Sendedatum: 09.12.2009 23:05 Uhr  | Archiv

Die Krise der Verlage

von Maik Gizinski

Zeitungen und Zeitschriften lesen sich heute irgendwie leichter als früher, oder? Liegen nicht mehr so schwer in der Hand. Man kommt direkt zu den Geschichten und muss nicht erst mühsam Werbebeilagen aussortieren. Auf den ersten Blick mag die neue Leichtigkeit ein Vorteil für den Leser sein, aber das mangelnde Gewicht rächt sich langsam. Ohne Werbebeilagen, ohne Anzeigen fehlen den Verlagen die Einnahmen. Und ohne Einnahmen wird irgendwann auch gehaltvoller Journalismus zu teuer. Und so werden langsam nicht nur die Hefte immer dünner, sondern die Artikel gleich mit. Zapp über die Krise der Verlage. 

Eine Branche ist im Schockzustand. Über 350 Jobs wurden allein bei Gruner & Jahr gestrichen,  Europas größtem Zeitschriftenhaus. Tom Thielemann, Betriebsrat "Gruner + Jahr", erklärt auf einer Protestveranstaltung: "Liebe Kollegen, seit einem Jahr hat sich ein Schleier der Angst und Verunsicherung über die Belegschaft gelegt." Früher waren sie stolz auf ihren Verlag und wissen nun nicht, wie lange es noch ihr Verlag bleibt.  

Auch beim größten deutschen Zeitungshaus, beim Axel-Springer-Verlag, protestieren die Mitarbeiter. Sie wollen wieder arbeiten, dürfen aber nicht. Sie wurden freigestellt - von heute auf morgen. Lutz Jaffé, Redakteur "Hamburger Abendblatt", sagt: "Das ist natürlich, wie man mal ganz krass sagen soll, ein Arschtritt gewesen. Und diesen Arschtritt spürt man jeden Tag." Und Barbara Funk, Mitarbeiterin "Hamburger Abendblatt", meint: "Ich denke, ich bin ein Kostenfaktor, was ich dem Chefredakteur auch gesagt habe, ja, weil ich zu alt bin und zu teuer bin. Ja, deswegen wurde ich aussortiert". 52 Jahre alt sind die Aussortierten beim Hamburger Abendblatt im Schnitt. Ihre Arbeit machen jetzt andere, neu eingestellt.  

Sparen trotz Gewinn

Springer macht 260 Millionen Euro Gewinn in diesem Jahr. Auf einer Betriebsversammlung im November aber erklärt Vorstandschef Mathias Döpfner, der Verlag müsse sparen. Michael Rzesnitzek, Unternehmensberater "OC&C Strategy", meint: "Eine Rasenmähermethode und einfach die Arithmetik: ‚Ich mache das gleiche mit weniger Personal.’ Das wird einfach nicht funktionieren. [...] Das bedeutet weniger Qualität, und weniger Qualität bedeutet weniger Nutzung bei Lesern, bedeutet weniger Anzeigenkunden. Ist also eine Abwärtsspirale, in die man sich hineinarbeiten würde." Die Zeitung aber ist schon in einer Abwärtsspirale. Stellenanzeigen und Annoncen wandern ins Internet ab. Und wegen der Wirtschaftskrise brechen auch die Werbeanzeigen weg.  

Uwe Vorkötter, Chefredakteur "Berliner Zeitung", erklärt: "Hochwertigen Journalismus zu finanzieren, dazu braucht man Geld. Das kostet Ressourcen. Und in der Krise schrumpfen diese Ressourcen. Und wir werden mit Sicherheit Schwierigkeiten haben in den nächsten Jahren, das Niveau des Journalismus, das wir gewohnt sind, zu halten - insgesamt in der Branche."  

Richtige Antworten auf eine Anpassungskrise?

Bodo Hombach, Geschäftsführer "WAZ-Mediengruppe", sagt: "Für mich ist das nicht eine Existenzkrise, wo wir sagen müssen: ‚Um Gottes Willen. Wird es uns noch geben?’ Für mich ist es eine Anpassungskrise. Wer das nicht macht, wer sich jetzt nicht veränderten Bedingungen anpasst, den wird’s bald nicht mehr geben." Auch die Journalisten müssen sich anpassen, wie hier bei der WAZ. Im neuen Newsroom in Essen schreiben Journalisten nun Artikel für drei Zeitungen; sie liefern den Mantel, die überregionale Berichterstattung für die Neue Ruhr Zeitung, die Westfälische Rundschau und für die WAZ. Früher haben die drei Blätter das selbst gemacht. Bodo Hombach: "Das war kein Qualitätsmerkmal, sondern das war eine überkommene Organisation. Jetzt haben wir vieles zusammengelegt und haben viel mehr Kapazitäten frei für Recherche. Wir haben erstmalig ein großes Team von guten Journalisten, die nur recherchieren. Die nicht im Tagewerk festgebunden sind, sondern die frei sind, sich morgens zu entscheiden: Mit welchen Thema befassen wir uns heute vertieft."  

