Sendedatum: 18.03.2009 23:00 Uhr  | Archiv

Die Medien und der Amoklauf - einfache Fehler, schlimme Entgleisungen

Anmoderation:

Jetzt könnte man ja meinen, je mehr Journalisten vor Ort wären, desto größer auch der Erkenntnisgewinn. Aber das Gegenteil ist der Fall. Jeder will die noch exklusivere Einzelheit haben. Da bleibt für Recherche kaum Zeit. Da wird nur noch Meldung um Meldung rausgehauen. Und wenn schon die Menschen vor Ort nichts mehr sagen, gibt es ja immer noch das Internet. Das spuckt zu jeder Frage eine Antwort aus. Ob richtig oder falsch – egal versendet sich. Marike Schmidt Glene-Winkel und Tina Schober über einen Journalismus, bei dem Schnelligkeit wichtiger ist, als Recherche.

Beitragstext:

Winnenden. Einige Übertragungswagen sind noch immer da. Und viele andere werden wiederkommen. Am Samstag zur Trauerfeier. Hunderttausend Menschen werden dann den Opfern des Amoklaufs von Winnenden gedenken. Den Täter kennt mittlerweile jeder: Tim Kretschmer. Er war 17 Jahre alt. Er ist 21 Jahre alt. Und heißt auch Tim Kretschmer. Auch über ihn berichteten die Medien. Es begann am letzten Mittwoch – dem Tag des Amoklaufs. Tim Kretschmer: „Ich bin ganz normal zur Arbeit gegangen und gegen 11 Uhr ungefähr kam eine Info aus der Verwaltung, dass diverse Nachrichtenportale und Agenturen bei uns angerufen haben, um Infos über mich zu bekommen, wie ich gelebt habe, oder so. Und ich wusste erst gar nicht wieso. Bis man mir mitteilte, dass ein Attentat geschehen ist und der Täter genauso hieß wie ich.“

Erste Meldungen werden „getwittert

Hier in Winnenden geschah die Tat, die ganz Deutschland schockte. Ganz in der Nähe des Tatorts, einer Realschule, arbeitet eine junge Frau. Ihr Pseudonym im Internet: „tontaube“. Auf der Internet-Plattform Twitter berichtet sie normalerweise alltägliches aus ihrem Leben. Doch letzten Mittwoch warnte sie ihre Freunde. „ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!“ (Internetauszug 2009 Twitter, von tontaube am 11.03.2009). Sie war früher informiert als viele der Einsatzkräfte und Journalisten. Auf Twitter schrieb ein Nutzer: „hier fallen die Gaffergeier ein.... ES IST ZUM KOTZEN“ (Internetauszug 2009 Twitter vom 11.03.2009) Diese „Gaffergeier“ wollten jetzt alles auch von denen wissen, die so heftig twitterten. Tontaube reagiert genervt. „Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten...“ (Internetauszug 2009 Twitter) Und so wurde der Amoklauf von Winnenden zum ersten „Twitter-Ereignis in Deutschland“ (Internetauszug „tagesspiegel.de“ vom 11.03.09). Viele Leser und Fernsehzuschauer wurden über das „Gezwitscher im Netz“ (Zeitungsartikel „Süddeutsche Zeitung“ vom 16.03.2009) informiert. Und erfuhren so, was twittern bedeutet: Kurze Mini-Sätze, meist banal, nur selten wichtig. Und auch viele Medien twittern im Internet fleißig mit. Nicht nur „stern“, „Bild“ und n-tv. Barbara Witte, Professorin für Journalismus: „Twittern ist so ne Art Aufmerksamkeitssteigerungsinstrument an der Stelle. Und das ist natürlich ein bisschen die Frage: Was mach ich da als Journalist? Wie weit geh ich? Also, wie weit halte ich das für legitim Aufmerksamkeit um jeden Preis zu generieren?“ Das fragten sich auch viele, als sie das Twittern der Focus-Reporter im Internet verfolgten. Die beschrieben ihre Fahrt zum Tatort: „Focus-Reporter passieren erste Straßenkontrolle“ (Internetauszug 2009 Twitter, von „Focus“). Und wenig später noch banaleres: Ihr Chef habe das Geld „für zwei Zahnbürsten freigegeben.“ (Internetauszug 2009 Twitter, von „Focus“). Barbara Witte: „Bei so einem Fall, wie in Winnenden, gehört es wirklich nicht ins Netz. Da sind einfach Grenzen überschritten worden, die mir zeigen, dass wir Journalisten ja auch ein Stück weit noch lernen müssen, mit diesen neuen Medien umzugehen.“

