Stand: 01.12.2015 11:22 Uhr

Facebook: Drohungen sollen kein Witz mehr sein

Das war es hoffentlich noch nicht, Facebook: Angesicht der anhaltenden Kritik an Facebooks Umgang mit Hass-Kommentaren - gerade beim aktuellen Thema Flüchtlinge - inklusive Gesprächstermin beim Justizminister - hat das soziale Netzwerk Änderungen angekündigt. In einem Beitrag mit dem Titel "Gemeinsam gegen den Hass" äußert sich Facebook-Manager Richard Allen dazu mit vielen Worten, die vor allen Dingen betonen, wie toll Facebook sei und wie gut alles dort laufe (abrufbar nur für angemeldete Facebook-Kunden):

Die überwältigende Mehrheit der 21 Millionen Menschen, die Facebook in Deutschland täglich nutzen, liest Nachrichten von Freunden, postet Familienfotos und klickt auf Videos von Bekannten, ohne dabei auf Hass zu stoßen.

Leider kein Einzelfall: Hass-Post auf Facebook.

Das sehen bekanntliche einige dieser 21 Millionen anders. Sonst müsste sich Allen ja nicht äußern und betonen, dass Facebook sich schon jetzt selbst verordnet habe, bestimmte von Nutzern gepostete Inhalte zu entfernen (vorausgesetzt, dass das Unternehmen von diesen überhaupt erfährt). Leicht versteckt in seinem Wortschwall räumt Allen aber dann tatsächlich Fehler ein:

Uns ist bewusst, dass einige Menschen Dinge auf Facebook gepostet haben, die Flüchtlinge bedrohen. Wenn Menschen uns Inhalte dieser Art melden, kann es manchmal schwierig für unser Prüfteam sein, genau zu bewerten, ob es sich um eine direkte Drohung handelt oder um eine Meinungsäußerung oder einen Witz. Die Herausforderung für uns besteht darin, zu erkennen, wann eine Drohung echt ist.

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Witze und Drohungen sind nicht zu unterscheiden? Richard Allen will hier offenbar keinen Witz machen. Natürlich: Bei der Moderation von Online-Kommentaren sind immer Umsicht und Fingerspitzengefühl gefragt, und Facebook kommt aus der US-Kultur, die der Meinungsfreiheit größeren Freiraum gewährt, auch wenn diese andere angreift.

Aber angesichts der Vielzahl in den letzten Monaten vorgebrachter Beschwerden kann diese Schwierigkeit doch aus deutscher Sicht nur daran liegen, dass Facebook nicht über genügend (geschultes) Personal verfügt, um eingehende Beschwerden zu prüfen. Dann kündigt Allen sogar noch eine Änderung an:

Diese Verbesserung soll ihnen dabei helfen, Inhalte in Deutschland, die Flüchtlinge bedrohen, zu identifizieren und zu entfernen. Posts, die Androhungen von physischer Gewalt enthalten, werden künftig als glaubhafte Drohungen eingeschätzt und von Facebook entfernt. Dies ist keine Veränderung unserer Gemeinschaftsstandards, sondern eine Verbesserung der Art und Weise, wie wir sie für Deutschland umsetzen.

Auch Hass gegen Gruppen soll geahndet werden

Bisher hatte Facebook nämlich in seinen "Gemeinschaftsstandards" - den Regeln für Nutzer - ausschließlich Hassbotschaften verboten, die einzelne Personen "direkt angreifen". Nun soll "eine zentrale Passage künftig anders interpretiert und umgesetzt werden", schreibt Simon Hurtz auf SZ.de.

Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen:
Rasse, Ethnizität, nationale Herkunft, religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität oder schwere Behinderungen oder Krankheiten.

Auf Facebook dürfte sich bei der neuen Auslegung deshalb bald einiges ändern, meint "SZ-"-Autor Hurtz. Ich glaube daran allerdings erst, wenn dies tatsächlich eintritt. Immerhin: Facebooks Beitritt zur Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia ist ein Schritt. Der Verein soll Facebook in Deutschland mit seiner Erfahrung bei der Bewertung von kritischen Inhalten unterstützen.

Umfassendere Maßnahmen ab Mitte Dezember?

Aber auf den ersten Blick hatte Facebook hier wieder seine übliche Taktik der Öffentlichkeitsarbeit angewandt: Viel reden, wenig sagen, vor allem wenig Konkretes. Immer noch hält die Firma die Zahl der mit der Bearbeitung von Beschwerden über Postings beschäftigten deutschsprachigen Mitarbeiter hinter dem Berg und tut so, als sei sie eine mittellose Non-Profit-Organisation, kein Internetunternehmen mit mehr als einer Milliarde Kunden weltweit. Und warum veröffentlicht Facebook nicht mal besagte interne Handreichungen, anhand derer Postings konkret bewertet werden, um Transparenz zu demonstrieren und die Diskussion zu erleichtern?

Aber im Dezember hat Facebook ja noch zwei weitere Verabredungen mit dem Bundesjustizministerium. Minister Maas hat Recht, wenn er sagt: "Es ist gut, dass Facebook dem Druck endlich nachgibt und beginnt, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen. Klar ist: Das kann nur ein erster Schritt und ein Zwischenergebnis unserer Task Force sein. Fremdenfeindliche und rassistische Hassbotschaften, die gegen Strafgesetze verstoßen, müssen schneller und umfassender aus dem Netz verschwinden." Wir dürfen gespannt sein, ob wir Mitte Dezember von Facebook wirkliche Neuigkeiten hören.

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