Stand: 13.09.2015 16:39 Uhr

Friedliche Demos gegen Rechte, aber auch Randale

In der Hamburger Innenstadt haben sich am Sonnabend Tausende Menschen an Kundgebungen und Demonstrationen gegen Fremdenhass beteiligt. Die Versammlungen richteten sich gegen einen ursprünglich in Hamburg geplanten Aufmarsch von Rechtsextremen, der im Vorfeld aber verboten worden war. Nach Polizeiangaben kamen rund 7.500 Menschen zur Kundgebung auf dem Rathausmarkt und etwa 14.000 zum Hauptbahnhof. Bei den Veranstaltungen selbst blieb es friedlich. Am Hauptbahnhof kam es jedoch zu Ausschreitungen von augenscheinlich linksgerichteten Demonstranten. Sie vermuteten Neonazis in Zügen. Nach Angaben der Bundespolizei warfen sie Steine auf die Bahn, zündeten Feuerwerkskörper und attackierten Beamte mit Reizgas. Zeitweise kam der Schienenverkehr zum Erliegen. Im Anschluss an die großen Kundgebungen lieferten sich Demonstranten im Schanzenviertel bis spät in die Nacht Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Proteste gegen Rechtsextreme und Randale

Polizei setzt Wasserwerfer im Schanzenviertel ein

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Vor der Roten Flora setzte die Polizei mehrere Wasserwerfer gegen Protestler ein.

Die Beamten sprachen von bis zu 500 linken Protestlern, die sich rund um das alternative Kulturzentrum Rote Flora versammelt hatten. Diese bewarfen Polizisten teilweise mit Flaschen und Steinen, zündeten Böller, schoben Müllcontainer auf die Straße und errichteten brennende Barrikaden. Die Polizei setzte Schlagstöcke, Wasserwerfer und Pfefferspray ein. Etwa 20 Aktivisten wurden zumindest vorübergehend festgenommen.

Unbeteiligter wird umgestoßen und bleibt liegen

Bis zum späten Abend lieferten sich beide Seiten immer wieder Scharmützel, bei denen ein 50-Jähriger Mann offenbar schwer verletzt wurde. Nach Informationen von NDR 90,3 stießen Polizisten bei ihrem Einsatz den Unbeteiligten um. Er blieb mehrere Minuten leblos am Boden liegen, bevor er behandelt werden konnte. Auf Videos, die im Netz zu sehen sind und die Szene zeigen sollen, ist zu erkennen, wie ein Mann von Polizisten umgerannt wird und dann rücklings liegen bleibt. Im Krankenhaus soll sich sein Zustand stabilisiert haben. Nach Aussagen der Feuerwehr hatte der Mann außerdem einen Zuckerschock. Die Polizei kündigte am Sonntag an, dem Vorfall nachzugehen.

Zugverkehr kommt am Nachmittag wieder in Gang

Die Polizei war den Tag über mit über 2.800 Beamten im Einsatz. Am Vormittag hatte es Meldungen gegeben, dass Rechtsextremisten wegen des Demo-Verbots in Hamburg nach Bremen ausweichen wollten. Daraufhin machten sich linke Demonstranten zum Bahnhof auf und störten den Zugverkehr. Die Polizei sperrte den Hauptbahnhof ab. Um Demonstranten fernzuhalten, setzten die Beamten der Deutschen Presse-Agentur zufolge auch Wasserwerfer ein. Am frühen Nachmittag konnten erste Fernzüge wieder fahren. Alle Züge, die zeitweise auf freier Strecke um Hamburg festsaßen, hätten in Bahnhöfe einfahren können, sagte eine Bahnsprecherin. Nach und nach normalisierte sich der Verkehr.

Bei den Auseinandersetzungen am Hauptbahnhof wurde nach Angaben der Bundespolizei auch eine Gruppe von 34 Neonazis in Gewahrsam genommen. Sie hätten im Bahnhof versucht, linke Demonstranten zu provozieren, sagte ein Polizeisprecher. Sie wurden später von Bergedorf aus unter Polizeibegleitung mit dem Zug nach Schwerin gebracht. Die Bundespolizei war mit rund 1.200 Beamten auf den Bahnhöfen im Norden unterwegs.

Scholz: "Weltoffene Stadt"

"Hamburg ist eine weltoffene Stadt und wir wollen denen entgegentreten, die mit Ressentiments und schlechter Gesinnung versuchen, diesen Zusammenhalt unseres Gemeinwesens in Frage zu stellen", sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bei der Kundgebung des Bündnisses "Hamburg bekennt Farbe" auf dem Rathausplatz. Die Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Kirsten Fehrs, erklärte, sie sei gekommen, um ein Zeichen der Vielfalt zu setzen. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) sagte: "Wir wollen keine Nazis, wir brauchen keine Hooligans, und wir brauchen keine Rassisten." Mit Ausnahme dieser Menschen sei jeder in der Hansestadt willkommen.

"Imagine" von John Lennon aus Tausenden Kehlen

Viele Demonstranten stimmten um 12 Uhr in den von Hamburger Radiosendern gemeinsam übertragenen Song "Imagine" von John Lennon ein. Die Radiosender hatten zuvor ihr Programm für einen gemeinsamen Text gegen Hass und Gewalt unterbrochen. Am Hachmannplatz beim Hauptbahnhof demonstrierten Anhänger des "Bündnis gegen Rechts", in dem sich rund 630 Verbände, Organisationen, Gewerkschaften und Initiativen zusammengeschlossen hatten. Sie zogen anschließend durch die Innenstadt.

Das Bundesverfassungsgericht hatte am Freitagabend einen Eilantrag gegen das Verbot der unter dem Motto "Tag der deutschen Patrioten" angemeldeten Demonstration abgelehnt. Zuvor wies bereits das Hamburger Oberverwaltungsgericht eine Beschwerde der Anmelder gegen das Verbot ab.

"Hätte auch ganz andere Bilder geben können"

Der Sprecher der Innenbehörde, Frank Reschreiter, zeigte sich am Sonntag erleichtert nach den Demonstrationen am Vortag. "Es hätte auch ganz andere Bilder geben können", sagte er zu NDR 90,3. Unterm Strich sei man "froh, wie es gelaufen ist". Gegen die Krawalle im Hauptbahnhof und im Schanzenviertel sei die Polizei besonnen und konsequent eingeschritten. Der CDU-Politiker Dennis Gladiator kritisierte in diesem Zusammenhang die Linke: Sie habe durch ihre Aufrufe die Lage angeheizt. Die FDP-Chefin Katja Suding nimmt die Krawalle linker Demonstranten zum Anlass, eine Forderung zu wiederholen: Neben dem Senatsprogramm gegen Rechte müsse auch eines gegen Linksextremisten aufgelegt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 12.09.2015 | 12:00 Uhr