Stand: 22.06.2008 23:30 Uhr  | Archiv

Ernüchternd - Das miese Image von Journalisten

Journalisten haben einen schlechten Ruf: Zu dreist, zu unmoralisch, zu wenig Distanz und zuviel PR in der Berichterstattung. In Meinungsumfragen ist das Prestige von Presseleuten vergleichbar mit dem von Politikern und Gewerkschaftern: Am unteren Ende der Skala. Viele Befragte finden Journalisten genauso ehrlich wie Autoverkäufer und Makler, denn der Boulevard-Journalismus prägt das Berufs-Bild: Reporter, die übertreiben und verdrehen. Dass die großen Skandale - um die "Neue Heimat", die "Lustreisen bei VW" oder "Telekomgate" - zuerst in den Medien enthüllt wurden, geht in der öffentlichen Wahrnehmung fast unter. Zapp über das miese Image von Journalisten und schlechte PR in eigener Sache.

Anmoderation:

Das Altenheim noch lange vor sich herschieben, das wollen wir hoffen, schließlich brauchen wir den Undercover-Journalisten hier und jetzt, auch zur Imagepolitur. Denn Journalisten genießen in der Regel doch einen eher zweifelhaften Ruf. Unehrlich und unmoralisch, sollen wir sein. Zu nah dran an Politik und PR. Zugegeben, da ist was dran. Aber, wir können auch anders! Anne Ruprecht und Timo Großpietsch über Journalisten, die ihrem schlechten Ruf gerecht werden und solchen, die ihn nicht verdient haben!

Beitragstext:

Nah dran, immer aktuell, gut informiert - und das möglichst objektiv. So wollen sie sein, die Journalisten. So sind sie aber nicht. Das zumindest behaupten viele Leser und Zuschauer. Umfrage: "Die sind zu aufdringlich und erzählen Geschichten, die gar nicht wahr sind." "Sie repräsentieren überwiegend die Meinung der Mächtigen." "Sie müssen sich verkaufen. Und das ist für mich nicht das, was, sag ich, von einem Journalisten erwarte." "Ne Schlagzeile wird hingestellt und hinterher ist es ne Seifenblase oder Scheiße drin!" Journalisten haben ein Imageproblem, im Gegensatz zu Ärzten, Pfarrern und Professoren. Die liegen bei allen Meinungsumfragen immer vorn. Ganz hinten regelmäßig: Journalisten - fast so unbeliebt wie Gewerkschaftsführer und Politiker.

Ein Imageproblem und seine Ursachen

Prof. Siegfried Weischenberg, Medienwissenschaftler Uni Hamburg: "Bei Journalisten weiß man eigentlich gar nicht so recht, wo kommen die her, was können die, und deswegen sind die eben auf der Prestigeskala auch relativ weit unten angesiedelt." Prof. Hans Mathias Kepplinger, Kommunikationswissenschaftler Uni Mainz: "Auf der einen Seite ist der Journalist sozusagen der korrupte Mensch, der sich von jedem einkaufen lässt. Auf der anderen Seite ist aber auch der Journalist sozusagen der Aufrechte, der sich im Interesse der Bevölkerung selber einem Risiko aussetzt." Thomas Leif, netzwerk recherche: "Diese Balance zwischen einerseits dem Anspruch, den der Beruf des Journalisten hat und der doch etwas bescheideneren Realität, diese große Kluft zwischen Anspruch und Realität, die macht die Leute missmutig und führt zu solchen Skalen in Umfragen."

Verdienste spielen keine Rolle

Dabei sind Journalisten doch so wichtig in einer Demokratie. Denn sie sorgen für Öffentlichkeit, wenn Geheimdienste ihre Fehler vertuschen wollen. Sie decken auf, wenn Politiker lügen. Sie suchen nach Beweisen, um Sportler des Dopings zu überführen. Und sie enthüllen, wenn Beschäftigte bespitzelt werden. Nur einige Enthüllungen von vielen, nach aufwendigen Recherchen. Skandale, die ohne Journalisten verborgen geblieben wären. Die Journalisten als Kontrolleure auch der Mächtigen. Verdienste, die bei Meinungsumfragen aber keine Rolle spielen. Prof. Klaus Kocks, PR-Berater: "Das prägt nicht das Bild. Das Bild des Journalisten als Beruf wird von der Boulevard-Presse geprägt." Prof. Siegfried Weischenberg: "Die Bevölkerung orientiert sich sicherlich bei der Zuweisung von Berufsprestige, von Ansehen, an denen, die negativ auffallen. Also, das sind die Geier, das sind die Boulevardjournalisten."