Tatsächlich aber haben 300 Redakteure ihren Job verloren. Jetzt arbeiten nur noch 600 Journalisten für die WAZ-Blätter. Das ist ein Drittel weniger als noch vor einem Jahr.

Hans Werner Kilz, Chefredakteur "Süddeutsche Zeitung", meint: "Man kann, wenn Stellen abgebaut werden, das nicht anders nennen. Dann ist das Stellenabbau. Da kann man auch nicht mehr so tun, als würde man jetzt ein tolles neues Konzept entwickeln, wie Verlagshäuser Redaktionen zusammenlegen oder für vier verschiedene Produkte nur noch mit einem Redaktionsbeitrag dann operieren. Das ist in der Tat eine Verarmung der journalistischen Vielfalt, das halte ich für beklagenswert." Auch die SZ selbst ist in die Schusslinie geraten. Leser verliert sie keine, die Auflage ist stabil. Doch wegen ausbleibender Anzeigen und Werbung fehlen 60 Millionen Euro Umsatz. Und der Süddeutsche Verlag hat seit dem vergangenen Jahr neue Eigentümer mit neuen Sparvorgaben. 30 Stellen stehen auf der Kippe, heißt es. Genaue Zahlen sind geheim. Nur Insider kennen sie. Hans Werner Kilz: "Es geht nicht darum, was zu verschweigen. Sondern wir wissen im Moment auch noch nicht, wie wir im nächsten Jahr aufgestellt sein werden." 

Neue Kooperationen

Die Berliner Zeitung gehört seit Mitte des Jahres zur DuMont-Gruppe. Erstmals hat es jetzt betriebsbedingte Kündigungen gegeben - für 14 Online-Journalisten der Netzzeitung. Ob auch Print-Kollegen gehen müssen, ist noch unklar. Doch schon jetzt hat sich für die Journalisten einiges verändert. Die Berliner Zeitung kooperiert mit den anderen DuMont-Blättern: Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger und Mitteldeutsche Zeitung. Den Wissenschaftsteil der Frankfurter Rundschau übernimmt neuerdings die Berliner Zeitung. Der Darm in Frankfurt ist derselbe wie der in Berlin. Umgekehrt läuft es mit der Medienseite für beide Blätter, Berlin beliefert auch die Frankfurter Rundschau.  

Uwe Vorkötter, Chefredakteur "Berliner Zeitung", meint: "Es geht darum, wie wir in der Krise und trotz der Krise Qualitätsjournalismus organisieren und finanzieren können. Und meine Behauptung ist: Das geht durch Kooperationen über Redaktionsgrenzen hinweg. Wenn jeder alleine vor sich hinwirtschaftet, wird er immer weniger Ressourcen zur Verfügung haben. Die Alternative zu dem, was wir tun, ist nicht der Status quo, sondern die Alternative heißt, den Status quo noch weiter abzusenken." Viele Journalisten bangen trotzdem um die Eigenständigkeit, die Identität der Blätter. 

Künftig soll es außerdem eine gemeinsame DuMont-Wirtschafts-Redaktion in Frankfurt und eine Hauptstadt-Redaktion in Berlin geben. Mehr Qualität durch weniger Vielfalt - das ist eine gewagte Rechnung. Konstantin Neven DuMont, Vorstand "Verlag M. DuMont Schauberg", erklärt: "Es geht aber letztendlich darum, dass wir auf der Kostenseite unsere Hausaufgaben machen müssen, sonst würden wir Gefahr laufen, in die Insolvenz zu gehen. Auf der anderen Seite wollen wir mit der Reorganisation, die wir jetzt gerade planen, eben auch mehr Raum und Ressourcen für investigativen Journalismus bieten." 

