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In den katholischen Kirchen sieht man ja oft Ministranten, die Weihrauch schwenken. Warum gibt es in evangelischen Kirchen eigentlich keinen Weihrauch?

Wahrscheinlich ahnen Sie es, das hat mit der Reformation und mit Martin Luther zu tun.

Doch zunächst: Weihrauch ist nicht nur in katholischen Kirchen zu finden. In vielen Kulten und zu allen Zeiten steigt Weihrauch zum Himmel. Im alten Ägypten, im römischen Tempeln, bei religiösen Feiern in Afrika oder Indien. Warum ist das so? Weihrauch gilt als Duft der Götter. Und so wie der Weihrauch aufsteigt, sollen die Gebete der Gläubigen zum Himmel steigen. Kein Wunder, dass in vielen Kulten und Religionen Weihrauch in früheren Zeiten mit Gold aufgewogen wurde. Das Duftharz aus der Rinde eines Baumes galt als göttlich oder heilig.

Geblieben ist davon z.B. der Weihrauch in der katholischen Kirche. Bei besonders festlichen Gottesdiensten werden Altar und Evangelium beräuchert. Ein kleine Spur davon finden wir auch in den Räucherkerzen der Weihnachtszeit oder in Räucherstäbchen, die manche Menschen zu Hause gerne entzünden. Bei anderen allerdings lösen diese Gerüche Hustenreiz oder gar Allergien aus.

Aber wie ist das nun mit der evangelischen Kirche? Martin Luther hatte Weihrauch zwar nicht ausdrücklich verboten, aber für ihn war er einfach nicht notwendig. Die Bibel und der Glauben - die waren ihm wichtig. Und darum schreibt er im großen Katechismus sinngemäß: Wichtiger als Weihrauch sind Gottes Gebote und sein Wort. Und doch überließ er es den einzelnen Gemeinden, ob sie Weihrauch einsetzen wollten oder nicht.

So gab es auch in manchen evangelischen Kirche noch lange Weihrauchfass und Räucherkessel - und zwar bis ins 19. Jahrhundert. Heute allerdings ist Weihrauch weitgehend verbannt. Trotzdem gibt es einige wenige evangelischen Gemeinden, die hin und wieder mit Weihrauch experimentieren. Sie sagen: Der Duft soll helfen, den Gottesdienst mit allen Sinnen erfahrbar zu machen. Nicht nur für Auge und Ohr, sondern auch für die Nase. Doch die Reaktionen sind unterschiedlich und schwanken irgendwo zwischen Begeisterung, Skepsis und klarer Ablehnung.

Und so scheint es, als bliebe es dabei: Was unterscheidet die evangelische von der katholischen Kirche? Zum Beispiel der Papst, die Maria und eben - der Weihrauch.

Autor: Jan von Lingen

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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