Stand: 02.12.2016 09:50 Uhr

Medien und Populisten: Welche Rolle spielen Talkshows?

von Patrick Gensing & Andrej Reisin
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Gern gesehener Talkshow-Gast: Vera Lengsfeld.

Gestern Abend bei "Maischberger" im Ersten: Diskutiert wird über das Thema "Lügenpresse - Kann man Journalisten noch trauen?". In der Talkrunde sitzt unter anderem die ehemalige CDU-Abgeordnete Vera Lengsfeld, die gleich zu Beginn mit der Behauptung einsteigt, laut einer aktuellen Studie des Bayerischen Rundfunks würden drei Viertel der Menschen den Medien nicht mehr trauen - ein Wert, den sie für "sehr realistisch" halte.

Das Problem: Die Behauptung ist falsch. In der entsprechenden Studie hielten tatsächlich 75 Prozent der Befragten das öffentlich-rechtliche Fernsehen für glaubwürdig, auch Tageszeitungen (73%) und der öffentlich-rechtliche Hörfunk (68%) wurden kaum schlechter bewertet. Insgesamt wurden die meisten Medien mehrheitlich für glaubwürdig befunden, einzig Boulevardzeitungen hielten nur 13 Prozent der Befragten für glaubwürdig.

Unbelegte Behauptungen zur besten Sendezeit

Es ist nicht das erste Mal, dass Lengsfeld Unwahrheiten verbreitet. Das macht sie zu einer sehr speziellen "Expertin" zum Thema "Lügenpresse" - dennoch wurde sie von der Redaktion eingeladen. Sandra Maischberger nahm die falsche Prämisse des Vertrauensverlustes von drei Vierteln der Bevölkerung dennoch auf und fragte, was man dagegen tun könne, ohne Lengsfeld zu korrigieren. Auch als Lengsfeld kurz danach behauptete, laut "unzähliger Studien" seien "80 Prozent" aller Journalisten "links-grün", musste sie ihre Behauptungen in keiner Weise belegen. Auch ihre Hinweise auf angebliche Falschberichterstattungen im "Stern" sind nicht haltbar - der "Stern" prüft daher nun rechtliche Schritte gegen Lengsfeld.

Weiterer Gast in der Runde war Joachim Radke - Berliner Busfahrer, Pegida-Sympathisant und AfD-Mitglied. Dieser sprach von "gleichgeschalteten" Medien, die er mit den DDR-Staatsmedien verglich - und empfahl als Alternative zu den etablierten Medien eine wilde Mischung von "Roland Tichy" über die "Achse des Guten", die "Junge Freiheit" bis zu "Tilo Jung". Obwohl er auf sachliche Nachfragen, zum Beispiel danach, wer denn die Medien steuere, keine Antwort wusste, avancierte er auf Twitter so zum Helden des Abends - gefeiert von einer dreistelligen Anzahl Tweets.

Veredeln Talkshows die Botschaften von Populisten?

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AfD-Politiker Alexander Gauland erklärte bei "Anne Will", wie seine Boateng-Aussage, niemand würde ihn als Nachbarn wollen, gemeint war.

Erst in der vergangenen Woche hatten Wissenschaftler die Rolle der Medien bei der Verbreitung von Ressentiments kritisiert. Seit 2002 beschäftigen sich die Forscher in der jährlichen Studie "Gespaltene Mitte" im Auftrag der der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Auch seriöse Medien praktizieren demnach "nicht selten eine unkritische, unreflektierte Übernahme und Weitergabe von Bedrohungsrhetorik durch die Verwendung von dramatischen Bildern und Begrifflichkeiten". Den Zuschauer erreichten "zur besten Sendezeit menschenfeindliche und antidemokratische Botschaften, die ihm geadelt und abgesegnet durch die seriös erscheinende politische Debattenrunde, als offenkundig denk-, sag- und durchführbar erscheinen".

Ein Vorwurf, der offenkundig insbesondere an ARD und ZDF adressiert ist. Denn in den öffentlich-rechtlichen Sendern finden sich unter anderem mit "Anne Will", "hart aber fair", "Maischberger" sowie "Maybrit Illner" mehrere Formate auf besten Sendeplätzen, die sich als politische Gesprächssendungen definieren - und die, so der Vorwurf, die Botschaften von Populisten veredeln. So kritisierte Mit-Autorin Beate Küpper bei der Vorstellung der Studie: "Wir sollten der lauten Minderheit der Fremdenfeinde in den gesellschaftlichen Debatten nicht so viel Raum geben, sondern der demokratisch gesinnten Mehrheit mehr Aufmerksamkeit schenken." Juliane von Schwerin, Redakteurin von "Anne Will", schreibt auf Anfrage von ZAPP, dass sich die Redaktion mit der Studie beschäftigt habe und dass Beate Küpper bereits für eine der nächsten Sendungen angefragt sei.

