Stand: 18.09.2015 10:48 Uhr

Nachgefragt: Jean-Christophe Spinosi

Mit der Leitung von Instrumentalstücken und Opern Antonio Vivaldis erwarb sich Jean-Christophe Spinosi großes internationales Renommee. 2012 begeisterte der Dirigent und Geiger zusammen mit der NDR Radiophilharmonie im Ring Barock, jetzt ist der Korse in der Reihe NDR Das Alte Werk zu Gast. Auf dem Programm - wie könnte es anders sein: Werke von Vivaldi. Und ein Telemann-Konzert.

Monsieur Spinosi, der bekannte Vivaldi-Forscher Michael Talbot schrieb einmal, ein Aspekt von Vivaldis besten Sätzen sei ein "schockierender Radikalismus". Was macht Vivaldis Musik (teilweise) so "radikal" oder gar "schockierend"?

Jean-Christophe Spinosi: Das sind ganz viele verschiedene Aspekte - die brutalen Stimmungswechsel etwa oder auch die Brüche im musikalischen Erzählfluss. All das schafft er mit einer Vielfalt von Effekten, vor allem mit extremen dynamischen und rhythmischen Kontrasten, aber auch mit besonderen harmonischen und thematischen Überraschungen.

Auf YouTube gibt es ein Video vom Festival in Vieilles Charrues - dem größten Rockfestival in Frankreich -, dass Sie und das Ensemble Matheus zeigt, wie Sie Vivaldi in einer Rock-Version mit elektrisch verstärkter Violine spielen. Haben Virtuosen wie zum Beispiel Tartini und Van Halen, Vivaldi und Hendrix eigentlich irgendetwas gemeinsam?

Spinosi: Natürlich haben die Alten schon immer die Nachfahren inspiriert. Alle "Guitar Heroes" sind fasziniert von der Virtuosität der großen alten Meister und haben immer wieder versucht, sie in ihren Werken zu ehren. Das berühmteste Gitarrensolo von Eddie Van Halen, "Eruption", bezieht sich an einer bestimmten Stelle auf eine Etüde von Kreutzer - ein Werk, an dem seit dem 19. Jahrhundert alle Geiger ihr Können geübt haben. Was ich sehr mag und schätze, ist das "Augenzwinkern" vieler großer Rockstars gegenüber den großen alten Meistern, ein Augenzwinkern, das auch eine Form der Ehrerbietung und Bewunderung ist.

Zwei der Konzerte, die Sie jetzt spielen ("La Notte“,"Il Gardellino"), haben programmatische Titel. Und jeder kennt und liebt "Die vier Jahreszeiten". Wie wichtig sind programmatische Elemente wie Titel, Poesie, Bildhaftigkeit und Klangmalerei in Vivaldis Musik?

Spinosi: Man kann in der Tat sagen, dass viele von Vivaldis Hauptwerken Programmmusik sind. Vivaldi hat es dabei aber nicht belassen. In seinen Kompositionen hat er eine besondere musikalische Dichtkunst entwickelt, die sehr stark ist und sofort als seine zu erkennen, sodass der Hörer auch in Vivaldis Werken, die keine Programmmusik im eigentlichen Sinne sind, doch häufig unbewusst Szenarien und Bilder entwickelt.

Neben Vivaldi ist ein Telemann-Konzert auf Ihrem Programm (da dankt das Hamburger Publikum). Die meisten Konzerte Telemanns sind so ganz anders als Vivaldis dreisätzige Standardwerke. Warum haben Sie gerade Telemanns TWV 52:e1 ausgewählt?

Spinosi: Das ist ein wirklich wunderbares Konzert! Zudem ist es auch sehr originell, weil es die beiden "Rivalen" - die Blockflöte und die Traversflöte - in der Gegenüberstellung absolut erfolgreich miteinander verbindet. Telemann entwickelt in diesem Werk eine große Energie und eine starke Originalität - Eigenschaften, die man häufig auch bei Vivaldi findet.

Die Fragen stellte Dr. Ilja Stephan.