In der Krise aber ist jeder gut gemeinte Plan eine Spekulation

Denn zusätzlich verhagelt den Zeitungsmachern eine weitere Entwicklung die Bilanz: das Internet. Hier gibt es rund um die Uhr all das kostenlos, wofür der Leser am Kiosk Geld bezahlen muss. Uwe Vorkötter: "Wir haben auf dem Printmarkt die Gratiszeitung abgewehrt in Deutschland und online machen wir selbst die Gratiszeitung. Die Frage, ob es sinnvoll ist, dass unsere hochwertigen Inhalte im Internet gratis zur Verfügung stehen, kann ich eindeutig mit nein beantworten. Das ist nicht sinnvoll." Hans Werner Kilz: "Wenn ich eine teure Zeitung habe, habe Korrespondenten weltweit, die mich Millionen kosten über die Jahre, warum soll ich das, was die produzieren, verschenken? Das versteht kein Unternehmer." Die Verleger selber aber haben vor Jahren damit begonnen, ihre Online-Inhalte umsonst zu verscherbeln. Sie haben sich auf ihre Werbeerlöse verlassen und sich bitter verrechnet. Nun rätseln sie darüber, wie sie den Leser im Netz wieder umerziehen können. Konstantin Neven DuMont: "Wir müssen in der Bevölkerung das Bewusstsein schaffen, dass investigativer Journalismus eben auch Geld kostet. Und dass Werbeerlöse allein da zur Refinanzierung nicht ausreichen. Und deshalb werden wir für bestimmte Inhalte auch Bezahlmodelle im Netz oder in den digitalen Medien anbieten."  

Die fetten Jahre der Verlage sind für immer vorbei. Heute müssen sie mehr denn je dafür kämpfen, dass die gedruckte Zeitung lesenswert bleibt. Denn nur dann lässt sie sich finanzieren: vom Leser.   Hans Werner Kilz: "Wir müssen mit weniger Geld auskommen in Zukunft, und wir müssen die Zeitung teurer machen, das heißt, wer sie lesen will und wird, wird auch mehr bezahlen." Michael Rzesnitzek, Unternehmensberater: "Sie müssen etwas anbieten, was zwei Aspekte erfüllt. A - Es muss jemand haben wollen und es muss jemand bereit sein, dafür zu bezahlen. Und B - Ich darf es nirgendwo anders bekommen. Und genau in diese Art von, von, von Journalismus muss ich eben investieren." Von dieser Erkenntnis scheinen viele Verlage weit entfernt.  

Bei Gruner & Jahr demonstrieren die Mitarbeiter seit einem Jahr immer wieder, weil das Management radikal den Rotstift ansetzt. Für die vier Wirtschaftstitel arbeiten jetzt nicht mehr vier Redaktionen. Sie werden von einer großen Wirtschaftsredaktion gemacht. Und vor kurzem wurde auch die sogenannte Living-Gruppe verkleinert. Sogar betriebsbedingte Kündigungen schließt der Verlag nicht mehr aus. Elke Zeising, Betriebsrätin "Gruner & Jahr", meint: "Gruner + Jahr war mal wirklich wie eine große Familie und die Leute haben sich hier aufgehoben gefühlt und sind auch sehr gern hierher gekommen. Und mittlerweile herrscht hier so eine tiefe Verunsicherung, um nicht zu sagen sogar Angst: Wenn man seine Familie verliert, das ist ein Sturz ins Bodenlose." Achim Diekmann, Betriebsrat Gruner & Jahr: "Auf der Strecke bleibt natürlich der Enthusiasmus, der dieses Haus geprägt hat. Die Leute haben sich doch identifiziert wie sonst was mit diesem Haus." Und dieses Haus und seine Mitarbeiter standen jahrelang glänzend da. Gruner & Jahr gehört zum Bertelsmann-Konzern. Der Hamburger Verlag war für seine Mutter in Gütersloh stets eine Goldgrube. Tom Thielemann, Betriebsrat "Gruner & Jahr": "Wir haben innerhalb von fünf Jahren allein nur Bertelsmann eine Milliarde an Gewinn rübergereicht. Da ist es dann, wenn Krise ist, eigentlich überhaupt nicht verständlich, dass als erste die Mitarbeiter bluten sollen." Wenn die Rendite den Verlagen wichtiger ist als Redakteure, wenn Rechnen mehr zählt als Recherche, dann ist jeder Kampf für guten Journalismus schon verloren.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.12.2009 | 23:05 Uhr

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Die Presse in der Krise

09.12.2009 23:05 Uhr

Hunderte Journalisten kämpfen um ihre Arbeitsplätze. Die Verlage bringen beinahe täglich neue Hiobsbotschaften. Wie sehr der Journalismus darunter leiden wird, will aber kaum ein Verleger zugeben. Video (09:57 min)