Sendedatum: 13.10.2010 23:35 Uhr  | Archiv

Aktienbetrug - Journalisten unter Verdacht

von Anne Ruprecht, Jasmin Klofta

Ihre Worte können Millionen wert sein. Wenn sie berichten oder gar empfehlen, können Kurse in die Höhe schnellen oder in den Keller stürzen. Finanzjournalisten haben Macht. Und einige scheinen sie auch einzusetzen. Zapp über einen Betrugsskandal, bei dem auch Journalisten in den Fokus geraten sind.

 

Steigender Aktienkurs © picture-alliance/dpa

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Heimlich sollen sie alles geplant haben, sich gezielt positioniert und dann profitiert haben, in einem der möglicherweise größten Betrugsfälle im deutschen Aktienhandel. Ein Netzwerk aus Vermögensverwaltern, Anlegerschützern und Journalisten.

Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, meint: "Finanzjournalisten sollten eigentlich Vertrauen genießen, das Vertrauen der Anleger. Denn Finanzjournalisten geben Tipps am Ende des Tages. Und wenn diese Tipps nicht im Interesse der Leser, sondern im Interesse krimineller Hintermänner gemacht werden, dann schadet das dem gesamten Journalismus in Deutschland."

Vertrauer der Anleger missbraucht

In München laufen die Fäden zusammen: In ihrem Sitz in der prächtigen Maximilianstraße sollen die zwei damaligen Aktionärsschützer Tobias Bosler und Markus Straub die Fäden gesponnen haben. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen Marktmanipulation und Insiderhandel, hat bereits 48 Büros und Wohnungen durchsucht, bei 31 Verdächtigten. Auch Journalisten stehen unter Verdacht. Zwei ehemalige Ressortleiter von Börse-Online und ein Mitarbeiter von Focus Money. Sie alle sollen der Clique angehören, die durch gezielte Veröffentlichungen Aktienkurse beeinflusst und dadurch Kasse gemacht haben soll. Das nennt man Scalping: Skalpieren.

"Scalping funktioniert natürlich normalerweise nur, wenn ich eine möglichst große Öffentlichkeit auf den Wert hinweise, den ich gerade besitze und in die gewünschte Richtung steuern möchte. Und deswegen, die breite Masse kann eigentlich besonders gut von Journalisten natürlich angesprochen werden", so Heinfried Hahn, Experte für Kapitalmarktrecht.

Ausgangspunkt der Ermittlungen war der Fall Wirecard, eine Firma für elektronischen Zahlungsverkehr. Hier zeigt sich das Muster mit dem das Netzwerk an der Börse vorgegangen sein soll. Gezielt soll der Wirecard-Kurs nach unten manipuliert worden sein. Die damaligen Aktionärsschützer in Person von Markus Straub kritisierten das Unternehmen öffentlich. Gleichzeitig erschienen negative Berichte in Börsenbriefen und Börsen-Foren über Wirecard. Der Kurs stürzte ab. Das Netzwerk soll dadurch Millionen verdient haben, denn einige Akteure hatten schon vorher auf den fallenden Kurs gewettet. Rund 20 Aktien sollen manipuliert worden sein.

Christian Kirchner von der Financial Times Deutschland: "Ich glaube unter dem Strich auch, dass auch nur diese 20 Aktien ein Ausschnitt sind, weil das sind wahrscheinlich die, bei denen man das am Einfachsten nachweisen kann in Form der Ermittlungen, ich glaube aber schon, dass da noch mehr dahinterstehen."

Merkwürdige "Hotstocks"

Auch gegen einen Mitarbeiter von Focus Money, dem Münchner Anlegermagazin, wird derzeit ermittelt. Er soll Teil des geheimen Netzwerkes sein. 2006 ging ein gänzlich unbekanntes Unternehmen an die Börse. Eine Firma mit dem klangvollen Namen "Petrohunter Energy".

Christian Kirchner: "Das ist ein Unternehmen, das früher einmal, vor acht bis zehn Jahren, in der Lieferung von Mineralwasser für amerikanische Büros tätig war, pleite war und dann anschließend, im Jahr 2005 war das, quasi über Nacht zu einem neuen Unternehmen wird, das angeblich auf irgendwelchen Ölreserven in Australien oder Nordamerika sitzt. Und mit dieser Geschichte ausgestattet und umbenannt von Digital Eco Systems, wie das Unternehmen früher hieß, in Petrohunter - klingt natürlich auch toll: Petrohunter, der Öljäger - ist man an die Öffentlichkeit gegangen."

