Sendedatum: 25.11.2009 23:05 Uhr  | Archiv

Überwältigende Unterstützung für Nikolaus Brender

von Josy Wübbern

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender macht Schlagzeilen und das schon seit Monaten. In diesen Tagen allerdings besonders fette, denn der ZDF Verwaltungsrat entscheidet jetzt über seine Vertragsverlängerung. Andere haben sich bereits entschieden. Ein Sturm der Entrüstung fegt durch den Blätterwald, die Solidarität von Journalisten und Staatsrechtlern mit dem Chefredakteur ist überwältigend. Der Showdown im Fall Brender. 

Er ist Buhmann und Lichtgestalt gleichermaßen. Nikolaus Brender wird bewundert, aber auch gefürchtet. So sagt er bei einer öffentlichen Redakteurskonferenz: „Keine Angst vor mir, kommen Sie näher, rücken Sie uns auf die Pelle.“ Jemandem auf die Pelle zu rücken schätzt Nikolaus Brender allerdings nur bei solchen Redakteurskonferenzen. Eigentlich legt er Wert auf Distanz. Nikolaus Brender: „Ich darf Sie sehr bitten, wirklich unabhängig zu bleiben, keine Sympathien für die eine oder andere Partei zu zeigen. Und vor allem aber auch als Journalist kritisch zu bleiben.“  

Keine Sympathien für die eine oder andere Partei, genau das ist jetzt sein Problem. Ulrike Simon, Medienjournalistin, meint: „Nikolaus Brender ist jemand, der sich nicht vereinnahmen lässt. Also an und für sich nicht das Schlechteste für einen Journalisten.“ Manfred Bissinger, Publizist: „Weil er einer der wenigen und seltenen Exemplare von Journalisten ist, die noch ganz und gar unabhängig sind, sich von niemandem zu irgendetwas zwingen lassen.“ Hartmann von der Tann, ehemaliger ARD-Chefredakteur, meint: „Und das heißt andererseits, dass das, was er tun wird, niemals vorhersehbar ist. Und das ist vermutlich das, was die Politik an ihm stört.“  

Claus Kleber sagt im September beim Deutschen Fernsehpreis über ihn: „Ein Chefredakteur, der so an den Schablonen vorbeidenkt und über sie hinausdenkt, ist Gold wert für öffentlich-rechtliches Fernsehen. Das ZDF hat einen. Und wenn das Gute gewinnt und der Intendant, dann hat es auch in Zukunft einen.“  

Das Gute hat sich lange Zeit durchgesetzt

Fast zehn Jahre lang war Nikolaus Brender Chefredakteur beim ZDF, davor beim WDR. Mutig war er schon damals. So fragt er in der Sendung „Farbe bekennen“ vom 11. April 1996 den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU): „Kohl, der kalte Kanzler. Kann Sie das so unberührt lassen?“
Kohl erwidert: „Ja, weil es doch nicht stimmt.“
Brender: „Mercedes, Vulkan, KHD und andere, warum sagen Sie da nichts?“
Kohl: „Aber Entschuldigung. Das stimmt doch überhaupt gar nicht, was Sie da sagen.“
Brender: „Lassen Sie uns noch mal bei Ihrem Paket bleiben.“
Kohl: „Jetzt komme ich zu meinem Paket. Wir haben...“
Brender: „Verändern Sie das Paket noch? Herr Eppelmann sagt...“
Kohl: „Jetzt sage ich erst mal das Paket und dann reden wir über Veränderungen.“  

Was schon Helmut Kohl verärgert hat, möchte sein Parteifreund Roland Koch (CDU) nicht mehr mit ansehen. Er zieht seit Monaten Strippen. Systematisch betreibt er Brenders Ende beim ZDF und hat bislang das Gegenteil bewirkt: Brender gilt nun als Ikone des unabhängigen Journalismus. Im Oktober erhielt er den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Der öffentliche Kampf gegen übergriffige Politiker schweißt die Medien zusammen. Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber, erklärt: „Es ist viel mehr das Gefühl von Journalisten unterschiedlichster Medien, dass hier eine elementare Grenze überschritten wird. Es geht hier um die Gefahr eines Eingriffs in die DNA, in das Erbgut eines Senders.“ Nikolaus Brender selbst meint: „Es geht da ja nicht nur um mich. Ich bin ja nur zufällig ein Beispiel dafür oder Auswahlexemplar. Es machen ja viele. Die meisten Journalisten, auch im ZDF, auch in der ARD sind aufrechte Journalisten und ich habe auch einen Intendanten, der hinter mir steht.“  

Parteipolitische Interessen

Der Intendant Markus Schächter will Nikolaus Brender zwar vorschlagen, wird ihn aber nicht im Verwaltungsrat durchsetzen können. Dort sitzen zwei SPD-Ministerpräsidenten und zwei von der CDU. Fast alle anderen lassen sich diesen beiden Lagern zuordnen. Die angeblich unabhängigen Mitglieder sind Getreue der Parteien mit einer klaren Mehrheit für die CDU. So regieren Politiker in den Rundfunk hinein.  

