Sendedatum: 30.11.2009 00:05 Uhr  | Archiv

Die PR-Branche und ihre Tricks

von Anne Ruprecht

Es ist ein Herzensthema von Zapp. Public Relations, kurz PR. Werbung, die hübsch unauffällig als Journalismus verpackt ist. Mittlerweile erscheint sie so selbstverständlich und ist so perfekt platziert, dass sie kaum zu enttarnen ist und dass sich kaum einer darüber aufregt. Wir schon. Denn auf einen PR-Profi kommen nur noch zwei Journalisten. Zapp über die miesen Methoden einer boomenden Branche.

Mit Tränen sollte die Weltöffentlichkeit auf den Golfkrieg eingestimmt werden. Eine angebliche Augenzeugin aus Kuwait: „Ich habe im Krankenhaus gesehen, wie irakische Soldaten Säuglinge aus den Brutkästen gerissen haben, um sie auf dem kalten Fußboden sterben zu lassen.“ Doch der dramatische Auftritt war ein Schauspiel, inszeniert von einer PR-Agentur. Die Geschichte von den herausgerissenen Babys eine Lüge. Auch Fernsehbilder von einem Selbstmordanschlag in einer kalifornischen Kleinstadt sind täuschend echt. Doch später wird klar: Deutsche PR-Profis haben mit dieser Aktion Reklame für einen Kinofilm gemacht. Und sogar in den Nachrichten kommen Inszenierungen vor. So berichteten die Tagesthemen: „In Berlin hat die Kassenärztliche Vereinigung gegen die geplante Gesundheitsreform protestiert. Die Ärzte hängten symbolisch Tausende Kittel an den Nagel [...].“ Doch die demonstrierenden Ärzte waren nur bezahlte Statisten, angeheuert von einer PR-Agentur.  

Ulrich Müller von LobbyControl meint dazu: „Wenn es nicht auffliegt, dann wird eben wirklich den Leuten was vorgegaukelt und man kriegt sozusagen eine deformierte Öffentlichkeit, wo eigentlich nicht mehr offen kritisch diskutiert wird, sondern die Leute glauben, da kommt was von einer unabhängigen Seite.“ Und Thomas Leif von „Netzwerk Recherche“ erklärt: „Wir sind jetzt an einem Punkt, wo schon die PR einen dominierenden Einfluss hat auf die Konstruktion von Öffentlichkeit. Und das Schlimme dabei ist, dass niemandem das auffällt.“ Wie von Geisterhand gelangen Meldungen in die Medien, die keine sind - für die Öffentlichkeit unsichtbar.  

Verdeckte PR

Eine Branche boomt, Public Relations. Sie erfindet Bilder und Geschichten, um die öffentliche Meinung zu manipulieren, und zwar so, dass niemand es merkt, getarnt als Information. Richard Gaul, Vorsitzender des Deutschen Rats für Public Relations, sagt: „Wir haben im Rat in den letzten Monaten einige Fälle von verdeckter PR gehabt, die wir auch dann gerügt haben. Ich glaube nicht, dass es die Mehrheit ist, ich glaube dass die große Mehrheit der PR tatsächlich seriös ist, das Transparenz-Gebot einhält.“ Doch sind verdeckte PR-Tricksereien wirklich nur eine Ausnahme? Als die Deutsche Bahn für ihre umstrittene Privatisierung Stimmung machte, wurde die Öffentlichkeit absichtlich getäuscht. Eine Berliner Agentur präsentierte vermeintlich normale Bahnkunden bei Youtube, mit einseitigen Statements für die Privatisierung. So meinte ein Mann auf einer Straße: „Ich bin dafür.“ Und eine Frau im Auto erklärte: „Das ist keine schlechte Idee, denn man weiß ja, die Bahn muss ihre Schulden abbauen, sie muss wirtschaftlicher arbeiten, und ich denke schon, das ist eine gute Idee.“  

Ulrich Müller: „Ich glaube dass PR generell ein Interesse hat, nicht aufzufallen, und dass sie das auf verschiedenen Wegen versucht zu erreichen, entweder dadurch, dass sie den Absender verschleiert oder zumindest in den Hintergrund rücken lässt.“ Verschleiern, tricksen und tarnen: Die PR-Profis der Bahn unterwanderten auch Blogs und Internetforen von Zeitschriften und Zeitungen. Zukunftmobil war einer ihrer Usernamen, unter dem sie dreist für die Bahnprivatisierung warben. Kein Leser wusste, dass diese vermeintlich unabhängigen Blogger hier für die Bahn unterwegs waren. Thomas Leif meint: „Im Grunde wird die Öffentlichkeit und die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Weil durch die Präsenz solcher Firmen, solcher kommerzieller Interessen in den Sozialen Communities wird das Bild verzerrt, das Meinungsbild verzerrt und das ist der erste Schritt, um am Ende eine Meinungshoheit zu haben zu einem Thema.“ 

Wer steckt dahinter?

