Stand: 06.08.2015 12:59 Uhr

16 Flüchtlinge in einem 25-Quadratmeter-Zelt

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de

Wenn Arif (dieser und weitere Namen von der Redaktion geändert) morgens aufwacht, blickt er auf T-Shirts, Hosen und Socken, die an einer Leine über seinem Bett baumeln. "Derzeit waschen wir per Hand in den Waschbecken der Toilette, weil die Maschinen ständig besetzt sind", sagt der 23-Jährige in flüssigem Englisch. Der Bauingenieur aus dem syrischen Damaskus gehört zu den Alteingesessenen in Hamburgs größter Zentraler Erstaufnahme (ZEA) in der Schnackenburgallee 81. Seit Februar lebt er dort, derzeit zusammen mit etwa 1.300 weiteren Flüchtlingen.

Das umzäunte Lager ist zwischen Autobahn, Müllverbrennungsanlage und HSV-Parkplatz angesiedelt. Wer in die Unterkunft hinein- oder hinausmöchte, muss sich ausweisen. Arif teilt sich hier ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer im Erdgeschoss eines Wohncontainers mit zwei Männern aus dem Irak und aus Palästina. "Eine Zeit lang hat noch einer bei uns auf dem Boden geschlafen", berichtet er.

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Tritt er nach draußen, blickt Arif seit einigen Wochen auf eine große Fläche voll weißer Zelte. Die meisten sind geschlossen, vor einigen spielen Kinder. Am Rand sind Toilettenkabinen aufgereiht. Hunderte Wespen schwirren über überquellenden Müllcontainern. Auf den Wegen patroullieren Wachleute, einige Flüchtlinge fahren auf Rädern umher.

Privatsphäre gibt es nicht

"Salam" grüßt Arif vier junge Männer, die neben einem der Zelte stehen. "Dürfen wir mal bei Euch reinschauen?" Klar, sagen sie. Privatsphäre gibt es sowieso nicht. Er lüftet den Vorhang - ein Schwall abgestandener heißer Luft strömt heraus. Die Sonne hat das Zelt in eine Sauna verwandelt.

Wer glaubt, dass man nicht beengter wohnen kann als Arif in seinem Containerzimmer, wird hier eines Besseren belehrt. Auf schätzungsweise 25 Quadratmetern stehen acht Pritschen - einige doppelstöckig. Darauf liegen Bettzeug ohne Bezug und Kleidung. "Anfangs waren wir 16 Leute, jetzt zum Glück nur noch zehn", berichtet Zeltbewohner Rafik, der aus dem Irak vor dem Islamischen Staat (IS) geflohen ist.

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Bei der unerträglichen Hitze im Zelt können die Flüchtlinge nicht schlafen. Viele stellen ihre Betten nach draußen. Noch vor wenigen Tagen hätten sie nachts gefroren, sagen sie. Sinken die Temperaturen, kriecht die Kälte durch die Zeltwände und den Sperrholzboden in die Knochen. Als es stundenlang in Strömen regnete, hätten sie die Plane von außen mit Steinen abgedichtet, erzählen die jungen Männer. Außerdem haben sie Angst, krank zu werden. "In den Zelten geht gerade die Krätze um." Einer ihrer Mitbewohner sei deswegen bereits verlegt worden. In Jenfeld wurde deshalb sogar die Aufnahme von Flüchtlingen gestoppt.

Und dennoch: Die Flüchtlinge sind froh, es bis Hamburg geschafft zu haben. Zwar hätten sie nicht damit gerechnet, in Deutschland in einem Zelt schlafen zu müssen, "aber immerhin ist es besser als Krieg". Vor etwa drei Wochen seien sie angekommen und wünschen sich für ihr Zelt vor allem eins: Strom - um ihre Mobiltelefone aufladen zu können und mit den Verwandten zu telefonieren.

Diebstähle und Prügeleien

Auch Arif hat aus Syrien einen Tablet-Computer mitgebracht, der für ihn die wichtige Verbindung zu seiner Familie bedeutet. Ursprünglich hatte er zwei. "Den anderen hat mir jemand geklaut, als das Fenster zu unserem Zimmer mal offenstand und wir kurz weg waren", seufzt er. "Wo so viele verschiedene Menschen zusammenleben müssen, gibt es natürlich auch Kriminelle."

Es wird nicht nur gestohlen, sondern auch geprügelt. Erst kürzlich sei die Polizei wieder dort gewesen, weil sich Angehörige unterschiedlicher Nationalitäten handgreiflich stritten. Manchmal geht es um Weltanschauungen, manchmal sind es Verteilungskämpfe um das Wenige, das für die Vielen da ist. Die Zeltbewohner berichten, dass einige Containerbewohner sie nicht in ihre Duschen lassen. "Sie sagen, dass die nur für sie da sind."

Wachleute ständig auf Patrouille

Tag und Nacht laufen die Wachleute über das Gelände. Angesichts der Auseinandersetzungen könne er ihre ständige Präsenz absolut verstehen, sagt Arif. "Aber es fühlt sich trotzdem an wie im Gefängnis." Manchmal würden auch die Zimmer kontrolliert. Wenn die Männer in Uniform im Anmarsch sind, werfen seine Mitbewohner schnell eine Decke über eine elektrische Herdplatte, auf der sie heimlich kochen. "Das ist hier verboten, aber meine Mitbewohner mögen das Essen in der Unterkunft einfach nicht." Er verstehe sich gut mit ihnen, sie würden über ihre Hoffnungen und Nöte viel miteinander reden, sagt Arif.

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An einem der Container reiht er sich in eine Schlange ein, um sich die Essenskarte fürs Mittagessen abzuholen. "Da hinten ist unser Restaurant", sagt er und zeigt auf einen weiteren Container. Dort sitzen gegen 14 Uhr etwa 20 Menschen an mit Plastikfolie überzogenen Biertischen. Einige Kinderbilder an der Wand sind das einzig Fröhliche in dem Raum. Viele Flüchtlinge sitzen mit hängenden Köpfen über ihren Tellern. Gesprochen wird wenig. "Wenn man früher kommt, kriegt man keinen Platz", berichtet Arif und stochert mit seiner Plastikgabel in Fisch und Salzkartoffeln. Wasser, Tee und Kaffee zapfen sich die Flüchtlinge in Pappbecher, die in großer Zahl auch auf dem Gelände verstreut liegen.

20 Minuten Fußweg bis zur S-Bahn

"Ich sehe zu, dass ich hier rauskomme, so oft es geht", sagt Arif. Der sportliche junge Mann läuft von der Unterkunft 20 Minuten bis zur nächsten S-Bahn-Station. Er hilft in einer Kleiderkammer aus, "die Leute dort sind sehr nett". Obwohl er offiziell keinen Anspruch auf einen Sprachkurs hat, bemüht er sich, Deutsch zu lernen.

Der Bauingenieur träumt von einer Arbeit und einem ruhigen Leben in Deutschland. Seine Mutter und seine Schwester leben mittlerweile in Berlin. Doch vor einigen Wochen hat Arif erfahren, dass er wohl ins Erstaufnahmeland Tschechien zurückmuss, dort wurden seine Fingerabdrücke genommen. Seither schläft unter der Wäscheleine die Angst vor der Abschiebung mit ein.

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