Stand: 28.02.2017 11:42 Uhr

Seitenwechsler: Journalisten als Pressesprecher

von Daniel Bouhs und Saskia Leidinger

Beim Thema "Seitenwechsler" kann Sabine Adler mitreden wie kaum eine andere. Im Herbst 2011 wechselte sie vom Deutschlandradio an die Spitze der Pressestelle des Deutschen Bundestags. Nicht mal ein Jahr später war sie allerdings schon wieder zurück. Im Rückblick spricht sie von einer "ziemlich teuer erkauften Erfahrung" für eine zentrale Erkenntnis: Das politische Geschehen nicht mehr mit der eigenen Stimme kommentieren zu können und stattdessen für und damit stets auch im Sinne einer bestimmten Institution zu sprechen, das sei so "als würde man wirklich mundtot gemacht". Ja, sagt Adler gegenüber ZAPP: Sie habe diese Nebenwirkung unterschätzt.

Journalistin Sabine Adler bei einer Tonaufnahme.

Seitenwechsler: Journalisten als Pressesprecher

ZAPP -

Steffen Seibert und Anna Engelke waren früher Journalisten, heute sind sie Pressesprecher - er für die Regierung, sie für den Bundespräsidenten. Über Journalisten, die die Seiten wechseln.

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Journalisten als Pressesprecher in der Politik

Regierung und Parlament akquirieren ihre Sprecher oft aus Verlagen und Sendern. Wohl prominentestes Beispiel ist der einstige ZDF-Moderator Steffen Seibert, der seit Sommer 2010 nicht mehr in "heute" und "heute-journal" als Journalist Fragen stellt, sondern Journalisten in der Bundespressekonferenz im Namen der Bundeskanzlerin antwortet. Seine Stellvertreterin Ulrike Demmer lotste er im vergangenen Jahr wiederum aus dem Hauptstadtstudio des Redaktionsnetzwerks Deutschland (Verlagsgruppe Madsack) in das Bundespresseamt.

Erst Anfang Februar dieses Jahres wechselte Annekarin Lammers an die Kommunikationsspitze der Bundesagentur für Arbeit - nachdem sie im ARD-Hauptstadtstudio für "Tagesschau" und Co. vor allem über das Ressort "Arbeit/Soziales" berichtet hatte. Und mit der bisherigen Leiterin des NDR Hörfunkstudios im Hauptstadtstudio der ARD, Anna Engelke, hat der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ebenfalls eine etablierte Hauptstadtkorrespondentin als Sprecherin verpflichtet.

Rückkehrrecht für Seitenwechsler

Als Seibert in den Politikbetrieb wechselte, war die Aufregung groß: Das ZDF hatte ihm ein Rückkehrrecht eingeräumt. Auf Nachfrage von ZAPP erklärt ein Sprecher des Senders allerdings: Seibert könne zwar zurückkommen, aber nicht mehr als Journalist arbeiten. ZAPP erfährt auch, dass alle genannten Seitenwechsler zurückkommen können. Die stellvertretende Regierungssprecherin Demmer bestätigt auf Nachfrage: Ja, sie könne sich grundsätzlich vorstellen, irgendwann wieder in den Journalismus zu wechseln - und habe sich diese Option auch von Madsack zusichern lassen. Über Bedingungen redet sie allerdings nicht. Eine Verlagssprecherin will sich generell nicht äußern.

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Der Hessische Rundfunk hat seiner früheren Korrespondentin wiederum zugesichert, dass Lammers ihren Wechsel zumindest während der Probezeit bei der Arbeitsagentur rückgängig machen kann, wie der HR auf Anfrage mitteilt. Lammers selbst erklärt ihren Seitenwechsel so: "Mehr als 20 Jahre habe ich für die ARD über die verschiedensten Dinge berichtet. Jetzt finde ich es spannend, bei der Bundesagentur für Arbeit etwas inhaltlich mitzugestalten. Als Pressesprecherin bleibe ich zumindest der Aufklärung treu."

Engelke kann sich Rückkehr vorstellen

Der NDR hat der künftigen Bundespräsidenten-Sprecherin ebenfalls ein Rückkehrrecht zugestanden: Engelke, die zwischenzeitlich auch für die ARD sprach, ist für ihren voraussichtlich fünfjährigen Ausflug ins Schloss Bellevue beurlaubt. Bezüge vom NDR erhält sie in dieser Zeit aber nicht, wie der Sender weiter erklärt. Ein NDR Sprecher weist zudem darauf hin, dass seine bisherige Hörfunk-Reporterin nun für ein überparteiliches Amt spreche. Engelke selbst sagt gegenüber ZAPP: "In der neuen Position arbeite ich nicht als Journalistin, sondern als Sprecherin. Wenn die Zeit als Sprecherin vorbei ist, kann ich mir wieder eine Arbeit als Journalistin vorstellen."

"Die wichtigste Frage: Was kann man danach machen?"

Auch Sabine Adler hatte vor bald fünf Jahren beim Deutschlandradio ein Rückkehrrecht wahrgenommen - deutlich früher als gedacht. Heute berichtet sie wieder über das politische Geschehen. Ihr Büro hat sie zwar in Berlin, aber im alten Sendehaus des RIAS, nicht im Hauptstadtbüro. Die Rückkehr sei jedoch "vollständig" möglich gewesen, berichtet Adler - auch, weil sie zunächst an eine frühere Station anknüpfte und aus Osteuropa berichtet habe. Kollegen, die mit einem Seitenwechsel liebäugeln, rät Adler deshalb auch: "Die wichtigste Frage ist die der Rückkehr: Was kann man danach machen? Denn in aller Regel sind diese Jobs zeitlich befristet."

Außerdem müsse sich jeder sicher sein, dass man seine eigene Stimme und Haltung zurückstellen müsse. "Man büßt doch ein hohes Maß an Freiheit ein, weil man sich eben in den Dienst einer solchen Person stellt", sagt Adler in fast schon bemerkenswerter Offenheit. Und: "Ich habe für mich herausgefunden: Mir fehlt dieses dienende Gen. Ich habe das nicht."


28.02.2017 11:39 Uhr

Hinweis der Redaktion: Annekarin Lammers hat inzwischen auf die ZAPP-Anfrage reagiert. Wir haben den Text entsprechend aktualisiert.

 

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ZAPP | 22.02.2017 | 23:20 Uhr