Stand: 04.01.2016 19:00 Uhr

Afghanische Ortskräfte in Sorge um Familien

Jahrelang arbeiteten sie als afghanische Ortkräfte der Bundesregierung: Dolmetscher, Wächter oder Projektmitarbeiter, beispielsweise von Bundeswehr oder Entwicklungsministerium. Weil viele wegen ihrer Arbeit für die Deutschen bedroht wurden, stellten sie Ausreise-Anträge. Gut die Hälfte der Antragsteller durfte bislang nach Deutschland. Doch sie haben zunehmend Angst um zurückgebliebene Familienmitglieder, die durch das Erstarken der Taliban immer stärker gefährdet sind.

Taliban besetzen Kundus

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Mansoor Ashrafi ist in München in Sicherheit, fürchtet aber um seine Familie.

Schlechte Nachrichten am 28. September 2015: Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr fällt die nordafghanische Stadt Kundus in die Hände der radikal-islamischen Taliban. Entsetzt verfolgt Mansoor Ashrafi in München die Meldungen aus seiner Heimatstadt. Seit Februar 2015 ist er in Deutschland, weil er als ehemaliger Übersetzer für deutsche Regierungsorganisationen bedroht wurde. Seither versucht er, seine Familie nachzuholen. Nach der Besetzung von Kundus tauchen Taliban vor dem Haus von der Familie auf und fragen nach dem Übersetzer. "Die Vermummten sagten: Mansoor hat für Nicht-Moslems gearbeitet, bekommt immer noch Geld von ihnen und deshalb ist er selbst kein Moslem und den Taliban gehört das Haus", so der junge Afghane. "Unsere Nachbarn sagten: Wenn Eltern und Geschwister zu Hause gewesen wären, hätten die Taliban sie enthauptet." 

Warten auf Bescheid der Deutschen

Doch Eltern und Bruder Ashrafis waren kurz zuvor geflohen. Seit drei Monaten warten sie jetzt auf Bescheid der deutschen Behörden zu ihrem Ausreise-Antrag. Meist verlangen die Entscheider konkrete Nachweise einer Bedrohung. In Unruhe-Provinzen wie Kundus sei das unrealistisch, meint Fabian Forster vom Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte, einer Initiative vor allem von Bundeswehrsoldaten. "Eine ehemalige Ortskraft hat es mir so gesagt: Drohbriefe und Drohanrufe gab es in Zeiten, in denen die Taliban noch schwach waren, wo man an die Leute nicht so herangekommen ist, wo sie auch von der Bundeswehr noch geschützt wurden." Doch jetzt sei die Situation anders, so Forster: "Wenn die Taliban jemandem etwas antun möchten, dann können sie das ohne Weiteres tun und müssen dafür keinen Drohbrief mehr schreiben."

Kennen die Taliban die Adressen der Ortskräfte?

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Abdullah Arian durfte Tochter und Frau nach Deutschland holen und ist dafür dankbar.

Weil Abdullah Arian bei der Bundeswehr kein Gehör fand, floh der Dolmetscher 2012 illegal aus Kundus nach Deutschland. Inzwischen ist der 26-Jährige anerkannt, Frau und Tochter durften nachkommen. Arian ist dankbar, fürchtet aber um seine zurückgebliebenen Familienmitglieder, die weiter bedroht werden. "Vor der Eroberung von Kundus wussten die Taliban nur, dass es Mitarbeiter der ISAF und anderer ausländischer Organisationen in Kundus gibt. Jetzt wissen sie genau, wo jeder wohnt, kennen alle Adressen." Viele von Arians Ex-Kollegen berichteten Ähnliches. Doch die Bundesregierung widerspricht und erklärt schriftlich:

"Eine systematische Erfassung und Nutzung personenbezogener Daten der Ortskräfte zum Zwecke konkreter Bedrohung durch die Taliban konnte im Zusammenhang mit der Einnahme der Stadt Kundus nicht bestätigt werden."  

Nach wie vor prüfe man in jedem Einzelfall die Gefährdungslage des Antragstellers, teilte das federführende Bundesinnenministerium mit.

Bedrohung treibt Familienangehörige in die Flucht

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Abdullah Arian hält Flucht für das geringere Risiko angesichts der verschlechterten Sicherheitslage.

Einige Familienangehörige von Ortskräften sind inzwischen geflohen. Wenn die Lage so bleibe, werden sich noch mehr auf den Weg nach Deutschland machen, meint Abdullah Arian. Das Risiko, in Afghanistan zu bleiben, sei größer als bei der Flucht. "Als ich mich zur Flucht entschloss, sagte ich mir: Wenn ich auf dem Weg sterbe, dann habe ich es wenigstens versucht. Besser als in Afghanistan darauf zu warten, dass die deutschen Behörden mich herausbringen. Wenn ich dann dort ums Leben komme, bin ich auch selbst mit daran schuld, dachte ich."       

Weitere Informationen

Hilfsappell von Afghanen in Hamburg

Sie wollen auf das ungewisse Schicksal ihrer Familien im umkämpften Kundus aufmerksam machen: In Hamburg haben Ex-Bundeswehrübersetzer aus Afghanisten eine Mahnwache gehalten. mehr

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Hoffnungsvoller Start ins neue Leben

Weil die Taliban ihn töten wollten, durfte ein afghanischer Bundeswehr-Dolmetscher 2014 nach Deutschland. Nun konnte er seine Familie nach Hamburg holen. Mehr auf tagesschau.de. (01.09.2015) extern

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Ex-Bundeswehr-Dolmetscher: Angst um die Familie

Aliullah und Qyamuddin haben es geschafft. Die Ex-Bundeswehr-Dolmetscher sind 2014 aus Kundus entkommen. Ihre Familien jedoch mussten dort bleiben. Mehr auf tagesschau.de. (30.09.2015) extern

Bundeswehr-Paten für afghanische Ex-Kollegen

11.07.2015 19:20 Uhr

Freiwillige helfen ehemaligen afghanischen Ortskräften der Bundeswehr nach ihrer Ankunft in Deutschland. Das Programm läuft gut, doch Probleme im Verfahren für Gefährdete bleiben. (11.07.2015) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 05.01.2016 | 06:00 Uhr