Boulevardpresse prägt das Bild der Branche

Denn dieser Boulevardjournalismus ist allgegenwärtig. In "Regenbogenblättern" genau so wie in "People Magazinen" - und in den Zeitungen mit den großen Buchstaben. Dort wird das "Top-Model" zum "Popp-Model", da werden Großmütter aus Versehen gegrillt und Stalin züchtet angeblich "Affen-Menschen" für den Krieg. Keine Fakten, sondern Aufreger. Thomas Leif: "Aufreger gilt ja schon im Journalismus als ein neues Genre. Oder es geht darum Gesprächswerte zu produzieren, nicht mehr die Information steht an erster Stelle der Nachrichtenfaktoren, sondern die Aufregung." Prof. Klaus Kocks: "Sie können ja ein begeisterter Leser einer Boulevardzeitung sein. Aber würden Sie wünschen, dass Ihre Tochter mit einem "Bild"-Reporter nach Hause kommt? Wir mögen nicht die Witwenschüttler, wir mögen nicht die Paparazzis, aber wir mögen ihre Geschichten."

Hauptstadt-Journalisten als Teil des Politikbetriebs

Geschichten werden auch hier in Berlin produziert - politische Geschichten. Die Reporter auf der Jagd nach neuen Schlagzeile. Jeder will der Erste sein beim Kampf um Quote und Auflage. Beliebt sind sie deshalb aber nicht. Prof. Hans Mathias Kepplinger: "Man kann auch zeigen, das die Vorstellung eines Teils der Bevölkerung, politische Journalisten seien Zyniker, die im Grunde Eigeninteressen verfolgen, diese Vorstellung, die nimmt zu, und ist auch einer der Gründe für das schlechte Image von Journalisten." Prof. Klaus Kocks: "Es gibt natürlich das genährte Vorurteil, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist, ein schlechtes Geschäft. Und ein Journalist wird ein Teil der politischen Skandale, die er aufdeckt. Sehen Sie mal, jeder liebt den Verrat, keiner liebt den Verräter."

Lokaljournalismus: Es fehlt an kritischer Distanz

"Spiegel tot die Freiheit tot!" - doch es gab Zeiten, als für diese Verräter demonstriert wurde. 1962, als der "Spiegel" wegen angeblichen Landesverrats vor Gericht landete. Und es gab Zeiten, als sogar in der Provinz gegen den Rauswurf von kritischen Journalisten protestiert wurde. Demonstranten in Leutkirch 1998: "Wir sind die Leser! Wir sind die Leser!" Und heute? Für viele Leser ist ihre Lokalzeitung noch immer Pflichtlektüre. Aber viele sind von dem enttäuscht, was sie da lesen. Thomas Leif: "Es gibt immer mehr Kritiker, die sagen: Meine Lokalzeitung brauche ich gar nicht mehr, es steht nur unwichtiges Zeugs drin. Und es gibt sozusagen so etwas wie eine örtliche Betäubung. Dass sehr viele Lokaljournalisten selbst zur politischen Klasse, der jeweiligen Region gehören, und im Grunde am Tropf der Verwaltungsspitze oder der wichtigen Leute einer Stadt oder Region hängen."

Reisejournalismus: PR statt Recherche

Und auch sie hängen oft am Tropf: Reisejournalisten. Nur wenige Reiseberichte sind noch unabhängig recherchiert. Die meisten sind finanziert von den Reiseveranstaltern. Und diese PR-Industrie wird immer mächtiger. Sie vermarkten Politiker und Industriekonzerne, sie produzieren die Inhalte, die viele Medien bereitwillig drucken und senden. PR-Journalisten werden deshalb gesucht - "vielseitig talentiert." Diese PR ist einseitig, aber billig. Unabhängige Recherche ist vielen Verlagen und Sendern zu teuer - allen Protesten zum Trotz. Prof. Klaus Kocks: "Es hat eine Aufholjagd stattgefunden. Die PR-Leute sind inzwischen mindestens so gut wie die Journalisten. Und den Journalisten wird über ihre Arbeitsbedingungen nicht mehr erlaubt, so gut zu sein, wie sie mal waren."

