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Wenn ich in der Kirchenbank sitze, möchte ich die Tür zumachen und die Welt draußen lassen. Kirche soll doch eigentlich ein Ort der Ruhe sein. Aber warum ist die Kirche dann oft so politisch? 

Willkommen im Club! Mir geht das auch oft so. Ich kann Menschen gut verstehen, die sagen: Kirche ist für mich ein Ort der Innerlichkeit. Ich möchte hier zur Ruhe kommen und nicht mit allen Nöten dieser Welt konfrontiert werden. Eine Kirche ist schließlich kein Marktplatz und ein Gottesdienst keine Tagesschau.

Mir fallen dazu die christlichen Mystiker ein. Das sind Theologen, die sagen: Wir müssen uns selbst bei Gott ganz "loslassen". Und das heißt: Abschied nehmen von den lauten Stimmen des Alltags, von den Sorgen der Woche und den großen Problemen unserer Erde. Stellen Sie sich ein Gefäß vor. Es kann nur gefüllt werden, wenn es wirklich leer ist. Nur wenn wir uns vom Alltag für einen Moment lösen können, schöpfen wir ein wenig von Gottes Kraft.

Genau darum sagen Sie: Kirche soll ein Ort der Ruhe sein - und Sie fragen weiter: Aber warum ist die Kirche dann so politisch? Ein großer Theologe hat dazu einmal gesagt: "Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Menschen wieder auf."

"Bei Gott eintauchen" - in Gebet, Musik und Gottesdienst. Aber das ist eben kein statischer Zustand, sondern eine fließende Bewegung, Ich habe das Recht auf Stille und Erfüllung, aber diese wird mich wieder auf den Weg bringen, hinein in den Alltag und zu den Menschen, mit denen ich lebe.

Genau das wird auch von Jesus erzählt. Er konnte beides verbinden. Er war für die Menschen da, heilte, redete, hörte zu - aber dann wandte er sich ab, floh vor den Menschen, zog sich zurück zu Stille und Gebet. Auf einen Berg, in einen Garten, in den Tempel. Um sich bald darauf wieder unter die Menge zu mischen.

"Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Menschen wieder auf."

Ich glaube: Menschen, die sich von Gott in der Stille erfüllen lassen, können nicht still sitzen bleiben. Irgendwann stehen sie wieder auf und gehen ihren Weg in die Welt, zu den Menschen und ihren Sorgen. Sie haben etwas zu sagen und etwas zu tun.

Frage: Warum die Kirche so "politisch" ist? Antwort: Weil sie eben mehr ist als Bibel und Gesangbuch. Weil Christen nicht schweigen können, wenn Unrecht geschieht. Und darum melden sich Christinnen und Christen sowie Pastorinnen und Pastoren und Bischöfinnen und Bischöfe zu Wort, wenn es um Krieg und Frieden oder um Reichtum und Armut geht.

Eintauchen und Auftauchen.
Die Stille suchen und dann wieder Handeln.
Ora und labora – also: beten und arbeiten.
Beide Seiten gehören zusammen.

Autor: Jan von Lingen

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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