Stand: 29.09.2017 17:16 Uhr

Die deutsche Einheit: Eine Illusion?

Auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Ost und West noch nicht zusammengewachsen und die politischen, gesellschaftlichen, religiösen und politischen Unterschiede massiv.

Der Wochenkommentar "Die Meinung" von Rainer Sütfeld, NDR Kultur

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Es wird noch dauern, bis Gräben, die nach der Öffnung der Mauer entstanden sind, zumindest überbrückt werden, schreibt Rainer Sütfeld in seinem Kommentar.

Deutschland ist kein gespaltenes Land, aber genauso wenig eine Einheit. Wie auch - bei der Vielfalt, die dieser Staat zu bieten hat. Zwischen Hamburg und Bayern gab es nie eine Mauer, aber trotzdem sind die politischen, gesellschaftlichen, religiösen und politischen Unterschiede massiv. Wir haben uns in bald 80 Jahren Bundesrepublik daran gewöhnt, auch an harsche Töne, die früher aus dem Süden, jetzt eher aus dem Osten kommen. An Ratten und Schmeißfliegen mag sich manch Westdeutscher erinnern.

Trotz materieller Hilfen wächst Unzufriedenheit

Heute, 27 Jahren nach der Wiedervereinigung, die nicht das vorrangige Ziel der DDR-Revolution war, haben wir uns noch nicht aneinander gewöhnt. Der massive Erfolg einer rechtspopulistischen Partei, einer lautstarken Protestpartei im Osten der Republik hat Politiker und Beobachter schockiert. Warum nur? Das Gären, nicht nur das im alternativen Gärbottich, das Gären in der ehemaligen DDR jenseits von Potsdam, Leipzig und Dresden-Neustadt war nicht zu übersehen, Pegida nicht zu überhören.  Und wer genau hinschaute, konnte leicht mitbekommen, wie sich trotz Willkommensgeld, Aufbau Ost und Solidaritätszuschlag Unzufriedenheit zusammenbraute. Keine, die am Ende mit materiellen Dingen zu tun hat - und auch nicht mit angeblich zu vielen Ausländern. Letztere sind mehr oder minder instrumentalisiert worden. Sind ein Symbol für zu vieles, das sich verändert hat.

Es gibt viele Indizien für unterschiedliche Erfahrenswelten

Beispiel Sachsen: Bei 3,9 Prozent Ausländeranteil haben 27 Prozent AfD gewählt, stehen montags Hunderte Pegida-Anhänger medienwirksam vor der Frauenkirche und hören hasserfüllten Reden zu, während in dem wiederaufgebauten Symbol der Einheit eine absolute Minderheit im Freistaat, die eingetragenen Kirchenmitglieder, "der Friede sei mit Euch" wünscht. Nach Ansicht eines ostdeutschen Pfarrers wird so der Ort zum zweiten Mal missbraucht. In der DDR galt die Ruine auch als Symbol für die anglo-amerikanische Aggression. All dies sind Indizien für die unterschiedliche Erfahrungswelt und Tektonik der beiden Republiken, die noch zusammenwachsen müssen.

Ja die stolze Frauenkirche strahlt, die Ostmetropolen leuchten und die Wirtschaft in den Ballungsräumen blüht, aber die alten Fabriken und die zahllosen kleinen Bahnhöfe in der Provinz verfallen. Der Bevölkerungsschwund hat ganze Landstriche entvölkert.  Infrastrukturen von der Schule bis zum Lebensmittelladen, vom Ärztehaus bis zur Gaststätte sind zerstört. Schon hier kann man sich vorstellen, was das mit den Zurückgebliebenen macht. Ein Prozess, den auch der Westen kennt, man schaue nur nach Gelsenkirchen - und auf das dortige AfD-Ergebnis.

Die westdeutsche Arroganz ist noch nicht abgelegt

Aber auch das erklärt die grundlegende Unzufriedenheit nur unzureichend. Und da beginnt der Unterschied, etwa auch zum Ruhrgebiet. Viele derer, die lautstark und mit einem Kreuz auf dem Stimmzettel nach Aufmerksamkeit rufen, die sich sogar hinter Ausländer zurückgesetzt fühlen,  haben schlicht ihre Biographie verloren. Ihre Lebensleistung wird nicht mehr geschätzt und schon gar nicht mehr gebraucht. Als die DDR abgewickelt wurde, das Treuhand-System aus dem Westen mit neuen Regeln und vor allem neuen Vorgesetzten kam, galten viele Qualifikationen nichts mehr. Selbst Abiturnoten wurden abgewertet. Das waren Verletzungen, die nachwirken, auch über Generationen, die nicht mit Geld zu heilen sind. Fehler, die hier gemacht wurden, werden jetzt teuer bezahlt, in Stimmen, Prozenten und Parlamentssitzen. Vielleicht reicht der Wahlschock wenigstens dazu, manch westdeutsche Arroganz gegenüber ostdeutschen Biographien abzulegen. Unser Land, das uns keiner mehr zurückgeben muss, ist nicht gespalten, aber es wird noch dauern bis Gräben, die nach der Öffnung der Mauer entstanden sind, zumindest überbrückt werden.

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NDR Info | Kommentare | 03.10.2017 | 09:25 Uhr