Stand: 12.07.2017 09:40 Uhr

Kolumne: Kollektive Reinigung unserer Seelen

von Jan Dieckmann
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Beim G20-Gipfel in Hamburg kam es zu schweren Krawallen.

"Terroristen", "Extremisten" und "Asoziale" lese ich, die möglichst "lange Haftstrafen" kriegen sollen. Mit der Verteufelung der Täter klingt der Gipfel aus, als müsste es nach der Straßenreinigung auch eine kollektive Reinigung unserer Seelen geben, die durch die Gewaltexzesse in Hamburg verwundet und verstört wurden. Um es vorweg zu sagen: Als Christ bin natürlich auch ich für null Toleranz gegenüber Gewalt. Aber ich bin genauso dagegen, Menschen zu dämonisieren, selbst, wenn sie schwerste Straftaten begangen haben.

Die Tat ist nicht der ganze Mensch

Mir ist danach, auf die Bremse zu treten. "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Auch, wenn es unbequem ist - dieser Satz gilt auch für Steinewerfer. Aus christlicher Perspektive sind die jungen Menschen, die in Hamburg geplündert und Gewalt entfesselt haben, erstmal eines: geliebte Geschöpfe Gottes. Mir hilft diese Erinnerung an das christliche Menschenbild, um besser zu unterscheiden zwischen dem einzelnen Menschen und seiner Tat. Die Tat ist schlecht. Sie erschreckt. Und sie gehört bestraft. Aber sie ist nicht der ganze Mensch.

Als Christ versuche ich die jungen Leute, die da gewütet haben, auch in ihrem Alltag zu sehen, als ganz normale Jungs, die vielleicht zur Uni oder Arbeit gehen, vielleicht noch bei Mama wohnen und am Wochenende mit ihren Freunden durch die Kneipen ziehen. Um dann zu fragen: Was hat sie in ihrer Zerstörungswut jedes Maß verlieren lassen?

Agression ist gesellschaftliches Tabuthema

Das hilft gegen simple Verteufelung. Und öffnet den Blick dafür, auf die Dynamik und das Umfeld zu blicken. Ich bin überzeugt, bei der Mehrzahl der jungen Männer war nicht die linke Ideologie (antikapitalistisch oder wo auch immer gegen) das verbindende Element des Gewaltausbruchs, sondern die pure Lust an der Gewalt. Der Adrenalin-Kick des Tabubruchs und ja, die anarchische Lust, etwas kaputtzumachen und die Fassade des Alltags zu zerstören. Das verbindet die Gewalttäter von Hamburg mit Fußballhooligens und anderen randalierende Chaoten.

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Pastor Jan Dieckmann ist dagagen, die Täter zu dämonisieren.

Alles nicht gut. Alles nicht zu tolerieren! Aber vielleicht ein Indiz dafür, dass hinter dem Gewaltausbruch noch tiefer sitzende Gründe schlummern, denen auch mit anderen als nur polizeilichen Maßnahmen begegnet werde muss. Wir haben in unserer Gesellschaft das mächtige und in der Entwicklung besonders von Jungen allgegenwärtige Thema "Aggression" hysterisch tabuisiert. Viele Pädagoginnen und Pädagogen stellen fest, dass die damit einhergehende Überbehütung unserer Kinder und Jugendlichen schadet.

Alles keine Entschuldigung für verletze Polizisten und brennende Barrikaden. Ein Anker der Hoffnung dafür, dass wir aus den Gewaltausbrüchen von Hamburg jetzt zumindest die richtigen Schlüsse ziehen.

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