Stand: 04.10.2017 12:30 Uhr

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von Oliver Vorwald

"Die Kirchen bekommen jedes Jahr Millionenbeträge von den Bundesländern, habe ich gelesen. Warum? Staat und Kirche sind in Deutschland doch getrennt?"

Napoleons Machthunger trägt erheblich dazu bei, dass es in der Bundesrepublik die sogenannten Staatsleistungen gibt. Am Beginn des 19. Jahrhunderts erobert der kleine Korse halb Europa. Viele deutsche Fürsten müssen Land an Frankreich abtreten, bares Geld. Sie wollen Ersatz, enteignen die Kirchen. Und zwar im großen Stil. Gemeinden, Klöster, Sprengel verlieren fast 100.000 Quadratkilometer Wald, Acker, Weideland. Dieser Verlust gefährdet deren Wirtschaftsgrundlage. Damit die Kirchen dennoch ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen können, verpflichten sich die Fürsten zu einem regelmäßigen Ausgleich in klingender Münze.

Zahlungen müssen nicht ewig fließen

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Nur kleinere Parteien fordern eine striktere Trennung zwischen Kirche und Staat.

Bei den Staatsleistungen an die Kirchen handelt es sich also um Reparationen, Pachtersatzleistungen für staatliche Enteignungen aus den vorigen Jahrhunderten. Als sich Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg eine demokratische Verfassung gibt, werden diese Entschädigungszahlungen rechtlich verankert. Die Bundesrepublik übernimmt diese Regelungen mit dem Artikel 140. Denn in einem Rechtsstaat gilt der Grundsatz: Verträge sind einzuhalten. Das heißt aber nicht, dass die Staatsleistungen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag weiterlaufen müssen. Das Grundgesetz sieht nämlich vor, dass diese Zahlungen abgelöst werden. Dafür müssten sich Staat und Kirchen auf eine Summe einigen, die den Verlust aufwiegt. Viele Politiker sind da etwas zögerlich. Denn dieser Geldbetrag könnte laut Schätzungen das 25-fache der jährlichen Staatsleistungen betragen. Die Landeskirche Hannovers beispielsweise erhältlich jährlich rund 20 Millionen Euro vom Land Niedersachsen.

Mehr Geben als Nehmen

Das liebe Geld. Klar, dass es da immer wieder Streit gibt. Im Haushalt der Kirchen machen die Staatsleistungen aber nur einen kleinen Teil der Erträge aus. In der Landeskirche Hannovers sind das etwa vier Prozent. Außerdem sollte nicht vergessen werden, die Gesellschaft profitiert von dieser Regelung. Die Landeskirche Hannovers hat dazu eine Aufstellung gemacht. Jährlich fließen über 50 Millionen Euro in soziale Projekte sowie in den Unterhalt von Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten. Dieser Betrag ist mehr als doppelt so hoch wie die Staatsleistungen des Bundeslandes. Es ist also ein Nehmen, vor allem aber ein Geben.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 07.10.2017 | 09:15 Uhr

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