Stand: 31.10.2014 15:00 Uhr

"Es geht nicht darum, ob sie schön sind"

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de
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Monika Barberi und ihr Vater Lieto bewirten ihre Gäste seit 29 Jahren in den City-Hochhäusern.

Für Monika Barberi gehören die City-Hochhäuser am Hamburger Hauptbahnhof zur Familiengeschichte. Seit 1985 führt sie im Erdgeschoss zusammen mit ihrem italienischen Vater einen Weinfachhandel mit warmem Mittagstisch. Die Rollen sind klar verteilt: "Moni", wie die Stammgäste sie nennen, ist für das Essen zuständig, der 77 Jahre alte Vater kümmert sich um die Getränke und die Kasse. An Stehtischen mit Barhockern gibt es Penne Bolognese oder Kalbsschnitzel. Die schlichten Holzregale rundherum quellen über mit Weinflaschen, die Fensterbänke sind mit Topfpflanzen vollgestellt. Mit dieser Idylle könnte es in drei Jahren vorbei sein. Denn die Stadt Hamburg will das Grundstück verkaufen. "Ach, große Sorgen mache ich mir nicht", sagt Monika Barberi. Seit Jahrzehnten werde über einen Abriss der Hochhäuser diskutiert. "Ärgerlich ist nur, dass etliche Stammgäste denken, dass wir schon weg sind. Die kommen rein und meinen: Oh, wieso habt ihr denn noch geöffnet?"

Ein Rundgang durch die City-Hochhäuser

"Selbsterfüllende Prophezeiung"

Monika Barberi erinnert sich gerne an die Zeiten, als die Ladenpassage des City-Hofs noch nicht so trostlos anmutete wie heute. Grau in Grau sieht alles aus. Fast alle Läden stehen seit Jahren leer, nur ein "Textiles Hairstudio" mit Perücken im Schaufenster hält sich tapfer. Schräg gegenüber ist ein Schaufenster mit schmuddeligen Gardinen verhangen. Und mittendrin: ein Abstellplatz für Müllcontainer. Einer, der sich über den Verfall ärgert ist Torsten Bernhardt, der im City-Hof ein Buch-Antiquariat führt- zur Straßenseite hin. Schmale Gänge führen durch Berge von Büchern. "Die Stadt lässt die Hochhäuser systematisch vergammeln", schimpft Bernhardt. "Und dass man sie dann als Schandfleck bezeichnet, ist eine selbsterfüllende Prophezeiung."

Der City-Hof

Der City-Hof ist einer der markantesten Nachkriegsbauten in Hamburg. Die vier Türme, auch City-Hochhäuser genannt, wurden von 1956 bis 1958 erbaut. Die Pläne stammen von dem Hamburger Architekten Rudolf Klophaus (1885-1957). Der City-Hof galt bei seiner Fertigstellung als moderner Bau: Es waren die ersten Hochhäuser in der Innenstadt nach 1945. Sie stehen seit 2013 unter Denkmalschutz. Der Stadt gehört das Grundstück seit 2006.

Buchhändler: Wir möchten bleiben

Vor etwa 25 Jahren hatte sein Vater die Buchhandlung von einem älteren Herrn übernommen, seit 14 Jahren führt nun Torsten Bernhardt zusammen mit der Mutter das Geschäft. Einen Abriss fände er schade. Nicht nur, weil sie mit dem Geschäft gerne an dem etablierten Standort bleiben möchten. "Klar, sind die Hochhäuser heutzutage kein Augenschmaus mehr. Die Frage ist aber, was stattdessen gebaut wird. So einen Glaspalast wie so viele andere in Hamburg halte ich nicht für erstrebenswert." Bernhardt ist für eine Sanierung. "Eine schöne neue Fassade würde schon viel ausmachen."

Filetgrundstück mit Nähe zur Hafencity

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Die Ladenpassage bietet seit Jahren ein trostloses Bild.

Ein Abriss der City-Hochhäuser ist aber wahrscheinlicher denn je. Die Stadt - seit 2006 Eigentümer - hat das Areal zum Verkauf angeboten. Bis zum 4. Februar 2015, 13 Uhr, können Investoren noch ihr Gebot abgeben. Die Finanzbehörde hofft auf ein lukratives Geschäft. Das 7.000 Quadratmeter große Grundstück "Klosterwall" gilt wegen seiner Innenstadtlage und seiner Nähe zur Hafencity als Filetgrundstück. In der Ausschreibung heißt es: "Den Bewerbern ist es freigestellt, ein Gebot abzugeben, welches eine Bestandssanierung unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes oder eine Neubebauung des Grundstückes vorsieht." Die Investoren haben also die Wahl zwischen Erhalt und Abriss der Hochhäuser.

Denkmalschutz - na und?

Seit Mai 2013 stehen sie zwar unter Denkmalschutz - als Nr. 29292 in der Denkmalliste. Aber die zuständige Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) hat schon klargestellt, dass sie sich einem Abriss nicht widersetzen werde. Die Finanzbehörde ist ohnehin für diese Lösung. Insider schätzen, dass ein Verkauf mit Abriss-Genehmigung 20 bis 30 Millionen Euro mehr einbringen würde. Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter ist auch kein Fürsprecher des City-Hofs. Er findet, das 50er-Jahre-Ensemble passe nicht zum Kontorhaus-Viertel mit dem berühmten Chile-Haus.

Das Bezirksamt zieht aus

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Bezirksamt-Mitte-Chef Andy Grote hält eine Sanierung der City-Hochhäuser für zu teuer.

