Sendedatum: 28.04.2015 21:15 Uhr

Die Gefahr von Handys am Steuer

von Jörg Hilbert & Barbara Schmickler

Unterwegs im Auto, das Handy summt, eine neue SMS. Doch wer am Steuer sitzt, darf die SMS nicht lesen oder gar beantworten. Das Gesetz verbietet es. Allerdings scheint das viele Fahrer kaum zu stören: Im vergangenen Jahr registrierte das Kraftfahrtbundesamt mehr als 390.000 Verstöße deutschlandweit. Die Dunkelziffer dazu ist noch viel höher, vermuten Experten.

Mann schreibt SMS am Steuer.

Unterschätzt: die Gefahr von Handys am Steuer

Panorama 3 -

Telefonieren Sie manchmal beim Autofahren? Dann fahren Sie, als ob Sie 0,7 Promille im Blut hätten. Und wenn Sie eine SMS im Auto schreiben, dann wären es sogar rund 1,3 Promille.

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Wie viele Fahrer tatsächlich tippen oder telefonieren - das wollen ehrenamtliche Helfer des Autoclub Europa (ACE) herausfinden. Sie haben in der vergangenen Woche begonnen, in verschiedenen deutschen Städten den Verkehr zu beobachten. Im Herbst wollen sie ihre  Ergebnisse veröffentlichen.

"Kinder im Auto, Frau telefonierend"

Panorama 3 war bei einer der ersten Beobachtungen dabei: "LKW tippend, in einer Hand das Handy, in einer anderen eine Kaffeekanne. Frau, PKW, tippend". Frank Stawitzki beobachtet den Verkehr an den Hamburger Elbbrücken. Immer wieder sieht er, wie die Fahrzeuglenker an ihm vorbeifahren und telefonieren oder auf ihrem Handy tippen. "Kinder im Auto, Frau munter telefonierend - das ist ja unfassbar", ruft er.

Handy? Wie betrunken am Steuer

So sehr lenken SMS ab

Eine Studie von Januar 2015 zur Ablenkung durch Informations- und Kommunikationssysteme zeigt, dass die deutlichste Beeinträchtigung am Steuer vom Lesen und Schreiben von Textnachrichten ausgeht. Der Fahrer wendet seinen Blick lange von der Straße ab und ist daher um 69 Prozent beeinträchtigt. Mit immer noch sehr hohen Werten, folgt die Bedienung von Telefon (62 Prozent Beeinträchtigung) und Navigationssystem (59 Prozent Beeinträchtigung). Die Studie wurde von der Unfallforschung der Versicherer beauftragt und von der TU Braunschweig ausgeführt.

Das Handy am Steuer ist verboten - aus gutem Grund: Fahrer, die ihr Handy benutzen, sind abgelenkt. Studien belegen sogar: Wer telefoniert, fährt, als hätte er 0,7 Promille im Blut. Wer auf dem Handy tippt, fährt, als hätte er rund 1,3 Promille. Mark Vollrath, Professor für Verkehrspsychologie an der Technischen Universität in Braunschweig zeigt uns im Fahrsimulator, was bei der Handynutzung während der Fahrt passiert: Unsere Testperson schaut auf ihr Handy und nicht mehr auf die Fahrbahn: Es geht im Blindflug über die Autobahn.

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Mark Vollrath, Professor für Verkehrspsychologie, fordert, das Handy am Steuer konsequent auszuschalten.

Mit dem Handy verliere man den Überblick und damit auch die Kontrolle über sein Fahrzeug, erklärt Vollrath. Er ist sich sicher: Das Handy am Steuer steigert das Unfallrisiko. Vollrath fordert daher, dass Handy am Steuer konsequent auszuschalten. Besonders gefährdet seien junge Fahrer, sagt der Professor.

Ablenkung am Steuer

Das belegt auch eine aktuelle Studie der Universität Iowa. Von 2007 bis 2013 wurden Fahranfänger in den USA im Auto mit Kamera und Mikrofon ausgestattet: Die Studie zeigt, dass die zweithäufigste Ablenkung am Steuer das Handy ist. Bei Fahrern, die alleine unterwegs sind, sogar die häufigste Ablenkungsursache. Die Fahrer waren im Schnitt 4,1 Sekunden durch das Handy abgelenkt - und damit im Blindflug unterwegs, wie ein Video der Wissenschaftler um Daniel McGehee eindrucksvoll zeigt. Ihre Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zwölf Prozent der Unfälle aufgrund der Handyablenkung passiert sind.

Das sagt das Gesetz

Die Handynutzung ist in Paragraph 23 der Straßenverkehrsordnung geregelt: "Wer ein Fahrzeug führt, darf ein Mobil- oder Autotelefon nicht benutzen, wenn hierfür das Mobiltelefon oder der Hörer des Autotelefons aufgenommen oder gehalten werden muss. Dies gilt nicht, wenn das Fahrzeug steht und bei Kraftfahrzeugen der Motor ausgeschaltet ist." Telefonieren beim Fahren und das Senden von SMS ist verboten. Ebenso, das Handy als Navi zu nutzen oder die Uhrzeit abzulesen. Das Wegdrücken von Anruf ist übrigens auch verboten, das Weiterreichen jedoch erlaubt. Ein Verstoß stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Das bedeutet für den Fahrer 60 Euro und ein Punkt im Register in Flensburg.

In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen Handynutzung am Steuer und Unfällen im Verkehr bislang noch nicht mit Zahlen zu belegen. Ablenkung oder gar Handynutzung als Unfallursache tauchen in keiner amtlichen Statistik auf.

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Jörg Hilbert

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Polizei: Aufklärung durch Flyer

Verkehrssicherheitsberater Hans-Peter Schütte von der Polizei Hannover erklärt gegenüber Panorama 3, sie würden das Handy nur auslesen, wenn es freiwillig ausgehändigt würde. Die Polizei versucht indes, mit Aufklärungsmaterial auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Doch Appelle ans Gewissen allein würden kaum etwas bringen, so Mark Vollrath. Er fordert deswegen, den Verfolgungsdruck zu erhöhen. Könnte die Polizei auf die Daten auf den Handys  zugreifen, wäre die Beweisführung klar.

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Aufklärung und Appelle ans Gewissen allein würden kaum etwas bringen, so Mark Vollrath, Professor für Verkehrspsychologie .

Das Bundesjustizministerium teilt auf Nachfrage mit, es plane diesbezüglich keine gesetzlichen Änderungen. Zwar könnten Handys bereits jetzt zur Aufklärung von Straftaten sicher gestellt werden. Doch selbst von dieser Möglichkeit  wird in der Praxis nach schweren Verkehrsunfällen kaum Gebrauch gemacht. Wohl auch deshalb wird das Handy munter weiter im Auto benutzt.

Die Verkehrsbeobachter des Autoclub Europa haben schon bei ihrer ersten Zählung in Hamburg innerhalb von zwei Stunden 176 telefonierende und 105 Fahrer auf dem Handy tippend beobachtet. "So viele hätte ich vorher nicht erwartet. Wenn man das auf den ganzen Tag hochrechnet, dann sind das vermutlich einige Tausend. Tickende Zeitbomben - potentielle Sach- und Personenschäden", sagt Stawitzki. Während er spricht, fährt wieder ein Autofahrer vorbei, der tippt.

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