Und um Meinungshoheit und Macht kämpften auch sie: Roland Koch und Andrea Ypsilanti. Ypsilanti wollte mit Hilfe der Linken in Hessen regieren, entgegen aller Versprechen. Auf einer Internetseite - www.wortbruch.info - protestierte eine Bürgerinitiative und polemisierte „Hessen lass Dich nicht linken!“ Sie forderte auf zu „Rückgrat gegen Wortbruch“. Der Internet-Protest schaffte es bis in die Medien. Journalisten berichteten über die „Ärger-Plattform gegen Ypsilanti“ (Focus Online 22.10.08) und die vermeintliche Bürgerinitiative „Kein Wortbruch in Hessen“ (Faz.net, 12.11.09). Die Initiative schaltete sogar große Anzeigen in der Frankfurter Rundschau und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Thomas Leif erklärt: „Man versucht, die Mittel der normalen demokratischen Öffentlichkeit, die wir kennen in der Demokratie, zu instrumentalisieren für die Teilbotschaften und die Interessen der Auftraggeber und der PR-Industrie.“  

Denn mit Volkes-Stimme hat diese Aktion nichts zu tun. Die Internetseite ist auf Charlotte Schmidt-Imhoff angemeldet - eine ehemalige CDU-Abgeordnete aus Frankfurt. Im Impressum taucht Alexander Demuth auf, ein PR-Profi. Und auch der Kontaktmann Jürg Leipziger entpuppt sich als PR-Mann. Der scheinbar unabhängige Bürgerprotest ist eine PR-Kampagne aus dem Umfeld der CDU.  

PR in der Politik

Auch Politiker wie die langjährige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) nutzen PR, um sich in Szene zu setzen. Über sie und ihr umstrittenes Elterngeld gab es erstaunlich viel positive Berichte in Lokalzeitungen und im Radio. Die Berichte stammten nicht von unabhängigen Journalisten, sondern von einer PR-Agentur. Und viele Medien brachten die geschönten Meldungen, wie eine penible Analyse des Ministeriums zeigt. Ursula von der Leyen: Sie trickste und bekam sogar einen Preis für ihre „PR-Leistungen“. Bei der Verleihung 2007 erklärt Ursula von der Leyen (CDU) in ihrer Dankesrede: „Von Herzen Dank - meine Damen und Herren.[...] Ich will Ihnen sagen, dass ich ausgesprochen geehrt und glücklich bin, dass ich diesen Preis übernehmen darf. Ich muss noch eine ganze Weile darüber nachdenken [...]“. 

Politiker und PR-Profis als Komplizen bei der täglichen Inszenierung: Unabhängige Journalisten stören da nur. Thomas Leif meint: „So dass sie eigentlich nur noch diese Polarität haben: Einerseits Blockade von Informationen bei kritischen Themen und andererseits die große PR-Tunke, wenn man was loswerden will. Dazwischen gibt es kaum etwas. Also das, was man Diskurs nennt oder was man offene Dialogbereitschaft nennt, das ist sozusagen total verkümmert.“ Und Ulrich Müller erklärt: „Und wenn das alles sozusagen so stark deformiert ist, durch PR, gerade durch problematische Methoden von PR, also diese grauen PR-Methoden, dann unterläuft man eigentlich ein Kernelement oder beschädigt man ein Kernelement von Demokratien.“  

Undurchsichtige Methoden der PR-Industrie

Und die Branche redet sie klein: Die Zunft rühmt sich wahrhaftig und offen zu arbeiten. Und sie verweist auf ihre Selbstkontrolle: Wer gegen die Regeln verstößt und sich dabei auch noch erwischen lässt, bekommt eine Rüge von den Kollegen. Richard Gaul vom Deutschen Rat für Public Relations: „Allein deswegen, weil es die Kontrollinstanzen gibt, hat es, hat verdeckte PR oder schwere Regel-Verstöße auf mittlere und lange Sicht keine Chance. Und ist demzufolge erfolglos.“  

Verdeckte PR aber ist erfolgreicher denn je und brancheninterne Kritik wirkungslos. Ulrich Müller: „Sie können sozusagen nur im Nachhinein, wenn es sozusagen schon mal durch die Medien gegangen ist, oder wenn es sozusagen Hinweisgeber gibt, die sagen, hier läuft was schief, dann können sie sozusagen nachträglich eine Rüge aussprechen. Die Rüge hat keinerlei rechtliche Konsequenzen.“ Und die Leser und Zuschauer erfahren erst recht nichts davon. Bei ihnen bleiben die Inszenierungen als Realität hängen. Die Lügen werden zur Wahrheit. Umso wichtiger ist es, dass kritische Journalisten sie immer wieder hinterfragen und entlarven. Thomas Leif rät: „Vor allen Dingen nicht dem Bequemlichkeitsfaktor nachgehen und das leicht aufbereitete Stoffarsenal einfach nutzen. Sondern sie müssen sagen: Wir müssen an die Originalquellen ran. Wir dürfen uns nicht abwimmeln lassen, wir haben einen Auftrag der Gesellschaft und sind nicht sozusagen fünftes Rad am Wagen der PR-Industrie.“

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.11.2009 | 00:05 Uhr

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