Ein Abriss-Verfechter ist auch der Chef des Bezirksamt-Mitte, Andy Grote. Der SPD-Politiker hat seinen Schreibtisch im Block D stehen, im neunten Stock. Die Aussicht auf die Hafencity und die Speicherstadt ist prächtig - zumindest bei schönem Wetter. Sein Bezirksamt nutzt fast die gesamten Büroflächen in den vier Türmen. Aber der Auszug ist beschlossene Sache. Mitte 2017 sollen die Mitarbeiter in das Axel-Springer-Verlagsgebäude an der Caffamacherreihe ziehen. Ein Vorvertrag ist unterzeichnet, die letzten Verhandlungen laufen. "Die Arbeitszustände hier in den City-Hochhäusern sind einfach unzumutbar", sagt Grote im Gespräch mit NDR.de. Die Haustechnik sei völlig veraltet, vieles asbestbelastet und mitunter riesele es während einer Besprechung von der Decke. Eine Sanierung sei einfach zu teuer, sagt Grote. Er wünsche sich einen Neubau, in dem auch Platz für Wohnungen ist.

"Es geht nicht darum, ob die City-Hochhäuser schön sind oder nicht"

Abriss oder Erhalt? Auch für Marco Alexander Hosemann ist die Sache klar. Der Architektur-Student setzt sich für eine Rettung der Nachkriegsbauten ein. Seit Monaten ist der 28-Jährige immer wieder im City-Hof zu sehen. Er bietet Führungen an, um Hamburgern zu zeigen, welcher Architektur-Schatz womöglich verloren geht. "Wirklich schön finde ich die City-Hochhäuser auch nicht", sagt Hosemann. Aber darum gehe es gar nicht. "Wir stellen ja ein Gebäude ja nicht unter Denkmalschutz, weil es schön oder steinalt ist, sondern weil es Teil unserer Geschichte ist."

Fünf Klophaus-Bauten dicht beieinander

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Bis 1977 hatten die City-Hochhäuser eine helle, elegante Fassade - heute ist sie hinter grauen Platten versteckt.

Hosemann schwärmt für den Architekten der City-Hochhäuser, Rudolf Klophaus. Der Hamburger hatte zuvor im benachbarten Kontorhaus-Viertel vier Gebäude entworfen - in ganz anderen Stilen. Diese Bauten stammen aus den 1920er- oder 30er-Jahren. "Zusammen mit den City-Hochhäusern geben sie einen tollen Überblick über das Schaffen von Klophaus", sagt Hosemann. Mit weiteren Abriss-Gegnern hat er eine Initiative gegründet. An diesem Sonnabend laden sie zum "1. Aktionstag" ein. Mit Vorträgen, Fotos und einem Film wollen sie für den Erhalt der Gebäude werben.

Auch die Tochter des Architekten, Lieselotte Klophaus, engagiert sich bei der Initiative. "Die Gebäude sehen zwar inzwischen furchtbar aus", sagt die 70-Jährige im Gespräch mit NDR.de. "Aber es wäre schön, wenn sie erhalten werden könnten - beispielsweise für Künstler oder als Wohnraum für junge Leute." Die City-Hochhäuser seien für ihren Vater das letzte große Projekt gewesen.

"Ich glaube erst daran, wenn ich die Umzugswagen sehe"

Einer, der das Leben in den City-Hochhäusern jeden Tag mitbekommt, ist Hausmeister Mimo Ismail. Der Ägypter hat den Job vor zwanzig Jahren übernommen. Damals hatte die Ladenpassage schon die beste Zeit hinter sich. Die Rolltreppe am Deichtorplatz beispielsweise hat der Hausmeister nie in Betrieb gesehen. "So lange ich hier bin, wird auch schon über einen Abriss der Hochhäuser gesprochen", erinnert sich Ismail. "Ich glaube erst daran, wenn ich die Umzugswagen sehe." Er würde es bedauern, wenn das Ensemble verschwindet. Ihm seien die Hochhäuser ans Herz gewachsen.

Das Hoffen geht weiter

Ähnlich geht es Monika Barberi. Sie mag gar nicht daran denken, was aus ihrem Geschäft wird, wenn der Abriss tatsächlich kommt. Sie setzt weiterhin auf eine Sanierung. Barberi ist sich aber auch im Klaren, dass das "sehr viel Geld kosten" würde. "Und dann können wir die Miete sicher nicht mehr bezahlen", meint die Halbitalienerin. Im kommenden Jahr wird sie Gewissheit haben. Denn 2015 soll laut Finanzbehörde die Entscheidung über die Zukunft des City-Hofs fallen.

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Schlechtes Image: Hamburger Nachkriegsarchitektur

26.10.2014 19:30 Uhr
Hamburg Journal

Als die City-Hochhäuser 1958 eingeweiht wurden, galten sie als Vorboten der Moderne. Heute sehen viele Hamburger das Ensemble als Schandfleck- so wie andere Nachkriegsbauten. Video (03:37 min)

Weitere Informationen

Bezirksamt Mitte zieht ins Springer-Gebäude

Die Stadt Hamburg hat sich mit dem Axel-Springer-Verlag auf den Kauf des Verlagsgebäudes an der Caffamacherreihe geeinigt. Das Bezirksamt Mitte soll 2017 dorthin umziehen. (29.07.2014) mehr

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Metromart - Öffentliche Galerie für Graffiti Art

Die Galerie in den City-Hochhäusern zeigt Graffiti Art im Schaufenster. extern