Weltreisen

Meine 92-jährige Mitbewohnerin

Samstag, 25. November 2017, 12:15 bis 12:45 Uhr

Sechs Studenten leben Tür an Tür mit 160 Senioren. Das Ganze ist ein Experiment der Generationen im Altenheim Humanitas in Deventer, 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Jung und Alt sollen von diesem Projekt profitieren. Die Studenten erhalten kostenlosen Wohnraum. Als Gegenleistung müssen sie 30 Stunden im Monat mit den Senioren verbringen.

Ein Experiment der Generationen

Wir haben die Musical-Studentin Jolieke van der Wals über mehrere Monate begleitet. Die Reportage zeigt ihre persönliche Entwicklung und wie sie trotz anfänglicher Schwierigkeiten nach und nach Kontakte zu den Senioren aufbaut. Die 20-Jährige wollte endlich weg von zuhause und auf eigenen Beinen stehen. Doch wie ein bezahlbares Zimmer finden? Der studentische Wohnungsmarkt in den Niederlanden zählt nach Großbritannien zu den teuersten Europas. 300 bis 600 Euro im Monat zahlen holländische Studierende für ein Zimmer. Dazu kommen die im Vergleich zu Deutschland hohen Lebenshaltungskosten. Die Folge: Rund 36 Prozent der Studierenden in den Niederlanden leben noch bei ihren Eltern.

Beim Projekt "“De Woonstudent”" leben sechs Studenten im Pflegeheim Humanitas im niederländischen Deventer. Jolieke van der Wals (links, 20) wohnt umsonst im Altenheim und muss dafür 30 Stunden im Monat mit den Senioren verbringen.
"Grauer Druck"

Gleichzeitig stecken die Niederlande, wie der Großteil Westeuropas, tief im demographischen Wandel. Unter dem Begriff "Grijze druk" (zu deutsch "Grauer Druck") steht das Thema alternde Gesellschaft ganz oben auf der politischen Agenda. Das traditionell solidarische Sozialsystem stellt eine alternde Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Es geht vor allem um die Frage, wie das Land mit der wachsenden Zahl pflegebedürftiger und demenzkranker Menschen umgeht.

Ältere dürfen nicht an den Rand gedrängt werden

Gea Sijpkes ist die Direktorin des Altenheims Humanitas. Um ihr Haus attraktiver zu machen, hat sie das Projekt "Woonstudenten" entwickelt: "Wir müssen aufhören, Ältere aus der Mitte unserer Gesellschaft an den Rand zu drängen und mehr Brücken zwischen Jung und Alt bauen." Umfragen unter den Bewohnern zeigen, dass sich ihr Wohlbefinden durch die jungen Mitbewohner deutlich verbessert hat. Die Studenten erklären den Senioren, wie Tablet-Computer der E-Mail funktionieren. Andere machen mit ihnen kleine Ausflüge, lösen Kreuzworträtsel oder hören einfach nur zu. So gewinnen am Ende beide Seiten: Die Studenten finden Wohnraum und die Alten bekommen Zuwendung und ein Lebensgefühl jenseits von Krankheit und Pflegebedürftigkeit.

Redaktion
Christine Hasper
Produktionsleiter/in
Stefanie Röhrig
Regie
Anne Kathrin Thüringer
Autor/in
Anne Kathrin Thüringer
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