Ein wahnsinniges Konstrukt, gegen das sich selbst der Springer-Chef Mathias Döpfner zur Wehr setzt. Beim Zeit-Martinée vom 22. November erklärt Döpfner: „Es geht schon darum, dass diese Art von Selbstherrlichkeit eines Gremiums, das politisch zusammengesetzt ist, - nach dem Motto: ‚Jetzt sind wir mal dran, Einfluss auf journalistische Personalpolitik zu nehmen’ - in höchstem Maße beunruhigend ist. Und wenn das so durchgeht und das Schule macht, dann haben wir ein Problem.“ Manfred Bissinger sagt: „Denn es ist ja eine vollkommen unmögliche Situation, in der wir uns befinden, dass die Politik, über die berichtet werden soll, bestimmen kann, wer über sie berichtet.“ Und Ulrike Simon meint: „Meines Erachtens ist der Druck, ist der Schaden bereits da für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Weil es ja nicht zum ersten Mal ist, dass parteipolitische Interessen eine Rolle bei der Besetzung von wichtigen Posten spielen.“  

Auch vor der Wahl von Markus Schächter wurden Kandidaten verbrannt. Sie wurden monatelang durch den Parteienklüngel-Fleischwolf gedreht. Heide Simonis, ehemaliges Mitglied im ZDF-Verwaltungsrat, berichtet: „Da wird nicht gefragt: Wie gut ist der? Kann einer mal was über den sagen? Sondern es wird gefragt, welcher Partei gehört der eigentlich an? Und wie rechnen wir ihn, wenn er keiner Partei angehört, den einzelnen Freundeskreisen zu? Also, das nimmt verrückte Formen an. Und jeder weiß, das ist nicht erlaubt.“

Unterstützung von Juristen

Weil das nicht erlaubt ist, haben zum „Fall Brender“ 35 Staatsrechtler einen offenen Brief verfasst, über den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 22. November berichtete. Sie kämpfen gegen zu viele Politiker und staatliche Einflussnahme im Verwaltungsrat. Einer von Ihnen ist Professor Battis, sein Fachbereich Verwaltungsrecht. Er meint: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen staatsfreien Auftrag. Aber an ihm sollen die gesellschaftlichen Kräfte, die relevanten gesellschaftlichen Kräfte mitwirken. Und zu den relevanten gesellschaftlichen Kräften gehören natürlich auch die Parteien, aber sie sollen ihn nicht beherrschen diesen Rundfunk, sondern sie sollen mitwirken“. Hartmann von der Tann erklärt: „Wenn es nun eine solche große Menge von Fachleuten gibt, die ja durchaus nicht alle nur der SPD nahe stehen, die sagen ‚Achtung’ und den Zeigefinger heben, dann zeigt das einfach, was diese Entscheidung für ein Gewicht hat, also, was da in Gefahr ist.“  

Aber Roland Koch lässt sich von der Solidaritätslawine nicht beirren. Er macht weiter mit seinem Kampf gegen Brender - offensichtlich um jeden Preis. Manfred Bissinger: „Das weiß ich nicht, ob Politiker überhaupt etwas beeindruckt, was andere zu ihnen sagen. Aber ich hoffe, er wird nachdenklich und überlegt sich, welches Porzellan er zerschlägt, wenn er bei seiner Position bleibt.“ Hartmann von der Tann meint: „Sie nehmen in Kauf, dass man bei jedem künftigen ZDF-Chefredakteur nach Brender eigentlich davon ausgehen muss, dass man sagen darf: Das ist ein Chefredakteur von Gnaden der Politik.“  

Ein solcher war Brender nie. Am Freitag aber geht es um viel mehr als nur um ihn oder seinen Nachfolger. Es geht um einen Anschlag aufs öffentlich-rechtliche System und die Pressefreiheit in ganz Deutschland.

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ZAPP | 25.11.2009 | 23:05 Uhr

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