Stand: 16.03.2017 10:30 Uhr

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von Andreas Brauns

"Manchmal könnte ich während eines Gottesdienstes aus der Kirche laufen, weil da immer nur von Schuld gesprochen wird. Muss das sein?"

Nicht wenige finden das ständige Herumreiten auf der Schuld übertrieben. Da sind Sie also nicht allein. Doch, es gibt Schuld. Und weil diese unbequeme Tatsache oft und gern verdrängt wird, ist sie Thema im Gottesdienst. Und das nicht nur in einem Gebet. Das ist unbequem, aber es entspricht den Tatsachen. Wer könnte schon vor Gott hintreten und reinen Gewissens behaupten: Ich bin ohne Schuld? Also macht es durchaus Sinn, sich Schuld einzugestehen, sie vor Gott zur Sprache zu bringen. Etwa im Schuldbekenntnis oder im Vaterunser. Da heißt es seit 2.000 Jahren: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", also denen, die an uns schuldig geworden sind.

Verantwortung übernehmen

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Ein Gebet allein reicht nicht immer, um Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen.

Wie oft wird das von Menschen gebetet? Aber wie schwer fällt es, nach diesen Worten zu handeln und zu vergeben? Es ist doch viel menschlicher, andere immer wieder an ihre Schuld zu erinnern, darauf herumzureiten. Nur von der eigenen Schuld, da möchte man nichts hören. Christen glauben: Gott verurteilt den Menschen nicht, er vergibt und freut sich über jeden, der bereut und umkehrt. Doch vor der Umkehr steht das Eingeständnis: Ja, ich war's. Ich übernehme die Verantwortung für mein Tun.

Bekenntnis zur Schuld kann befreien

In den Wochen vor Ostern, da ist in den Gottesdiensten tatsächlich besonders häufig von Schuld die Rede. Und der Mensch ist immer nur ein Sünder. Das deprimiert manche. Sie fühlen sich ganz klein und unwürdig. Andere hören über diese Begriffe hinweg. Sie sehen sich als mündige Christen vor ihrem Gott, die sich nicht von der Kirche einreden lassen müssen, was sie für große Sünder sind. Menschen, die ihr Gewissen befragen, werden mit ihrer eigenen Schuld konfrontiert. Damit sie die aber nicht in sich vergraben und darunter leiden, ist es gut, dass im Gottesdienst die Schuld zur Sprache kommt und Menschen sich vor Gott dazu bekennen können. Das befreit.

Wenn allerdings nur noch von Schuld die Rede ist, dann hat das mit Befreiung nichts mehr zu tun. Dann brechen Menschen eher unter der Last ihrer Schuld zusammen. Einer Schuld, die noch größer erscheint, weil die Kirche sie immer und immer wieder betont. So wird die Frohbotschaft jedoch zur Drohbotschaft.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 18.03.2017 | 09:15 Uhr

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