Auf der Welle des Ungewissen

Leon Gurwitch sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen Klezmer und Jazz.

"Eldorado" nannte Leon Gurvitch das erste Album seines Projekts mit dem Stargast Frank London. Ein "Goldenes Land", wo sich Jazz und osteuropäische Folklore mit karibischer Rhythmik vereinen - und zugleich Erinnerung an einen Sehnsuchtsort: die alte Klezmer-Tradition aus Gurvitchs Heimat.

Leon, Ihre Heimatstadt Minsk war noch am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der jüdischen Kultur in Europa. Mal angenommen, Sie wären hundert Jahre früher geboren worden: Wären Sie ein Klezmer-Musiker geworden?

Leon Gurvitch: Gute Frage - ich denke, Musiker wäre ich bestimmt geworden. Aber nicht unbedingt Klezmer. Das ist nur ein Teil von mir. Worldmusic ist wahrscheinlich ein besserer Ausdruck.

Haben Sie sich deshalb Musiker von verschiedenen Seiten des Globus zusammengesucht?

Gurvitch: Natürlich, jeder bringt was Eigenes mit. Aber wenn du zum Beispiel in New York lebst, dann spielst du vielleicht mit einem indischen Pianisten, einem Bassisten aus Kuba, einem deutschen Drummer und einem amerikanischem Trompeter oder so.

Hier ist Frank London der Trompeter, der einst "Klezmatics" gründete …

Gurvitch: Er bringt sowohl seinen Background in der Klezmermusik, aber auch in der New Yorker Szene mit. Und dann spielen wir meine Musik. Da kommen auch andere Einflüsse dazu, denn ich komponiere ja auch sinfonisch. Aber bei allen Klezmer-trifft-Jazz-Projekten gibt es immer dieselbe alte Diskussion. Jüdische Musiker sagen: "Das ist kein Klezmer", und die Jazzer sagen: "Das ist kein Jazz". Dabei sind die Ursprünge dieser Musiken ganz ähnlich: Im Klezmer und Jazz wird viel improvisiert, es gibt Standard-Melodien, die aus der jeweiligen Folklore stammen, das freie Zusammenspiel der Musiker. Es gibt viele Gemeinsamkeiten.
Aber das ist ja nur die Basis, von der aus wir starten. Wir wollen weiter gehen, experimentieren. Musikwissenschaftliche Fragen stellen wir nie.

Interview: Tobias Richtsteig