Stand: 02.11.2016 10:11 Uhr

Wissenschaftliches Arbeiten für alle

von Sahar Nadi
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Die vorläufige Online-Oberfläche der Hamburg Open Online University: So könnte in Zukunft wissenschaftliches Arbeiten in Hamburg ebenfalls aussehen.

Wie wäre es, wenn wissenschaftliches Arbeiten nicht mehr nur Akademikern vorbehalten wäre? Wenn relevante Fragestellungen fächerübergreifend und selbstorganisiert bearbeitet und gelöst werden könnten? Und all das auf Basis von frei zugänglichen, wissenschaftlich fundierten Inhalten - virtuell bereitgestellt, für jeden abruf- und sogar transformierbar?

Was sich - vor dem Hintergrund des konservativen deutschen Hochschulsystems und einem undurchsichtigen Urheber- und Lizenz-Dickicht dieser Tage - eher utopisch liest, scheint derzeit unter dem Arbeitstitel "Hamburg Open Online University" (HOOU) zur Realität zu werden.

Erste Schritte

Inspiriert von der Idee amerikanischer E-Learning-Plattformen, wurde unter dem Dach der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung 2014 die Lenkungsgruppe "Digitales Lehren und Lernen" gegründet. Es sollte ein neues Fortbildungskonzept entstehen, das keine bestehenden Angebote kopiert, sondern eigene digitale Inhalte bereitstellt und damit neue Wege beschreitet.

Im Frühsommer 2015 war es dann schließlich so weit: Das Konzept einer "Hamburg Open Online University" startete in die Vorprojektphase. Hochschulübergreifend taten sich alle sechs Hamburger Universitäten plus Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und dem Multimedia Kontor Hamburg zusammen, um an dem neuen digitalen Projekt mitzuwirken.

Openness als Kerngedanke

"Die Hamburg Open Online University hat den Begriff 'offen' sowohl in ihrem Namen als auch als Kern aufgefasst", sagt Kerstin Mayrberger, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Lehren und Lernen der Universität Hamburg. "Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir uns für alle Zielgruppen - über die Hochschulmitglieder hinaus - öffnen wollen." Das heißt, in der HOOU sollen nicht nur Studierende fächerübergreifend zusammenarbeiten, sondern gemeinsam mit Senioren, Berufstätigen und anderen interessierten Personen gesellschaftlich relevante Themen aufarbeiten - unabhängig von Zeit, Ort und Bildungsabschluss. So könnten sich beispielsweise Biologie- und Chemie-Studenten für ein Projekt zur Bio-City der Zukunft gezielt auf die Suche nach einem Ingenieur machen - egal ob studierend oder pensioniert - und ein gemeinsames Studien-Team bilden.

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Für Kerstin Mayrberger von der UHH und MMKH-Geschäftsführer Marc Göcks ist die HOOU ein Projekt, das deutschlandweit eine Vorreiterrolle einnehmen könnte.

Besonders wichtig ist den Initatoren der HOOU jedoch das akademische Lehren und Lernen. "Damit meinen wir vor allem ein Lernen, dass sich an Problemlösungen orientiert, an kritischem Denken und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Fragen", erklärt Mayrberger, "nur eben auch vor dem Hintergrund von empirischen Ergebnissen oder Theorien."

Nach dem jetzigen Fahrplan soll das Projekt möglichst 2019 in den Normalbetrieb übergehen und von da an jedem Interessierten die projektbezogene, akademische Mitarbeit ermöglichen. Bis dahin müssen aber noch Aspekte wie die Qualitätssicherung oder die adäquate Bewertung entstandener Inhalte ausgeklügelt werden.

"Open Educational Resources"

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Die Webseite der HOOU soll den Teilnehmern zukünftig eine Vielzahl an "Open Educational Resources" für das eigenständige Arbeiten zur Verfügung stellen.

Das Lehrmaterial für die Themen und Teams werde laut Mayrberger über "Open Educational Resources" (OER), also öffentliche Bildungsinhalte, zur Verfügung gestellt. Die Teams können selbstständig entscheiden, welche Inhalte sie nutzen möchten. Auf der Webseite der HOOU sollen die Teilnehmer möglichst viele OER erhalten, um selbstständig arbeiten zu können.

Bereits bestehende, viel genutzte Social-Media-Bausteine sollen ebenfalls zum Einsatz kommen: Ergebnisse, Erfahrungen und Meinungen können auf der Plattform mitgeteilt, Teams und Themen sowie das Material im Stern-Vergabesystem bewertet werden.

Konsequenz zweier Megatrends

Für Marc Göcks, Geschäftsführer des Multimedia Kontors Hamburg, ist die HOOU als Konsequenz der zwei Megatrends Digitalisierung und Globalisierung zu verstehen. "Teamfähigkeit, interkulturelle und interdisziplinäre Kompetenzen spielen zunehmend eine Rolle, die wir mit der HOOU unterstützen wollen. Auch, um im Hinblick auf Branchen, die immer mehr verschwimmen werden, kompetenter themenübergreifend arbeiten zu können."

Dennoch sei es wichtig zu wissen, dass die traditionellen Lernszenarien durch die HOOU nicht abgeschafft oder ersetzt werden, sagt Kerstin Mayrberger. "Die Vorlesung, in der jemand vorne steht und interessant ein Thema präsentiert, wird es nach wie vor geben. Aber wir sagen, davon gibt es einfach schon viele und wir wollen uns eben ganz bewusst darauf konzentrieren, andere Methoden zu stärken."

Kultur des Teilens

In der eigentlichen Projekt-Phase, die 2017 beginnen wird, gelte es nun vor allem rechtliche Rahmenbedingungen zu klären. "Beim Projekt HOOU geht es nicht nur um die soziale Öffnung, sondern auch um das Thema 'rechtliche Öffnung'. Das heißt freie Lizenzen, freie Nutzungsrechte für Bildungsmaterial, so dass man sich keine Gedanken mehr um das Copyright machen muss", erläutert Kerstin Mayrberger eine der Herausforderungen für die nächste Phase. "Materialien, die eingestellt werden, sollen verwendet werden können, ohne dafür nochmal Lizenzgelder zahlen zu müssen. Sie sollen weiterentwickelt und dann wieder neu zur Verfügung gestellt werden können." Hierfür müsse eine Kultur des Teilens geschaffen werden, die in Deutschland erst jetzt langsam entsteht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Forum | 02.11.2016 | 20:30 Uhr

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