Kommentar

"Hähnchen nicht um jeden Preis"

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

Massentierhaltung von Hühnern in einer Geflügelfarm in Twistringen. © dpa Fotograf: Peta Bei solchen Bildern vergeht vielen der Appetit auf Hähnchen-Fleisch. Recht so!

Es wird hoffentlich ein vegetarischer Abend heute im Ersten. Denn nach der ARD-Dokumentation "Der Wiesenhof-Skandal" ist wohl auch den abgebrühtesten Fleisch-Fans der Appetit auf ihre heißgeliebten Chicken-Nuggets vergangen. Recht so! Denn so geht es nicht weiter! Jahr für Jahr wird der Hunger auf Hähnchenfleisch immer größer und Jahr für Jahr sinken die Preise. Für 2,50 Euro gibt es bei Aldi schon ein Pfund Brustfilet, bei  5 Euro liegt der Kilopreis für ein konventionelles Hühnchen.

Für dieses Geld bekommt man auch bei Einhaltung aller Tierschutzgesetze nur ein geschundenes, gequältes Wesen, dessen Lebensraum sich auf die Größe eines Din-A4-Blattes beschränkt hat. Und das in seinem kurzen Leben womöglich noch mit gekappten Krallen auf dem eigenen Kot stehen musste. Wer davor immer noch die Augen verschließt, wenn er in der Kühltheke nach dem sauber eingeschweißten Fleisch greift, ist schlichtweg naiv.

Die Politik ist gefragt

Naiv ist auch zu glauben, der Protest gegen den riesigen Hähnchenstall in meiner Nachbarschaft löse das Problem. Nein, das tut es nicht. Denn dann werden die Ställe  ein Dorf weiter gebaut. Niedersachsen kann davon mittlerweile ein Lied singen. In den Kreisen Emsland, Cloppenburg, Vechta und der Grafschaft Bentheim ist nach Ansicht von Umweltminister Lindemann die kritische Grenze für Großställe schon erreicht, in Osnabrück und Oldenburg ist man kurz davor. Das Land Niedersachsen will deswegen mit einem Vorstoß auf Bundesebene weitere Großställe in "Problemgebieten" verhindern. Das ist sicherlich ein erster wichtiger Schritt!

Schlachten am Fließband

Denn der Bau immer größerer, furchterregenderer Ställe spaltet in Niedersachsen zunehmend die Bevölkerung, weckt Ängste vor Luftverschmutzung, Verkehrsbelastung, Gestank. Brandstiftungen militanter Tierschützer nehmen zu. Auch bei den Bauern selbst wächst die Aggression. Den Vogel abgeschossen haben jetzt die Planungen für  Europas größten Schlachthof in Wietze. 135 Millionen Tiere sollen hier demnächst pro Jahr geschlachtet werden. 135 Millionen pro Jahr! Die Anlage ist wie ein Hochsicherheitstrakt gebaut mit einem Gefängnisdraht mit NATO-Draht und Videokameras, die unliebsame Eindringlinge frühzeitig aufspüren sollen. Abschreckend!

Möglichst billig

Jetzt sagen Bauern und Mäster zu Recht: Die deutschen Verbraucher wollen es ja nicht anders! Die Deutschen sind für ihre Discount-Preise berühmt. Nirgendwo in Europa wird so wenig für das "täglich Brot" ausgegeben wie hierzulande. Natürlich mit Folgen für die Qualität, wie soll es denn sonst auch gehen. Berichte über Ersatzkäse, ungesundes Brot und andere Folgeerscheinungen dieses "Geiz ist geil"-Wahns sprechen für sich.

Und was ist mit Bio-Huhn?

"Bio-Huhn können sich eben nicht alle leisten!" - tönt es einem da schon entgegen, wenn man solche Argumente vorbringt. Aber hier muss ich sagen: Es muss nicht jeden Tag Fleisch auf den Teller kommen. Wenn wir alle zum Sonntagsbraten zurückkehrten, wäre schon viel gewonnen. Dann könnten wir uns auch einmal die Woche die Brustfilets vom Bioladen für 8 Euro leisten und die dann wenigstens mit gutem Gewissen essen. Denn diese Tiere haben nachweislich mehr Platz, weniger Schmerzen und weniger Medikamente intus.

Auch Wiesenhof hat den Markt der Bio-Hühnchen übrigens schon längst entdeckt. Pro Woche verkauft der Konzern 9.000 Biohähnchen - und 4,5 Millionen konventionelle Hühner. Guten Appetit!

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/kommentare/wiesenhof119.html
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