Stand: 29.10.2016 06:00 Uhr

Industriearbeiter mit Exoskelett und Tablet

von Philipp Eckstein, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Digitalisierung und Automatisierung sind die beiden großen Schlagwörter bei der Diskussion um die Zukunft der Arbeit. Zum einen geht es darum, dass immer mehr Informationen digital erfasst und verarbeitet werden. Zum anderen, dass Maschinen immer komplexere Tätigkeiten übernehmen können. Beim Flugzeugbauer Airbus verändert beides die Art und Weise, wie Flugzeuge gebaut werden.

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Digitale Messgeräte zeigen Michael Rusch präzise an, wo er messen muss.

Werkshalle Nummer 261 auf dem Betriebsgelände von Airbus im Hamburger Stadtteil Finkenwerder: In langen Reihen stehen die Rümpfe vom Typ A350. Es ist das neueste und modernste Flugzeug der Firma. Arbeiter bringen Isoliermatten und Elektronik an, schrauben und hämmern. Michael Rusch steht im Inneren eines Flugzeugrumpfs. In seiner Hand hält er eine rote und eine schwarze Messspitze. Über Kabel sind die Werkzeuge, die an Schraubenzieher erinnern, mit einem Tablet-Computer verbunden. Mit ihnen misst Rusch, ob das Flugzeug tatsächlich Strom leitet. Das ist wichtig, falls beispielsweise ein Blitz einschlägt. Die Messung muss im Laufe des Baus an vielen Tausend Punkten wiederholt werden.

Zeitersparnis durch Technik

Der Computer zeigt Rusch auf einem dreidimensionalen Bauplan des Flugzeugs farbig genau an, wo er messen muss. Die Ergebnisse werden dann direkt gespeichert, und auf dem Display erscheint farbig der Hinweis, wo im Flugzeugrumpf sich der nächste Kontrollpunkt befindet. Das neue Messverfahren sei ein großer Fortschritt, sagt Rusch: "Früher mussten die Kollegen oft, wenn sie ihre Arbeit im Flieger erledigt hatten, draußen noch bis zu zwei Stunden lang viele Daten und Informationen handschriftlich eintragen." Das neue System reduziere die Schreibarbeit erheblich - die Produktivität und Effizienz der Arbeiter steigt.

Der Industriearbeiter als Chirurg

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"Der Industriearbeiter ist der, der tatsächlich den Wert schafft", sagt Produktionsleiter Eckart Frankenberger.

Genau das ist das Ziel von Eckart Frankenberger, der bei Airbus die Produktion organisiert. Der Facharbeiter steht für ihn im Mittelpunkt: "Für uns ist er der Chirurg. Und für den Chirurgen wird alles bereitgelegt. Und darum geht es: Der Industriearbeiter ist der, der tatsächlich den Wert schafft. Und der ganze Rest hat sich darauf auszurichten, dass er seine Arbeit machen kann."

Systeme gegen müde Arme

Wie modernste Maschinen den Arbeitern schon bald im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greifen werden, kann man wenige Hundert Meter vom Airbus-Werk entfernt im Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung besichtigen. Dort steht der Prototyp eines sogenannten Exoskeletts. Entwickelt hat es ein Team an der Helmut-Schmidt-Universität speziell für Über-Kopf-Arbeiten. Zum Beispiel für die Airbus-Mitarbeiter, die in einem Flugzeugrumpf stundenlang Deckenkabel verlegen müssen. Das Exoskelett wiegt drei Kilo und erinnert an das Tragesystem eines Wanderrucksacks. Zu Hüft- und Schultergurt kommen hier aber noch zwei Schienen für die Oberarme hinzu. Mithilfe von Druckluft unterstützen die Schienen den Arbeiter dabei, seine Arme anzuheben und oben zu halten. Eine schwere Bohrmaschine kann er so beispielsweise leichter und länger über dem Kopf einsetzen.

Gesundheit und Produktivität

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Andreas Argubi-Wollesen kümmert sich mit seinem Entwicklerteam darum, wie die Arbeiter gesund und leistungsfähig bleiben.

Seine Schulter- und Armmuskeln soll der Arbeiter dabei stets so belasten, dass er gesund und leistungsfähig bleibt und nicht krank wird, erklärt Andreas Argubi-Wollesen aus dem Entwicklerteam. Wie viel Unterstützung ein Arbeiter erhält, soll das Exoskelett in Zukunft mithilfe von Sensoren und künstlicher Intelligenz selbst entscheiden: "Wenn das System erkennt, dass die Muskulatur schon sehr angestrengt ist, der Mitarbeiter aber so im Arbeitsprozess drin ist, dass er seine eigene Überlastung gar nicht mitkriegt, dann kann so ein System eben auch schon erkennen: Mein Mitarbeiter braucht jetzt mehr Hilfe von mir", so Argubi-Wollesen. Ganz ohne Befehl greift die Maschine dem Arbeiter dann etwas mehr unter die Arme. Bei ersten Tests haben bei Airbus vor allem ältere Mitarbeiter das neue Unterstützungssystem gelobt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 31.10.2016 | 07:41 Uhr