Zuwachs von Werbung und PR im Journalismus

Thomas Leif: "Der Zuwachs von Werbung und von PR im Journalismus ist so etwas ähnliches wie eine Vertrauens-Vernichtungsmaschine. Weil im Grunde ist Werbung und PR der lebendige Gegensatz zu den eigentlichen Ansprüchen von Journalismus." Den eigenen Ansprüchen gerecht werden, das hieße: Unabhängig berichten, Distanz wahren, sauber recherchieren. Doch daran glauben immer weniger Zuschauer und Leser. Für sie sind nur Pfarrer, Apotheker und Polizisten ehrliche Menschen. Viel weniger ehrlich sind für sie Autoverkäufer, Politiker und Journalisten. Auch prominente Journalisten tragen zu diesem Imagedebakel bei.

Journalisten als Werbeträger

Besonders dann, wenn sie zum Werbeträger mutieren. Werbung für "Air Berlin": "Denken sie mal darüber nach." Werbung für "T-Com": "T-DSL - Sport und News wie live erleben, steigen sie ein. Und das Beste, wen sie jetzt einsteigen, sparen sie richtig Geld. Ich würd es machen." Auch er machte es: Waldemar Hartmann. Rudi Völler half ihm dabei. Rudi Völler: "Du sitzt hier locker, bequem hier auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker." Nach Völlers Attacke der lukrative Werbevertrag für Waldi. Und für diese Werbung, zu allem Überfluss, auch noch ein Fernsehpreis. Der ARD-Journalist ist dafür auch noch dankbar. Waldemar Hartmann: "Ich hoffe, dass sich alle ARD-Gremien sich mit mir freuen, dass endlich ein journalistischer Mitarbeiter eine Goldene Kamera für einen Werbespot bekommt - und das im ZDF. Danke schön!" Mit ihm freuten sich auch andere Werbeträger. Doch was gut ist für ihren Geldbeutel, ist schlecht für das Image von Journalisten.

Verlust von Glaubwürdigkeit

Prof. Hans Mathias Kepplinger: "Was hat ein Moderator für Spezialkenntnisse, die es ihm erlauben für diese Produkte zu werben? Oder für irgendwelche Aktien? Das ist zweifellos ein Fall, wo die Bekanntheit missbraucht wird, weil der Eindruck von Kompetenz hervorgerufen wird, obwohl eine solche Kompetenz erkennbar nicht vorhanden ist." Thomas Leif: "Wenn führende Talkmaster oder Showtalente oder Moderatoren zuerst in journalistischen Sendungen auftauchen und anschließend im Werbeblock, dann muss man sich ja verschaukelt fühlen. Das ist ungefähr so, wie wenn ein bischöfliches Ordinariat ein Bordell betreiben würde." Journalismus, ein Beruf voller Widersprüche - zwischen Nähe und Distanz, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und zwischen denen, die es können und denen, die es nur wollen.

Journalismus - ein anspruchsvoller Beruf mit offenem Zugang

Prof. Siegfried Weischenberg: "Früher war ja mal Journalismus als Begabungsberuf verrufen. Vielleicht sind wir inzwischen ins andere Extrem gefallen und glauben heute, dass jeder, der lesen und/oder schreiben kann für den Journalismus geeignet ist. Dem ist nicht so. Journalismus ist ein sehr anspruchsvoller Beruf." Ein anspruchsvoller Beruf. Und deshalb ist es wichtig, dass Journalisten hohe Ansprüche stellen und Missstände im Journalismus kritisieren. Für einen Imagegewinn taugt das aber wenig. Prof. Hans Mathias Kepplinger: "Wenn Journalisten Journalisten kritisieren, dann machen die Journalisten natürlich die Bevölkerung auf Fehler im Journalismus aufmerksam. Und das schlägt sich, auch wenn die Absicht der Kritik sinnvoll und vernünftig ist, negativ auf das Image der Journalisten nieder."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 22.06.2008 | 23:30 Uhr

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