 Jugendliche werden vor die Kamera gezerrt

Auch der Bremer Tim Kretschmer musste erleben, dass manche Journalisten keine Ahnung von diesen neuen Medien haben. Und so, wurde er für viele zum Amokläufer von Winnenden. Tim Kretschmer: „Die haben einfach den Namen in Google eingegeben und zu dem Zeitpunkt gabs noch nicht so viel über einen Tim Kretschmer zu finden und was zu finden war, war vieles über mich.“ Und die, die seinen Namen googelten erfuhren, dass er IT-Fachmann ist und gerade seine Ausbildung absolviert. Das alles hatte er selbst in seinen Netzwerk-Porträts geschrieben. Jetzt wollten Journalisten alles wissen. Tim Kretschmer: „Dann habe ich diverse E-Mails gekriegt und Nachrichten in facebook und in meinem XING-Profil, warum ich das getan hätte und ob ich jetzt schmerzfrei wäre. Und dann hab ich auch schon mitbekommen, dass mein Foto von der Firmenwebsite im Twitter veröffentlicht wurde, dass ich der Täter wäre - das ist über die halbe Welt gegangen.“ Um die Welt gingen auch diese Bilder. Kinder aus Winnenden. Sie hatten den Amoklauf an ihrer Schule erlebt, standen noch unter Schock. Schülerin: „Ne Freundin von mir ist da gestorben und ich hab halt fast alles miterlebt. Ich hab halt die Schreie und die Schüsse gehört.“ Barbara Witte, Professorin für Journalismus: „In dem Moment, in dem ich beispielsweise Jugendliche vor die Kamera zerre. Oder deren Chats veröffentliche, in meiner Zeitung oder in meiner Fernsehsendung, verlasse ich ein Stück weit, in so einem Fall - wie jetzt hier in Winnenden - den Bereich des Qualitätsjournalismus - ganz klar! Und begebe mich auf die Seite des Boulevards. Das muss man wissen, wenn man das tut.“ Manche Journalisten taten noch mehr. Sie berichteten schon, als sie so gut wie nichts wussten. Sendungsausschnitt RTL Punkt 12 vom 11.03.2009, Sarah Jovanovic, Reporterin: „Es ist kaum zu beschreiben, was hier vor Ort gerade abgeht. Es ist Wahnsinn, hier blinken die Lichter. Es heißt sogar, dass der Täter hier vor Ort noch um sich springen könnte. Man hat nicht erwarten können, dass ein solches Großereignis hier heute eintritt. Es ist hier ein Chaos vom Feinsten!“ Das „Chaos vom Feinsten“, war zunächst auf vielen Kanälen zu sehen. Schnelligkeit wurde zum journalistischen Kriterium. Barbara Witte: „Der Geschwindigkeitshype, der bedeutet auf die Dauer ganz klar einen Qualitätsverlust. Und der bedeutet einen Vertrauensverlust für den Journalismus, wenn das so weitergeht. Und dann würde das irgendwann auch heißen, dass der Journalismus an sich in Frage ist. Das kann nicht ernsthaft irgendjemand wollen.“

Die Trauerstelle wird zur Foto-Fundgrube

Auch für Tim Kretschmer aus Bremen wurde diese Schnelligkeit zum Verhängnis. Seine bloße Namensgleichheit mit dem Amokläufer aus Winnenden wurde für ihn zur persönlichen Tragödie. Tim Kretschmer: „Ich war einfach total genervt von der Presse, wie sie arbeiten, es kann ja nicht sein, dass die Leute einfach meinen Namen googeln, dort etwas über eine Person finden und das veröffentlichen. Obwohl sie nicht wissen, dass ich der Täter gar nicht bin. Also das wurde nicht hinterfragt. Und daraufhin hab ich dann diese Aktion gemacht.“ Eine Aktion, die ihm später Leid tun wird. Aus Wut über die schlampige Recherche von Journalisten änderte Tim seine Profildaten im Internet, behauptete, er suche angeblich Handfeuerwaffen und Schnellfeuerwaffen. Tat also so, als ob er der Amokläufer sei. Tim Kretschmer: „Diese Aktion war sicherlich nicht korrekt. Ich hab einfach überreagiert auf Grund dessen, dass die Medien mich so gehetzt und gejagt haben.“ Gehetzt und gejagt von Journalisten. So fühlten sich auch viele Menschen in Winnenden. Eigentlich wollten sie nur trauern – mit Blumen, Briefen und Bildern. Für manche Medienleute der Fundort für die Bilder der Opfer. Und deshalb waren viele Winnender wütend - auch über solche Videos im Internet. Mit den Fotos der Opfer (Internetauszug: www.bild.de) „Hier richtet der Täter ein Blutbad an. 6 Schüler sterben in diesem Klassenraum: Steffi K., Jaqueline, Vicky, Nicole M, Ibrahim Y. – sie sind alle 16 Jahre alt.“

Makabere Falschmeldungen in allen Medien

Fotos im Internet – und auf den Titelseiten. Viele davon hatten sich Journalisten im Internet besorgt – in sogenannten sozialen Netzwerken. Eigentlich nur gedacht für private Kontakte, den Austausch mit Freunden. Barbara Witte, Professorin für Journalismus: „Das Internet ist per se öffentlich und nicht privat. Und alles was ich öffentlich mache, ist auch öffentlich. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder Journalist hingehen kann und alles was irgendwie im Internet veröffentlicht wurde, einfach in seine Zeitung, auf seine Internetseite oder sonst wo hinstellen oder setzen kann. Das geht natürlich nicht.“ Und es geht doch. Für viele Angehörige der blanke Zynismus, pure Geschäftemacherei – die Fotos der Opfer von Winnenden. Und skandalös dazu: Wenn die 14-jährige Selina für tot erklärt wird, aber am nächsten Tag wieder lebt und in „Bild“ schildert, wie ihre „Schulfreundin Chantal sterben musste“. (Zeitungsartikel „Bild“ vom 13.03.2009 ) Dreist auch die „Fotoverwechslung!“ (Zeitungsartikel „Bild“ vom 14.03.2009  ) über die „Bild“ seine Leser informieren musste. Sie hatte ein vermeintliches Kinderfoto des Amoktäters abgedruckt. Doch der gezeigte Junge war gar nicht Tim K., lebte auch nicht in einer „kranken Welt“ (Zeitungsartikel „Bild“ vom 13.03.2009). Über die „kranke Welt“ mancher Journalisten hat Tim Kretschmer aus Bremen in dieser Woche viel gelernt, lernen müssen. Tim Kretschmer: „Das ist nicht nur traurig, das ist sehr erschreckend. Also wenn man mal darüber nachdenkt, was man täglich in der Zeitung liest und eventuell, was man täglich falsches liest.“

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.03.2009 | 23:00 Uhr

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