Unser Norden - Ganz nah dran

die nordstory - Fährgeschichten

Samstag, 18. April 2015, 15:30 bis 16:30 Uhr

Hamburg

Der Hafen in Hamburg erwacht mit Ernst Ibendahl. Um 5 Uhr morgens macht er sein Fährschiff klar, mit dem er später die Elbe hochschippern wird. Der 64-jährige Schiffsführer transportiert mit der Linie 62 die meisten Fahrgäste im Hamburger Hafen. Jedes Jahr fahren mehr als vier Millionen Menschen mit ihm. Morgens sind es Berufspendler, die vom Alten Land oder Finkenwerder aus in die Hamburger Innenstadt müssen. Später sind es dann vor allem Touristen, die eine der schönsten Strecken durch den Hamburger Hafen bewundern wollen.

Ernst Ibendahl startet um 5.30 Uhr an den St. Pauli Landungsbrücken. Den Fischmarkt lässt er auf seiner Tour rechts liegen, fährt weiter geradeaus am Elbstrand in Övelgönne vorbei und überquert dann den Hamburger Hafen, um die Fahrgäste in Finkenwerder einzusammeln. Seit 30 Jahren macht er das jetzt. Wenn rechts von ihm die großen Containerriesen vorbeiziehen, packt ihn schon manchmal die Wehmut. Mit 16 Jahren fuhr Ernst Ibendahl zur See. Als Matrose hat er erst auf einem Lazarettschiff in Vietnam gearbeitet, bevor er sein Patent als Kapitän gemacht hat. Jetzt schippert er wieder im ruhigen Fahrwasser, um seiner Familie näher zu sein. Doch auch hier ist sein Arbeitstag nie eintönig, weil sich der Hamburger Hafen ständig verändert.

Einen noch schöneren Ausblick von ihrem Fahrgastschiff aus haben nur Stefan Sing und Jasmin Dressen. Ihre Schicht beginnt um 12.45 Uhr. Der Schiffsführer und die Decksfrau pendeln tagtäglich zwischen Blankenese und Cranz. Die Fährverbindung gilt als die älteste in Hamburg. Die Fahrzeiten sind von der Tide abhängig und nur sehr erfahrene Schiffsführer dürfen die Fähre steuern. Stefan Sing ist einer davon. Trotzdem hat er sein Schiff bei Niedrigwasser schon mal festgefahren. Es blieb fast eine ganze Schicht lang im Schlick stecken. Jasmin Dressen und Stefan Sing kennen die meisten Fahrgäste persönlich. Viele von ihnen sind Berufspendler: eine Apothekerin, Putzfrauen, Werftarbeiter und der Blankeneser Fischer Jürgen. Die Fährverbindung ist längst kein Geheimtipp mehr. An den Wochenenden ist die Fähre oft bis auf den letzten Platz besetzt.

Dennis Dreher sieht die meisten seiner Fahrgäste nur einmal. Er steuert den Fährshuttle zum bekannten Musical "König der Löwen" im Theater im Hafen. Um 18 Uhr bringt er die ersten Besucher auf die andere Elbseite, auch wenn die Vorstellung erst um 20 Uhr beginnt. Hier drängeln sich die Fahrgäste an den Landungsbrücken nicht wie bei der Linie 62 auf die Fähre, hier stehen sie ordentlich in Zweierreihen nebeneinander. Dennis Dreher meint, dass das an der schicken Kleidung liege. "Kaum sind die Menschen anders angezogen, sind sie auch anders drauf." Die ersten Besucher muss er schon in der Pause wieder abholen. Es sind vor allem Kinder, die ins Bett müssen, oder ältere Leute, denen die Vorstellung zu laut ist. Der 31-Jährige ist am längsten im Hamburger Hafen unterwegs. Erst eineinhalb Stunden nach der letzten Vorstellung, wenn der Mond im Hamburger Hafen schon längst aufgegangen ist, macht er Feierabend.

Niedersachsen

Tjark Beckmann ist der schnellste Fährkapitän an der ostfriesischen Nordseeküste und fühlt sich damit manchmal wie der "Hecht im Karpfenteich". Er ist nämlich der Kapitän des Katamarans MS "Nordlicht". In der Hochsaison fährt er mit dem 5.000-PS-starken Passagierschiff bis zu viermal täglich zwischen Emden und Borkum hin und her. Dabei kann er jedes Mal bis zu 270 Gäste mitnehmen. Die "Nordlicht" ist inzwischen 25 Jahre alt, fast genauso lange steht Tjark Beckmann auf der Brücke des Wellenflitzers. In seiner Freizeit dreht sich bei dem Kapitän vieles um die Musik. Zusammen mit seiner Ehefrau spielt er sowohl im Posaunenchor als auch im Musikzug der Feuerwehr.

Schleswig-Holstein

Seit 60 Jahren gibt es sie: die Fährverbindung der Reederei Cassen Eils von Büsum aus zur einzigen Hochseeinsel Deutschlands, Helgoland. Damals schipperte der Kapitän Cassen Eils die Passagiere persönlich mit einem alten Schraubendampfer zur Insel. Seit 1973 ist dafür das Seebäderschiff MS "Funny Girl" im Einsatz. In der Saison sind an guten Tagen alle der 800 Plätze ausgebucht, Urlauber, Tagesgäste und Insulaner bringt die Fähre täglich in zweieinhalb Stunden zum roten Felsen mitten im Meer. Was allerdings hinter den Kulissen passiert, damit die Überfahrt reibungslos funktioniert, bekommen die Fahrgäste nicht mit. Maschinist Wilhelm Daniel ist einer, der dafür sorgt, dass an Bord alles wie geschmiert läuft. Seit 40 Jahren arbeitet er im Maschinenraum. Mit der "Funny Girl" fühlt er sich verbunden, genauso wie die meisten seiner Kollegen. Fast alle sind schon viele Jahre dabei, haben Höhen und Tiefen der vergangenen Jahrzehnte mitbekommen und können so manche Geschichte und Anekdote über ihre erlebten Hochseeabenteuer erzählen. Und das machen sie auch, wenn es nicht allzu viel zu tun gibt in den zweieinhalb Stunden Überfahrt von Büsum nach Helgoland.

Mecklenburg-Vorpommern

Hol öwer auf der Peene: Es sind die kleinen Fähren, die jahrhundertelang die beiden Ufer der Peene miteinander verbunden haben. Brücken zu bauen, war zu teuer und für derart wenige Landwirte in dieser Region völlig unrentabel. Heute werden diese Fähren als Kulturgut wiederentdeckt, denn die menschenarme Region lebt vom Tourismus, und die Urlaubsgäste wiederum lieben Nostalgie!

In Stolpe fährt die Fähre bereits seit einigen Jahren wieder. Jetzt fehlen noch Radwege, damit Besucher das Landschaftsschutzgebiet Peenetal erleben können. Einige Kilometer weiter am Ende des Peenestroms funktioniert alles schon viel besser. Die Fähre zwischen Karnin und Kamp ist im Sommer bei Fahrradtouristen ein beliebtes, abenteuerliches Transportmittel zwischen Festland und der Insel Usedom.

Redaktion
Birgit Schanzen
Produktionsleiter/in
Edgar Rygol
Autor/in
Katrin Spranger