Stand: 25.08.2015 17:00 Uhr

Der Überlebenskampf deutscher Medienhäuser

von Jörg Pfuhl, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Junge Leute lesen immer seltener Zeitung - sie schauen stattdessen lieber auf ihr Smartphone und informieren sich im Netz, kostenlos. Der digitale Wandel trifft deutsche Medienhäuser mit voller Wucht. Wir fragen in dieser Woche bei einzelnen Häusern nach, wie sie den Sturm überleben. Einsteigen wollen wir mit einem Überblick: Wie unterscheiden sich die Verlage in ihren Antworten aufs digitale Zeitalter?

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"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hofft, die magische Formel für die Zukunft seines Hauses zu finden.

Das größte deutsche Nachrichtenmagazin, der "Spiegel", war eigentlich ganz früh dabei: Vor mehr als 20 Jahren schon ging "Spiegel Online" an den Start und ist bis heute profitabel, nur durch Werbung. Das gedruckte Magazin aber schrumpft stärker als Online gewachsen ist. Unterm Strich gehen Umsatz und Gewinn seit Jahren zurück, der "Spiegel" legt Sparprogramme auf. Parallel denkt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über neue digitale Beiboote nach: vielleicht eine digitale Abendzeitung, vielleicht eine internationale Online-Ausgabe, vielleicht Einzelverkauf von Artikeln im Netz. "Die konkrete Antwort, die magische Formel, hätten wir gerne. Ich hoffe, dass wir sie finden. Die hat aber im Moment noch kein Medienhaus. Wir arbeiten daran, sie als erste zu haben," sagt Brinkbäumer.

Twitter und Co. übernehmen Nachrichtenverbreitung

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Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa beklagt: "Wir sind nicht mehr die Überbringer der Nachrichten, sondern müssen nur noch erklären warum."

Immerhin schreibt der "Spiegel" in seinem journalistischen Kerngeschäft noch schwarze Zahlen. Bei der Deutschen Presseagentur dpa ist das schon anders. Sven Gösmann ist Chef der mit rund 1.000 Journalisten womöglich größten deutschen Redaktion. Zugleich der unsichtbarsten, denn seine dpa verlegt ja nichts, sondern verkauft ihre Nachrichten an die großen Medien. Und Nachrichten für Geld zu verkaufen, ist im digitalen Zeitalter ein Problem. Gösmann: "Früher waren Nachrichtenagenturen die Überbringer guter und schlechter Nachrichten. Das ist vorbei. Heute verkündet ein Yanis Varoufakis seinen Rücktritt zuerst bei Twitter, und dann heißt es für uns: wir müssen es einordnen und erklären, warum er zurückgetreten ist. Das ist unser neuer Job."

Auflagen schrumpfen weiter

Obendrein brechen dpa die Kunden weg. Die Auflage von Zeitungen in Deutschland schrumpft, Jahr für Jahr um etwa fünf Prozent. Im journalistischen Kerngeschäft, also Texte und Fotos für Medien, schreibt dpa mittlerweile rote Zahlen. Geld kommt nur noch aus neuen Geschäften: Kundenmagazine für Unternehmen, Twitterlisten für online-Portale, Pressemitteilungen im Auftrag von Verbänden, Firmen, Politik.

Umsatz mit Kleinanzeigen und Heimwerkerportalen

Europas größtes Zeitschriftenhaus, die Bauer-Gruppe, setzt nach wie vor auf ihre rund 600 gedruckten Zeitschriften, von "Bravo" bis "Cosmopolitan". Doch die gute alte "Bravo" hat heute kaum mehr als ein Zehntel ihrer früheren Millionenauflage. Bauer sucht digitalen Ersatz zum Beispiel mit Kleinanzeigen bei "gebrauchtwagen.de" oder Bezahlangeboten für Heimwerker: "Wir haben ein Portal, das heißt 'selbst.de', dort kann man Bauanleitungen für Carports, Kaninchenhäuser oder ähnliches finden kann. Hier ist der Konsument auch bereit, Geld zu bezahlen," sagt Bauers Digital-Manager Markus Hüßmann. Aber Geld scheffeln geht anders. Gerade einmal fünf Prozent seines Umsatzes macht Bauer digital.

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Markus Hüßmann managt das internationale Digitalgeschäft der Bauer Media Group,

Bei Springer sind es zehnmal mehr, über 50 Prozent. Die meisten Printtitel hat Springer schon verkauft, von "Morgenpost" über "Hörzu" bis "Hamburger Abendblatt". Sein Immobilienteil heißt jetzt "immonet", die Stellenanzeigen "stepstone" und die Kleinanzeigen gibt es nur noch digital auf "meinestadt.de". Vorstandschef Döpfner wandelt Springer von einem journalistischen Verlag zu einem digitalen Kleinanzeigen-Konzern: "Wir glauben an die drei klassischen Erlösquellen eines Verlages: den zahlenden Leser, den zahlenden Anzeigenkunden und den zahlenden Kleinanzeigenkunden. Deshalb kaufen und gründen wir auf diesem Feld digitale Unternehmen."

Wenig Zahlungsbereitschaft für Journalismus im Netz

Mit Anzeigen und Kleinanzeigen funktioniert das blendend - gut 40 Prozent Umsatzrendite ist mehr als Apple oder Google schaffen. Nur für Journalismus will im Netz kaum einer zahlen. Gruner und Jahr begnügt sich deshalb nicht mehr mit Zeitschriften wie "Stern", "Gala" oder "Beef". Das Magazin für Fleischesser hat seinen eigenen Online-Shop, in dem der Leser Grillschürze, Kochbuch und Gewürz bestellen kann. Ein Verlag wird zum Händler. Unternehmenssprecher Frank Thomsen nennt neben Journalismus und Anzeigen als künftige dritte Säule des Verlags 'commerce': "In den Bereichen, in denen wir führend sind, wie Essen, Wohnen und Familie, wollen wir ein Geschäft aufbauen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 24.08.2015 | 10:41 Uhr