er wollte - wie viele andere auch - von der Mauer aus beobachten, was passiert. Er sagt, er habe sich extra helle Kleidung angezogen, um sich schon rein äußerlich von jeglicher Gewalt zu distanzieren. Der 38-jährige Hamburger wollte friedlich demonstrieren. Nun greift er ins Geschehen ein, hilft einigen der unten Eingeschlossenen nach oben. Dann wird es ihm zu brenzlig. Er zieht sich zurück, bekommt aber noch einen Strahl aus einem der Wasserwerfer ab. Um zu entkommen, springt er auf der anderen Seite der Mauer herunter, etwa drei Meter tief. Seine Augen jucken. Tränengas, vermutet er. Er will nur noch weg. Doch auch hier ist mittlerweile eine dichte Polizeikette angerückt. "Jedem, der ihr zu nah kam, wurde mit erheblicher körperlicher Gewalt begegnet", sagt Steffen G.

Hamburger Demonstrant: "Ich war fassungslos"

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Vermummte ziehen durch Altona und zerstören Schaufenster - wie hier bei Ikea.

Es gelingt ihm wegzukommen. Er läuft Richtung Norden, nach Altona - und wird hier Augenzeuge der nächsten Gewalt. Auf einmal fliegen Steine in die Scheiben einer Postbank und anderer Geschäfte. Mit einem Baustellen-Schild schlagen Randalierer die offensichtlich recht stabile Verglasung eines Ikea-Gebäude ein. Kleingruppen ziehen marodierend durch die Straßen. "Ich war fassungslos", sagt Steffen G. "Zum einen über die unsägliche, sinnlose und brutale Zerstörungswut einiger Menschen. Zum anderen über die Polizei, die eine friedliche Demonstration innerhalb von Sekunden derart eskaliert hat."

Ehemaliger Ausbilder kritisiert Hamburger Einsatzleiter

Auch Hans Alberts versteht nicht, warum die Einsatzleitung den Protestzug gestoppt hat. Alberts ist Jura-Professor und hat lange Zeit in Hamburg Polizisten ausgebildet. Auch der aktuelle G20-Einsatzleiter, Hartmut Dudde, gehörte zu seinen Schülern. "Eine harte Linie führt zu Eskalation", das habe er schon damals erklärt, sagt Alberts. Wer Polizisten martialisch ausrüstet - mit Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcken - spielt am Ende den Krawallmachern in die Hände, meint der Professor. "Was finden die Vandalen schöner? Endlich Randale!" Es gebe da "eine unheilige Allianz zwischen Hardlinern und Randalieren", so Alberts.

Außerdem sei in dem Augenblick, als die Demo auseinandergesprengt wurde, die Lage nicht mehr beherrschbar gewesen. "Marodierende Kleingruppen können Sie nicht kontrollieren", sagt Alberts. Tatsächlich beginnt nun ein Katz-und-Maus-Spiel.

Warnungen vor linksextremistischer Gewalt

Im Vorfeld wurde immer wieder davor gewarnt, dass Tausende Extremisten zum G20-Gipfel kommen würden. "Aufgrund des urbanen Umfelds und der starken linksextremistischen Szene wird Hamburg die geeignete Bühne für Ausschreitungen gewalttätiger Linksextremisten aus dem In- und Ausland sein," hieß es nach Informationen von NDR und SZ im Mai in einer internen Lageeinschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz. "Klares Ziel des militanten Spektrums ist es dabei, eine Eskalation der Straßenmilitanz und damit einen Kontrollverlust für die eingesetzten Sicherheitskräfte herbeizuführen." Gleichzeitig haben Hamburgs Erster Bürgermeister, der Innensenator, der Polizeipräsident und der Einsatzleiter betont, die Lage sei zu beherrschen. Sie hatten sogar Sicherheitsgarantien abgegeben. 20.000 Polizisten wurden in Hamburg zusammengezogen.

Proteste und Gewalt beim G20-Gipfel

Dieses Thema im Programm:

13.07.2017 | 00:40 Uhr

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