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von Andreas Brauns

"Zur katholischen Tradition gehören doch auch viele Dogmen. Wie wichtig sind diese Lehrsätze für den Glauben heute? Müssen Katholiken sie kennen?"

Müssen? Nein. Und die meisten Katholiken kennen diese Lehrsätze auch nicht. Wozu auch? Denn die zentralen Inhalte des Glaubens, die nie strittig waren, wurden auch nicht als Dogmen verkündet, also als Lehrsätze festgeschrieben. So gibt es zum Beispiel kein Dogma zur Auferstehung Jesu. Dennoch ist die Auferstehung ein verbindlicher Bestandteil des christlichen Glaubens. Sie gehört zum Kern.

Dogma als Mittel zur Macht

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Die meisten Katholiken kennen keinen Dogmen - auch weil sie oft unverständlich sind.

Dogmen waren meist Entscheidungen nach langen Diskussionen bei theologischen Streitfragen. Weil diese Lehrsätze immer in einem historischen Zusammenhang zu sehen sind, wirken viele heute oft unverständlich. Die ersten Dogmen wurden im vierten und fünften Jahrhundert verkündet: auf Kirchenversammlungen. Die jeweiligen Päpste haben dort mit den versammelten Bischöfen strittige Glaubensfragen entschieden. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, das Glaubensgut der Kirche zu schützen und die kirchliche Lehre mit höchster Autorität fortzuschreiben. Doch es ging manchmal nicht nur um das reine Glaubensgut, um die reine Lehre, also um Bibel und Überlieferung. Es ging oft auch um Deutungshoheit und Macht. Denn alle, die bis zur Entscheidung anderer Meinung waren, mussten danach widerrufen oder sie wurden ausgeschlossen aus der Kirche.

Kritik an Dogmen

Es klingt vielleicht sonderbar, doch heute glauben die meisten Katholiken, ohne der kirchlichen Lehre in allem zuzustimmen oder den Großteil der Dogmen zu kennen. Diese verbindlichen Entscheidungen, hinter die zwar nicht mehr zurückgegangen werden kann, die aber die ausgesagte Wahrheit nicht endgültig und abschließend erfassen. Dogmen sind prinzipiell offen. Sie können fortgeschrieben werden. Die Wirklichkeit und Wahrheit des Glaubens neu sagen.

Wie viele Dogmen es gibt, ist unbekannt. In einem Buch, das die Wahrheiten des katholischen Glaubens zusammenfasst, sind allerdings fast 1000 Lehrsätze abgedruckt. Angefangen bei der Aussage: Jesu war nicht nur ganz Mensch, sondern auch ganz Gott; bis hin zu der 1870 verkündeten Überzeugung: Der Papst kann als oberster Hüter des Glaubens und als oberster Hirte nicht irren, wenn er eine Glaubenswahrheit verkündet. Ein Dogma, das bis heute kritisch gesehen wird. Auch 1870 war es auf dem Ersten Vatikanischen Konzil umstritten. Bei der offiziellen Abstimmung gab es viele Gegenstimmen.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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