Stand: 01.06.2015 17:01 Uhr

Russland soll MH17-Bilder manipuliert haben

von Bastian Berbner

298 Tote - Zivilisten, viele Kinder, Familien auf dem Weg in den Urlaub. Der Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges MH17 über der Ostukraine ist ein Schlüsselmoment des Ukraine-Krieges. Auch fast ein Jahr später steht die Frage im Raum: Wer ist schuld ist an diesem unvergleichlichen Massaker? Um die Antwort darauf werden seit fast einem Jahr Propagandaschlachten geschlagen. Die Ukrainer beschuldigen die Russen, die Russen die Ukrainer. Wer hat Recht?

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Eliot Higgins gründete die Webseite "Bellingcat".

Niemand kommt einer Antwort so nah wie das Team der Recherchewebseite "Bellingcat" um ihren Gründer, den britischen Blogger Eliot Higgins. Die Rechercheure analysieren minutiös Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen, hauptsächlich soziale Medien und Satellitenbilder. Wie in einem großen Puzzle tragen sie noch so kleine Hinweise zusammen und nähern sich so Stück für Stück dem, was am 17. Juli in der Ostukraine passierte. Im vorigen Jahr haben sie nachgewiesen, dass eine russische Raketenbatterie des Typs Buk am Abschusstag von MH17, dem 17. Juli, in der unmittelbaren Nähe der Stelle war, an der die Maschine abgeschossen wurde. Zuerst mit vier Raketen auf der Abschussrampe, später nur noch mit drei.

Bellingcat entlarvt manipulierte Bilder

Ein endgültiger Beweis, dass die russische Buk MH17 abgeschossen hat, war das nicht. Da es diesen wahrscheinlich nie geben wird, haben die Bellingcat-Rechercheure nun die russische Version der Ereignisse analysiert. Das russische Verteidigungsministerium hat am 21. Juli 2014, vier Tage nach dem Abschuss, in einer internationalen Pressekonferenz Satellitenfotos präsentiert und später auf seiner Website veröffentlicht, die zeigen sollen, dass am Abschusstag ukrainische Buk-Flugabwehrbatterien in der Nähe der Abschussstelle waren. Und ein weiteres Bild, angeblich vom Tag danach, das zeigen soll, dass die Buks verschwunden seien.

Bellingcat hat die Bilder mit Google-Earth-Satellitenbildern verglichen und darauf akribisch die Veränderung von Bodenstrukturen und Vegetation analysiert. Ihnen ist dadurch der Nachweis gelungen, dass die Bilder sind nicht wie vom russischen Verteidigungsministerium behauptet am 17. und 18. Juli entstanden sind, sondern Tage, wahrscheinlich Wochen vorher. Außerdem ergab die Bellingcat-Analyse, dass die Bilder mit dem Programm Photoshop CS5 bearbeitet wurden. Eine Analyse legt nahe, dass ausgerechnet an der Stelle, an der die Buk-Batterien in einem Feld zu sehen sein sollen, digitale Veränderungen vorgenommen worden sind. Auf einem anderen Bild sollen Wolken hinzugefügt worden sein, so der Bellingcat-Bericht, vermutlich um Details zu verschleiern, die die Fälschung leichter entlarvbar gemacht hätten.

Diese Bilder sollen laut "Bellingcat" Manipulationen aufweisen.
Die neuen Erkenntnisse im Überblick

Die Bellingcat-Recherchen enttarnen die russische MH17-Propaganda so detailliert wie nie zu vor. Was wir nun wissen:

  • Ein russischer Raketenwerfer vom Typ Buk war am 17. Juli in unmittelbarer Nähe der Abschussstelle.
  • Die russische Regierung versuchte später mit Hilfe eines manipulierten Fotos diesen Raketenwerfer der ukrainischen Armee zuzuschreiben.
  • Die Satellitenbilder, die das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte, um die ukrainische Armee zu belasten, sind ebenfalls manipuliert. Sie wurden digital verändert und früher aufgenommen als behauptet. Sie haben keine Aussagekraft für die Frage, wer für den MH17-Abschuss verantwortlich ist.

Die Bellingcat-Rechercheure haben die Aufklärung dieses Verbrechens in der Öffentlichkeit so weit vorangetrieben wie niemand sonst. Wie Staatsanwälte haben sie aus Fakten ein dichtes Netz gesponnen, das kaum mehr Zweifel zulässt.

Update 13. Juli 2015

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare zum Blogeintrag. Wir haben weiter recherchiert und wollen auf die Kritik eingehen. Bellingcat führt in seinem Bericht zu den russischen Satellitenbildern drei Argument an, die nach Meinung der Recherchegruppe für eine Manipulation sprechen:

  • die ELA
  • die Tatsache, dass die Bilder mit Photoshop bearbeitet wurden
  • die zeitliche Umdatierung

Unsere Haltung dazu:

1. Das ELA-Argument ist schwer zu prüfen, Experten haben es in Zweifel gezogen. Deswegen haben wir es uns nicht zu eigen gemacht und vorsichtig formuliert. Zum Beispiel so: "Auf einem anderen Bild sollen Wolken hinzugefügt worden sein, so der Bellingcat-Bericht."

2. Das Bellingcat-Argument, die Bilder seien manipuliert worden, weil sie mit Photoshop CS5 bearbeitet worden seien, finden wir nicht schlüssig. Sie könnten ja auch mit Photoshop geöffnet worden sein, um sie beispielsweise mit Texttafeln zu versehen. Deswegen formulieren wir in unserem Text hierzu nur: "Außerdem ergab die Bellingcat-Analyse, dass die Bilder mit dem Programm Photoshop CS5 bearbeitet wurden." Das geht aus den Metadaten zweifelsfrei hervor. Wir sprechen hier gezielt nicht von "Manipulation".

Nur: Diese beiden Argumente sind letztlich unserer Meinung nach nicht der Kern des Berichts. Das dritte Argument – die zeitliche Umdatierung – ist das entscheidende. Wenn dieses zutrifft, verlieren die russischen Satellitenbilder ihre Erklärkraft in Bezug auf MH17.

3. Die Bellingcat-Argumentation war in dieser Frage von Anfang an schlüssig. Angesichts der heftigen Kritik nach der Veröffentlichung des Berichts hat Bellingcat aber noch einmal nachgelegt und Satellitenbilder vom 17. Juli angekauft. Der Vergleich mit den GoogleEarth-Aufnahmen und den Bildern, die das russische Verteidigungsministerium veröffentlicht hat, zeigt deutlich, dass die russischen Bilder nicht an den Tagen aufgenommen worden sein können, an denen sie laut Ministerium aufgenommen worden sind. Das ist der entscheidende Punkt, deswegen kann man insgesamt von einer "Manipulation" sprechen. Alle Infos zu dem Satellitenbildervergleich können dem neuen Bellingcat-Bericht entnommen werden.