Und täglich grüßt die Talkshow-Kritik

Der Vorwurf, dass die Talkshows wenig zu einer konstruktiven Debatte beitragen, sondern stattdessen auf quotenbringenden Krawall schielen, ist nicht neu. Seit Jahren beklagen Medienwissenschaftler und Journalisten immer wieder, dass Fernsehtauglichkeit und der Show-Effekt bei der Gästeauswahl wichtiger seien als deren inhaltliche Kompetenz. Immer wieder beklagt zum Beispiel der Medienjournalist Stefan Niggemeier das Niveau der Sendungen - so auch gestern:

Immer mal wieder antworten die Verantwortlichen, sie würden die Kritik ernst nehmen. So kündigte zum Beispiel der damalige ARD-Chefredakteur Thomas Baumann 2011 an, man werde "künftig sehr kritisch zu prüfen haben, ob ein Thema es rechtfertigt, in verschiedenen Sendungen aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt zu werden".

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Alle zwei Tage eine Bühne für die AfD

Doch fünf Jahre später scheint es damit nicht weit her zu sein: Rund um die Landtagswahlen in drei Bundesländern am 13. März 2016 beschäftigten sich insgesamt sieben (!) Sendungen mit "Merkels Schicksalswahl", der "Wut-Wahl", der "Abrechnung mit der Kanzlerin" oder der "Abrechnung mit Merkels Flüchtlingspolitik". Innerhalb von zehn Tagen durfte die AfD sechs Mal ihre Thesen "zur besten Sendezeit" im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vortragen.

Eine von ZAPP angefragte Auswertung der führenden politischen Talk-Formate ergibt folgendes Bild: In bislang insgesamt 124 Ausgaben von "Anne Will", "Hart aber fair", "Maischberger" und "Maybrit Illner" (bis 23.11.2016) saßen 71 CDU-Vertreter, 28 der CSU, 49 der SPD, 30 Grüne, 32 der Linken, 11 der FDP und 22 der AfD.

Auffallend ist die Dominanz der Union, die gut 40 Prozent aller Politiker in Talkshows stellt. Bei "Maybrit Illner" im ZDF waren sogar genauso viel Gäste aus den Reihen von CDU/CSU (32) wie es überhaupt Sendungen gab (32) - und damit mehr als von SPD, Grünen, Linken und FDP zusammen (30). Aber es gibt auch bemerkenswerte Unterschiede zwischen den einzelnen Formaten: Während "Anne Will" 2016 bislang nur vier AfD-Gäste hatte (das letzte Mal im Juni), saßen bei "Maischberger" schon sieben Mal Vertreter der Rechtspopulisten. Hinzu kommen zahlreiche nicht parteipolitisch agierende Populisten wie Thilo Sarrazin, Rainer Wendt oder eben Vera Lengsfeld.

Aufwertung radikaler Positionen durch TV-Präsenz

Ralf Melzer, Herausgeber der neuen "Mitte-Studie" der Ebert-Stiftung, hält dies für fragwürdig: "Es ist schlimm genug, wenn Verschwörungstheorien und anti-demokratische Positionen im Netz kursieren, man muss sie nicht noch aufwerten, indem man ihnen auf großer Bühne ein Podium bietet. Professionelle Medien sollten solchen Positionen nicht hinterherrennen, sondern seriös darüber diskutieren, woher diese kommen - und was das für die Gesellschaft bedeutet."

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Doch die Redaktionen lassen die Populisten häufig lieber in eigener Sache sprechen. Obwohl sie dort stets auf einen Gegenpart treffen, entsteht so am Ende der Eindruck eines gleichberechtigten Kaleidoskops von Meinungen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen.

Die Debatte über die Talkshows neu führen

Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister warnte bereits im Juni, in den USA "dienen Talkshows direkt der medialen Radikalisierung von Standpunkten und der Bestätigung von Vorurteilen". In Deutschland habe der "Talkshow-Overkill im öffentlich-rechtlichen Fernsehen" die AfD aufgewertet: "Man hat in diesen Talkshows den Eindruck, es gibt eigentlich zwei Parteien - den bürgerlichen Mainstream und die widerständige AfD", so Hachmeister im Interview mit der "taz".

Auch auf sprachlicher Ebene werden so Grenzen verschoben, sagt der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch: "Eine große Gefahr ist, dass die Medien an einem Phänomen mitwirken, das von den politischen Akteuren, gerade am rechten Rand, sehr bewusst betrieben wird. Die Medien wirken daran mit, sich zu Komplizen eines neuen Sprachgebrauchs zu machen."

Die Kritik an den politischen Talkshows ist also nicht neu, entkräftet ist sie aber nicht. Im Gegenteil: Angesichts des Aufstiegs autoritärer und populistischer Bewegungen stellen sich zahlreiche Fragen nach der Rolle und der Funktion von Medien. Dazu gehört auch eine offene Debatte über die politischen Talkformate in ARD und ZDF. Außerhalb der Sender wird diese bereits breit geführt. Die Sendungen sollten dies ebenfalls tun - und zwar nicht nur intern, sondern öffentlich. Zum Beispiel im Fernsehen zur besten Sendezeit.


02.12.2016 15:38 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir Maybrit Illner falsch geschrieben - das haben wir jetzt verbessert.

 

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