Ein merkwürdiges Unternehmen. Doch bei Focus Money war die neue Aktie der "Hotstock" der Woche. Dort beschwört der Focus-Money-Mitarbeiter das "Neue Gasfieber" (Focus Money, 8.2.2006), mit "Gigantischen Chancen" und empfiehlt: "Spekulative Anleger sollten einsteigen, bevor Details bekannt werden." In einem zweiten Artikel errechnet er sogar ein Gewinnpotenzial von "163 Prozent", ein Journalist im "Gas Rausch" (Focus Money, 25.1.2006). Seine Quellen unbekannt. Ralf Drescher vom Handelsblatt: "Es gibt aus öffentlichen Quellen keine Berichte, es gibt kaum Mitteilungen außer ein paar Jubel-ad-hoc-Mitteilungen des Unternehmens selbst. Also, ich weiß nicht, wo diese Recherchen herkommen sollen und entsprechend glaube ich auch nicht, dass da seriös recherchiert wurde."

"Es gibt ganz klar geregelte Vorschriften im Wertpapierhandelsgesetz, dass die Finanzanalysen und darunter fallen eben solche Beiträge von Journalisten, die sich mit Aktien befassen, dass solche Finanzanalysen korrekt und sachlich abgefasst werden sollen und keinen irreführenden Eindruck erwecken dürfen", so Heinfried Hahn.

Jubel-Artikel steigern den eigenen Profit

Das undurchsichtige Unternehmen wird in einem Artikel hochgejubelt. Pikant daran: Ein Blick in die Dokumente der amerikanischen Börsenaufsicht SEC verrät, wer sich zuvor mit Aktien eingedeckt hatte. Der ehemalige Aktionärsschützer Tobias Bosler war mit 100.000 Aktien dabei, sein ehemaliger Kollege Markus Straub mit 200.000 Aktien. Und auch andere nun verdächtigte Personen tauchen als Aktionäre auf. Und die Rechnung ging auf. Für Insider, die früh investiert hatten und rechtzeitig wieder ausstiegen, ein Riesengeschäft. Direkt nach dem Börsengang stürzte die Aktie ab, war schließlich nur noch Cent-Beträge wert. Wenige Artikel mit großer Wirkung.

"Finanzjournalisten haben eines: Sie machen Masse, sie machen Stimmung. Man braucht Leute, die bestimmte Aktien kaufen und dabei nicht merken, dass sie wertloses Zeug von Leuten kaufen, die sich ins Fäustchen lachen", meint Roland Tichy.

Die Börse in Frankfurt: Gleiches Jahr, gleiche Clique, gleiches Muster. Diesmal ist es ein unbekanntes Biotech-Unternehmen, namens Nascacell, das offenbar in Berichten nach oben geschrieben wurde. Auch hier sollen mutmaßliche Mitglieder des geheimen Netzwerkes beteiligt sein. Und auch hier wieder Jubelberichte vom gleichen Focus-Money-Mitarbeiter. Trotz fehlender offizieller Informationen ist Nascacell: der "Hotstock der Woche" (Focus Money, 31.05.2006).

Der Focus-Money-Journalist tönt: der Börsenneuling "könnte bald für Furore sorgen". Nascacell sei quasi ein Geheimtipp und er verspricht vollmundig: "Für Anleger ist dies die einmalige Chance, zu Schnäppchenpreise an die Aktie zu kommen." Viele glaubten den Berichten und bereuten es. Denn der Aktienkurs fiel schon am allerersten Tag von sieben Euro auf 20 Cent. Mittlerweile ist das Unternehmen abgewickelt. Die schriftlichen Fragen von Zapp hat der Focus-Money-Journalist nicht beantwortet. Auch die Focus-Money-Chefredaktion gibt Zapp keine schriftlichen Antworten. Nur weitschweifige Ausführungen am Telefon. Die Zusammenarbeit mit dem Journalisten sei ausgesetzt: jetzt.

