Stand: 24.10.2016 10:47 Uhr

Abkehr von der Riester-Rente

von Nils Casjens & Brid Roesner

Alles richtig gemacht! Das dachte Antje Duffert, als sie gleich nach dem Studium eine Riester-Rente abgeschlossen hatte. Schließlich empfiehlt der Staat auch privat für das Alter vorzusorgen und belohnt den Willen zum Sparen mit Zulagen. "Das war im Grunde ein schönes Gefühl. Man muss selber einen kleinen Beitrag leisten, um dann auch etwas vom Staat zu bekommen, und deswegen haben wir das dann auch abgeschlossen", erzählt die Mutter von zwei Kindern. Insgesamt 754 Euro staatliche Zulagen fließen seither jährlich in Antje Dufferts fondsgebundene private Rentenversicherung. Doch hat sie wirklich alles richtig gemacht?

Doris Kappes, Juristin bei der Verbraucherzentrale Hamburg © NDR Fotograf: NDR

Abkehr von der Riester-Rente

Panorama 3 -

Die Verbraucherzentrale Hamburg hält wenig von der Riester-Rente. Die Verträge sind zu kompliziert, viele Gebühren versteckt und nicht seriös berechenbar.

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Doris Kappes, Juristin bei der Verbraucherzentrale Hamburg, betont immer wieder, dass es auf das Gesamtgeschäft ankomme. Nur die Zulagen allein machten noch kein gutes Geschäft. Sie hat den Vertrag von Antje Duffert durchgerechnet: all das, was eingezahlt und all das, was an Kosten wieder abgezogen wird. Zweimal musste Antje Duffert in ihren Unterlagen suchen, bis sie tatsächlich die Kostenaufstellung gefunden hatte. Insgesamt acht Posten sind es. Irgendwo, kleingedruckt, auf den hinteren Seiten. Doch die haben es in sich: Da ist zunächst eine Verwaltungsgebühr, die fällig wird, wenn sie in Rente geht. Außerdem gibt es drei verschiedene Gebühren, die sich auf den Abschluss und Vertrieb des Vertrags beziehen.

Berechnungen sind schwer möglich

Welche Summe die Versicherung insgesamt an Antje Dufferts Riestervertrag verdient, ist nur schwer zu berechnen. So fordert die Versicherung zum Beispiel: "Auf das aktuelle Beitragssummenziel inkl. der uns zugeflossenen Zulagen jährlich der Quotient aus 40 Promille und der Vertragslaufzeit in Jahren vom Versicherungsbeginn bis zum Garantiezeitpunkt."

Riester-Rente soll bis zum Tod reichen

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Antje Duffert müsste mindestens 100 Jahre alt werden, um ihr eingezahltes Geld und die Zulagen herauszubekommen.

"Das versteht kein Mensch", sagt Doris Kappes. Verträge würden extra so kompliziert formuliert, damit niemand nachrechnen könne. Schon wegen der Kosten ist Kappes wenig überzeugt von diesem Produkt. "Man kann sich die Frage stellen: Was müssen die Fonds erwirtschaften, damit die hohen Kosten überhaupt kompensiert werden und am Ende auch noch ein Ertrag übrigbleibt?" Hinzu komme die Sterbetafel - auch sie ist Teil des Gesamtgeschäfts. Eine Riester-Rente soll bis zum Tode reichen, daher passen die Versicherungen die monatliche Rentenzahlung an das zu erwartende Lebensalter an. Doris Kappes hat deswegen geschaut, wie alt Antje Duffert werden müsste, um all ihr eingezahltes Geld und die staatlichen Zulagen wieder herauszubekommen: "Sie muss ziemlich alt werden, um ein gutes Geschäft zu machen, ich würde mal sagen, locker über 100!"

"Versicherungswirtschaft hat es nicht gut gemacht"

Überdimensionierte Sterbetafeln, intransparente Kosten. Seit Jahren weist Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten auf diese Probleme hin. Rund 1.800 verschiedene Anbieter von Riester-Produkten gibt es. Es ist für Verbraucher nahezu unmöglich, einen Durchblick zu haben. "Bei einem normalen Riestervertrag versteht eigentlich keiner, wann was mit seinem Geld gemacht wird. Wenn man dann noch nachvollziehen will, wie das mit den Zulagen und den Steuervorteilen funktioniert, dann ist fast jeder aufgeschmissen. Nur wenige Experten können bei dem Produkt überhaupt nachvollziehen, wie die Geldflüsse sind" sagt Kleinlein. Mit Einführung der Riester-Rente hätte die Politik auf gute Produkte achten müssen. Das aber habe man versäumt, stattdessen auf die Versicherungswirtschaft vertraut. "Die hat es nicht gut gemacht", sagt Kleinlein.

"Erwartungen haben sich nicht erfüllt"

In Teilen der SPD scheint dies bereits angekommen zu sein. Ralf Stegner gibt ein Scheitern der Riester-Rente unumwunden zu: "Damals hat man auch Erwartungen gesetzt, die sich nicht erfüllt haben", räumt der stellvertretende Bundesvorsitzende ein. Man wolle nun auf eine Stärkung der gesetzlichen und einen Ausbau der betrieblichen Rente setzen: "Das wollen wir erweitern und die, die jetzt kapitalgedeckte Zusatzverträge haben, die wollen wir nicht verunsichern, aber denen muss man sagen, riesige Renditen gibt es nicht bei den niedrigen Zinsen und so richtig das dolle ist das auch nicht, verlassen kann man sich darauf jedenfalls nicht." Ein harter Schlag für die rund 16 Millionen Riester-Sparer. Stegner gibt an, dass das mittlerweile auch jeder wisse. Antje Duffert kann das von sich allerdings nicht behaupten.

Zweifel am Konzept der privaten Altersvorsorge

Teure Produkte, kaum Zinsen - diese Situation lässt derzeit an dem Konzept der privaten Altersvorsorge zweifeln. Und so fordert Axel Kleinlein ein Umdenken: "Die Politik müsste insgesamt überprüfen, wie kapitalgedeckte Vorsorge überhaupt noch funktioniert. Die Versicherungswirtschaft wie auch alle anderen Finanzdienstleister leben im Moment mit diesen unglaublich niedrigen Zinsen. Die sind politisch gewollt von der Europäischen Zentralbank. Diese niedrigen Zinsen enteignen alle, die sparen wollen, und sparen selber macht eigentlich in einem solchen Zinsumfeld überhaupt keinen Sinn."

Ein gutes Gefühl und Beruhigung

In Berlin, wo derzeit über eine neue Rentenreform beraten wird, will man davon nichts wissen. Die Niedrigzinsphase könne nicht ewig dauern, beruhigt Manfred Zöllmer, stellvertretender finanzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion: "Die bisherigen Erfahrungen mit der privaten Altersversorgung sind nicht schlecht. Sie hat sich an vielen Punkten bewährt." Anja Karliczek vom Koalitionspartner CDU weiß: "Wir müssen den Leuten ein gutes Gefühl geben, wenn sie sich für Riester entscheiden." Ein gutes Gefühl geben - die Leute beruhigen - eine grundlegende Reform der Riester-Rente scheint derzeit jedenfalls nicht geplant zu sein. Man konzentriere sich voll auf das Konzept zur betrieblichen Altersvorsorge, geben beide Politiker an.

Bis das Modell "private Altersvorsorge" funktioniert, wird Zeit vergehen. Wertvolle Zeit, die Antje Duffert am Ende fehlen wird, um wirklich ein gutes Geschäft zu machen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 25.10.2016 | 21:15 Uhr