Stand: 08.03.2017 12:25 Uhr

Welche Bedeutung hat der Feminismus heute?

von Elise Landschek, NDR Info
Heike Rupp (l.) und Elif Kaya trennen gut 20 Jahre Lebensalter - doch beide sind sich in der Sache einig: Sie engagieren sich für Frauenrechte.

In den 1960er-Jahren umgab den Feminismus noch die Aura des Aufbruchs, der Revolution, des gesellschaftlichen Umsturzes. Heute rümpfen einige skeptisch die Nase, wenn sie das Wort Feminismus hören. Die Klischees von der lila Latzhose und verbiesterter Kampfeslust haben sich tief in den gesellschaftlichen Konsens eingegraben. Frauenrechtlerin - das klingt vielleicht noch etwas besser. Welche Relevanz hat der Feminismus heute noch und was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert? NDR Info hat Feministinnen aus zwei unterschiedlichen Generationen getroffen.

Auf den ersten, oberflächlichen Blick sind Heike Rupp und Elif Kaya grundverschieden. Rupp wird in diesem Jahr 60 Jahre alt, eine elegante Frau mit festem Blick und klarer Stimme, die weißgrauen Haare hochgesteckt. Die etwas zurückhaltender wirkende Elif Kaya ist 38 Jahre alt, sie ist als Kind türkischer Eltern in einem sogenannten Hamburger Problem-Stadtteil groß geworden. Beide Frauen eint ihre Überzeugung: Sie bezeichnen sich als Feministinnen. Die jüngere und die ältere. "Wie ich versuche, meine Kinder zu erziehen, wie ich in meiner Partnerschaft lebe, wie ich auf der Arbeit bin. In meinem gesamten Alltag kommt immer wieder die Feministin hoch", beschreibt Kaya ihre grundsätzliche Haltung. Und Rupp sagt: "Ich denke, Feminismus ist eine Lebenshaltung. Von daher kannst du nicht sagen, du betreibst es aktiv. Du lebst es. Zudem versuche ich Lobbyistin zu sein für Mädchen und Frauen."

Erinnerungen an die 1970er-Jahre

Die 60-Jährige leitet heute eine Beratungsstelle für Mädchen in Hamburg. Anfang der 1970er-Jahre ging sie gegen den Abtreibungsparagrafen 218 auf die Straße: "Das war eine ziemlich aufgebrachte, aufgeheizte Stimmung. Was ich sehr genossen habe, waren die Zusammenkünfte. Was stellen wir als nächstes an? Was planen wir? Wir waren sehr stolz darauf, die Öffentlichkeit mit einzubeziehen beziehungsweise sie für das Thema zu interessieren."

Diskriminierung abseits der öffentlichen Wahrnehmung

In den 70er-Jahren brachen die Dämme des Patriarchats. Das feministische Engagement räumte Schritt für Schritt auf mit alten Rollenmustern. Doch auch heute noch würden Männer und Frauen noch längst nicht gleich behandelt, sagt die Sozialpädagogin Kaya. Die Diskriminierung geschehe heute aber häufig subtil, unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung: "Früher - also in den 60er-Jahren beispielsweise - wusste man, wofür man kämpft, etwa dass man arbeiten gehen darf. Heute leben wir in einer Zeit, in der wir glauben, dass wir schon gleichberechtigt sind. Deswegen fragen sich alle: wozu noch Feministin sein, wofür denn noch kämpfen? Das finde ich einen viel böseren Zustand." Als Beispiel nennt Kaya die berufliche Gleichstellung: dass Männer immer noch mehr verdienen als Frauen.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Rupp vermisst unter den Feministinnen der jüngeren Generation das Bewusstsein, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Die ganze Bewegung sei in viele kleine Gruppen zerfallen, die sich zwar über Facebook, aber nicht mehr im realen Leben austausche, so Rupp. Feminismus in seiner Urform sei nur noch wahrnehmbar, wenn das Buch einer jungen Autorin oder ein Hashtag wie "Aufschrei" eine kurzfristige Debatte um Sexismus und Frauenrechte auslöse: "Er versickert wirklich. Das ist diesem Neoliberalismus geschuldet. Jede ist ihres Glückes Schmied, alles wird individualisiert, es ist nichts mehr Gemeinsames. Und ich laufe hinterher, um eine gewisse Solidarität zu erreichen und zu gucken, wo können wir was bewegen, wieder laut werden, wo könnten wir noch mal in die Öffentlichkeit kommen."

"Dem Ganzen einen neuen Namen geben"

Auch die gut 20 Jahre jüngere Feministin Kaya wünscht sich mehr gemeinsames Engagement, ist aber ein wenig optimistischer: "Ich glaube, Feminismus ist gerade einfach nicht en vogue. Und ich denke, da existiert so eine verstaubte Vorstellung: 'Öde, hatten wir schon.' Trotzdem glaube ich, dass die jüngere Generation sich von der älteren verabschieden und dem Ganzen einen neuen Namen geben muss."

Große Hoffnungen setzen beide in die neu belebte Frauen-Bewegung aus den USA, die nach dem Wahlsieg von Donald Trump in die Großdemo "Women's March" in Washington mit mehr als einer halben Million Teilnehmerinnen mündete. "Es ist nicht vorstellbar für uns, dass ein Mann in so eine Position kommt, mit diesem Frauenbild", sagt Rupp. "Dieses Frauenbild kann sich dann in konservativen Kreisen wieder breit machen. Vielleicht heizt das aber auch wieder eine Stimmung von uns an, die sagt: 'Stop. So weit und nicht weiter'."

In Hamburg findet zum Weltfrauentag der am amerikanischen Vorbild orientierte "Sister's March" statt. Heike Rupp und Elif Kaya sind auf jeden Fall dabei.

Richtungsweisende Frauen in der Musik

Weitere Informationen
mit Video

Weltfrauentag: Blick zurück in die Panorama-Geschichte

03.08.1964 21:00 Uhr
Das Erste: Panorama

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist immer wieder Thema bei Panorama. Wie anders die gesellschaftlichen Uhren noch 1964 tickten, zeigt ein Panorama-Beitrag aus dem Jahr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 08.03.2017 | 06:38 Uhr