Zweifel an der Arbeit des Focus-Money-Journalisten gab es schon lange. Ralf Drescher vom Handelsblatt und sein damaliger Kollege Christian Kirchner haben bereits vor zwei Jahren recherchiert. "Wir haben uns die sogenannten Hotstocks mal angeschaut, die das Magazin in den Jahren 2006 bis 2008 empfohlen hat. Das waren ungefähr 140 Werte und da sind wir zu dem Schluss gekommen, dass lediglich 18 Werte überhaupt nur eine, meist leicht positive, Rendite erzielt haben, bis zum Zeitpunkt unserer Betrachtungen im Sommer 2008", so Christian Kirchner.

Der Rest rauschte nach unten ab. Rund ein Drittel der empfohlenen "Hot Stocks" sogar am Ende ein Totalverlust. Und das zu einer Zeit, in der es an der Börse stabil zuging. "Das Ganze ist wirklich himmelschreiend und jeder Affe mit Dartpfeilen würde deutlich bessere Ergebnisse erzielen, als der Kollege, der die "Hotstocks der Woche" empfohlen hat", meint Ralf Drescher.

Kein Einzelfall

Das gleiche Muster, immer wieder wenn es um Aktien und um Geld geht. Und das wirft neue Fragen auf. Zum Beispiel im fast vergessenen Fall MLP. Im Jahr 2002 stürzte die Aktie des Finanzdienstleisters plötzlich ins Bodenlose. Verlor über 50 Prozent. Wochenlang hatte Börse Online berichtet. "Die wahre MLP Story" titelte das Magazin (15.05.2002) und sah "MLP: Vor einem Gewitter" (16.05.2002). Börse Online kritisierte undurchsichtige Bilanzen und legte wöchentlich nach: "Nebelkerzen aus Heidelberg" (26.05.2002). Am Ende waren es über zehn Berichte: "Mangelhafte Antworten" (20.06.2002); "Dubiose Verkäufe – es wird enger" (01.08.2002); "Verwirrung um die Kundenzahlen" (22.08.2002); "Vorstandsmitglied weg - Bilanzrisiken bleiben" (12.09.2010).

"Die massive Berichterstattung an und für sich war noch nicht merkwürdig, da es ja so sein kann, dass Unternehmen von sich aus Daten verschleiern. Die Häufung dieser Berichte und die Zentrierung auf ein einziges Blatt war allerdings seltsam", sagt Roland Tichy.

Seltsam vor allem: alle Berichte wurden von einem unbekannten Journalisten geschrieben, einem geheimnisvollen "Felix S. Lohmann". Ein Pseudonym, wie Börse Online damals einräumte. Wer allerdings dahinter steckt, das verriet Börse Online damals nicht. Roland Tichy: "Es handelt sich hier um sehr hochbrisante Informationen, die müssen zuverlässig sein. Und das größte Maß an Zuverlässigkeit ist immer noch die personale Verantwortung eines einzelnen Redakteurs. Immer wenn anonyme Autoren da auftauchen, ist der Verdacht nahe, dass da jemand handelt, der in Wirklichkeit im Trüben fischt."

Damals gab es Gerüchte, dass hinter dem Pseudonym der Aktionärsschützer Markus Straub stecken könnte: "Lohmanns Enthüllungen" (Süddeutsche Zeitung, 07.08.2002). Der stritt das ab. Nun tauchen bei den aktuellen Ermittlungen unter den Verdächtigen des kriminellen Netzwerkes zwei andere Namen auf, die aufhorchen lassen: Zwei ehemalige Ressortchefs von Börse Online. Ihre Nähe zu den verdächtigten Aktionärsschützern ist bis heute auffällig. Ihre Geschäftsräume in München liegen Tür an Tür. Auf Anfrage von Zapp bestätigt die heutige Chefredakteurin von Börse Online, dass sämtliche MLP-kritischen Berichte von den verdächtigten Journalisten verfasst wurden. Und auch im Heft legt sie offen: "dass nach unseren Informationen zwei der Verdächtigen einmal für Börse Online gearbeitet haben." (Börse Online, 30.09.2010).

Die Verdächtigen haben auf Zapp-Anfragen nicht reagiert. Dabei gibt es viele Fragen. Denn sie und der Mitarbeiter von Focus Money haben mit der Glaubwürdigkeit des Finanzjournalismus ein riskantes Spiel getrieben. Und einige Redaktionen haben zu lange zugesehen.

 

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 13.10.2010 | 23:35 Uhr

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