Stand: 19.03.2012 12:00 Uhr

"Ein bisschen wie nach Hause kommen"

Der Chefdirigent der NDR Bigband Jörg Achim Keller im Interview.

Jörg Achim Keller, Chefdirigent der NDR Bigband

Ihr erstes Arrangement für die NDR Bigband haben Sie geschrieben, als Sie 20 Jahre alt waren - noch während des Musikstudiums. War Ihnen da schon klar, dass das Arrangieren einmal einen größeren Platz einnehmen würde als das eigene Spielen?

Jörg Achim Keller: Das war mir eigentlich schon mit 15 oder 16 Jahren klar. Damals habe ich mit dem Schreiben begonnen, weil es mir Spaß gemacht und mich interessiert hat und dann, durch einige schicksalhafte Fügungen, haben sich meine musikalischen Tätigkeiten in diese Richtung entwickelt. Ich habe in Holland am damaligen "Hilversums Conservatorium" studiert und mich aus Sparsamkeit für nur ein Fach eingeschrieben - denn für jedes Fach musste man dort damals eine nicht unbeträchtliche Einschreibegebühr bezahlen. Deshalb habe ich mich für "Arrangieren" entschieden und auf Schlagzeug und Trompete verzichtet.

Parallel hatte ich in Hamburg aber den Kontaktstudiengang "Popularmusik" belegt, wo ich Herb Geller kennenlernte und durch ihn meine ersten beiden größeren Schreibaufträge bekam: einen für die NDR Bigband, den anderen für Peter Herbolzheimer. Und so ging es dann weiter.

 

Biografisches in Kürze

Jahrgang 1966, geboren in Zürich, aufgewachsen in Münster, wo er heute wieder lebt.

Arrangeur und Dirigent

Studium am Conservatorium Hilversum / Niederlande. Schon als Student schrieb er Arrangements für Peter Herbolzheimers SWF Formation, für das holländische "Metropole Orkest", die NDR Bigband und viele andere.

Von 1992 - 1994 spielte er als Schlagzeuger im "Glenn Miller Orchestra". Zwischen 2000 und 2008 war er Chefdirigent der hr-Bigband in Frankfurt am Main. Er orchestriert Filmmusik und arbeitet als freier Arrangeur und Dirigent im In- und Ausland.

Seit 2008 ist er Chefdirigent der NDR Bigband.

Seit 2008 sind Sie Chefdirigent der NDR Bigband, gut 20 Jahre nachdem Sie Ihr erstes Arrangement für die Band geschrieben haben. Empfinden Sie das ein bisschen als Heimspiel?

Jörg Achim Keller: Es ist schon ein bisschen wie "nach Hause kommen", alleine dadurch, dass ich die meisten Musiker seit vielen Jahren aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen kenne. Trotzdem ist der Job "Chefdirigent" etwas, auf das man sich immer neu einstellen muss, weil jede Band ihre Eigenheiten hat.

In dieser Band ist ihr breites stilistisches Spektrum das Entscheidende. Wir haben auf jedem Platz Solisten, deren unterschiedliche Stilistiken sehr weit gefächert sind. Das ist auch die Herausforderung, wenn ich für die NDR Bigband schreibe: jedem Musiker den Platz einzuräumen, auf dem er am besten zum Gesamtklang beitragen kann.

Wie wirkt sich die Tatsache auf Ihre Arrangements aus, dass alle Musiker ihren eigenen Stil und eigenen Kopf haben?

Jörg Achim Keller: Es hat einen enormen Einfluss darauf! Denn tatsächlich setze ich die Stimmen nicht einfach klassisch von oben nach unten, sondern überlege genau, wem ich welche Stimme gebe. Das ist möglich, weil ich inzwischen die verschiedenen "Sounds" der Musiker relativ gut kenne. Ich lege sehr viel Wert darauf, mehr noch als bei anderen Ensembles, für die ich schreibe. Und wenn beispielsweise jemand wie Peter Bolte im Flageolett-Bereich besonders firm ist, dann nutze ich das auch gerne gezielt, um gelegentlich einer Passage eine besondere Färbung zu geben.

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Jörg Achim Keller (rechts) und die NDR Bigband proben mit dem brasilianischen Sänger und Gitarrist João Bosco (links).

Wird es über die Jahre eher leichter oder schwerer, neue Ideen für Arrangements zu finden?

Jörg Achim Keller: Nach 25 Jahren Arrangiertätigkeit und geschätzten 2.000 Arrangements fällt es mir persönlich inzwischen eher leichter. Das liegt aber auch daran, dass ich nie versucht habe, Schubladen zu öffnen, so nach dem Motto: "Ach, dieses Stück, so etwas Ähnliches habe ich schon einmal gemacht, das mache ich jetzt einfach noch mal so". Ich versuche, immer frisch an ein Stück heranzugehen, auch wenn es vielleicht bei etwas endet, das so ähnlich klingt wie etwas, das ich schon einmal gemacht habe. Aber so etwas gehört vielleicht auch zur persönlichen Handschrift. Mein Ansatz ist jedenfalls, mir das Material mit möglichst unverstelltem Blick anzuschauen.

 

Audio
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Jazz-Begeisterung von klein auf

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Kommen Sie überhaupt noch dazu, selbst ein Musikinstrument zu spielen?

Jörg Achim Keller: Ich spiele tatsächlich immer noch gerne Schlagzeug. In meiner Zeit als Chefdirigent der hr-Bigband in Frankfurt gab es sogar mal eine Periode, während der der Schlagzeugposten nicht besetzt war und ich regelmäßig mit der Band gespielt habe. Als dann aber wieder ein fester Schlagzeuger da war, habe ich das aufgegeben. Und in den letzten Jahren ist das Spielen noch weniger geworden. Gelegentlich aber passiert es und das genieße ich dann sehr.

Hin und wieder denke ich sogar, dass es doch eigentlich schön wäre, einen Übungsraum zu haben und wieder regelmäßig zu spielen. Das ist eigentlich einer der Pläne für die nächsten Jahre.

Interview: Jessica Schlage

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