Stand: 31.01.2016 10:48 Uhr

Die Welt ist besser als ihr Ruf

Ja, die aktuellen internationalen und nationalen Herausforderungen sind groß. Doch sehen wir die Gegenwart nicht trotzdem viel zu pessimistisch? Ist zum Lösen von Krisen und Problemen nicht vor allem Optimismus vonnöten?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Dominik Wichmann, Chefredakteur der internationalen Digitalkonferenzen DLD

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"Autoren von Untergangsszenarien sind nichts anderes als Wichtigtuer und Angstmacher", schreibt Dominik Wichmann in seinem Kommentar.

Es sollte ein Symbol mit großer Wirkung sein: Zu Beginn dieser Woche ließen einige internationale Atomwissenschaftler die Öffentlichkeit wissen, dass die Zukunft unseres Planeten so sehr wie selten zuvor gefährdet sei. Um diese Warnung entsprechend zu illustrieren, schoben sie den Minutenzeiger einer riesigen Uhr von fünf vor zwölf auf drei Minuten vor zwölf. Die mögliche Auslöschung der Menschheit stünde ihrer Ansicht nach also unmittelbar zuvor.

Kassandra-Rufe übertönen den Diskurs

Wer regelmäßig die Nachrichtensendungen und Tageszeitungen konsumiert, für den sind Meldungen wie die von den an der Uhr drehenden Wissenschaftlern keine Überraschung.

Egal, ob es um innen- oder außenpolitische Themen geht; egal, ob wir über Flüchtlinge, die öffentliche Sicherheit oder den amerikanischen Vorwahlkampf diskutieren, immer übertönen Kassandra-Rufe den Diskurs. Immer befürchten wir das Schlimmste, immer wollen uns Apokalyptiker weiß machen, dass es höchstwahrscheinlich bald nur noch in eine Richtung gehen wird: nämlich nach unten.

Ein Absturz ist immer interessant

In der angelsächsischen Publizistik gibt es für diese Fokussierung auf das Negative eine schöne Redewendung: Nobody reports about happy landings. Frei übersetzt: Die sichere Landung eines Flugzeugs ist nicht der Rede wert, geschweige denn der Berichterstattung. Ein Absturz hingegen ist immer interessant.

Und so sprechen wir im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Paris" nicht vom erfolgreichsten Klimagipfel der vergangenen zwanzig Jahre, sondern vor allem von den schrecklichen Terroranschlägen unmittelbar davor. Fällt das Stichwort Iran, so geht es um das sich offenbar vertiefende Schisma von Sunniten und Schiiten - und nicht etwa um die Tatsache, dass mit dem unlängst unterzeichneten Atomabkommen eine ganze Region nachhaltig sicherer gemacht worden ist. Der Deal ist das Ergebnis kluger Diplomatie. Gleiches geschieht gerade in Kolumbien, auf Kuba und zwischen Pakistan und Indien.

Weniger Armut, weniger Kindersterblichkeit, weniger Kriege

Ja, die internationalen und nationalen Herausforderungen sind trotzdem gewaltig, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Es gibt aber auch keinen Zweifel daran, dass die Welt heute sicherer und gesünder ist als jemals zuvor: Heute leben eine Milliarde Menschen weniger in Armut als das noch 1990 der Fall war. Im selben Zeitraum hat sich das Durchschnittseinkommen der Weltbevölkerung deutlich erhöht, die Kindersterblichkeit hingegen ist drastisch gesunken. Die Zahl der Kriege ist - trotz Syrien - geringer als noch vor zwanzig Jahren, und die Erfolge bei der Bekämpfung von Malaria und anderen Krankheiten sind beträchtlich.

Noch 1960 starben in den Entwicklungsländern 22 Prozent aller Kinder bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht hatten. Heute sind es lediglich noch fünf Prozent, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben.

Apokalyptische Interpretation des Zeitgeschehens

Natürlich sind das immer noch fünf Prozent zu viel. Und es soll auch nicht darum gehen, schlechte Nachrichten durch gute Nachrichten zu ersetzen. Entscheidend jedoch scheint zu sein, dass die Wahrnehmung dessen, was um uns herum geschieht, nicht immer mit der tatsächlichen Wirklichkeit übereinstimmt. Die Welt, in der wir leben, ist bei Weitem nicht so krisenhaft, wie sie hierzulande oft beschrieben wird.

Ja, hierzulande. Denn der Hang zur apokalyptischen Interpretation des Zeitgeschehens ist in Deutschland deutlich stärker ausgeprägt als in den meisten anderen Ländern. Woher diese Fixierung auf das Schlechte stammt, sei dahingestellt. Eine Ursache mag ein immer hysterischer werdender Journalismus sein. Ein Journalismus, der - angestachelt durch die sozialen Medien - im Kampf um Aufmerksamkeit zunehmend auf Skandalisierungen setzt, anstatt Nachrichten in einen erklärenden Kontext zu rücken.

Die stete Suche nach dem Kompromiss

Nehmen wir als Beispiel dafür die Einigung auf das Asylpaket II vor einigen Tagen: Kaum hatten sich die Regierungsparteien darauf verständigt, wurden die Verhandlungsführer dafür kritisiert, einen Kompromiss eingegangen zu sein. Wer aber im Kontext politischen Handelns die Akteure dafür kritisiert, Kompromisse beschlossen zu haben, der hat das Wesen von Politik nicht verstanden. Die Politik im Parlamentarismus ist eine stete Suche nach dem Kompromiss.

Erklären und begreifen

Wenn wir die Errungenschaften aus den Augen verlieren, dann verstehen wir auch irgendwann nicht mehr die Gründe, warum uns etwas gelungen ist. Wenn wir nicht begreifen und erklärt bekommen, unter welchen Bedingungen etwas zu schaffen ist, dann muss das Mantra der Kanzlerin ("Wir schaffen das") eine hohle Phrase bleiben. Dabei ist Deutschland selbstverständlich in der Lage, die Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Angst ist ein schlechter Berater

Den Vernünftigen ist klar, dass die Autoren von Untergangsszenarien nichts anderes sind als Wichtigtuer und Angstmacher. Erinnern wir uns deshalb bitte kurz an diesen klugen Satz von Franklin Roosevelt, gesprochen im Jahr 1933 - zu einer Zeit also, in der die Welt vor ein paar größeren Problemen stand als heute: "Die einzige Sache, vor der wir wirklich Angst haben sollten, ist die Angst an sich."

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NDR Info | Kommentare | 31.01.2016 | 09:25 Uhr