"Ehrlich empfinden, ehrlich spielen"

Fiete Felsch, Saxofon und Flöte, spielt seit 1995 in der NDR Bigband.

Neben dem Jazz haben Sie auch häufig im Pop-Bereich gearbeitet und sind hin und wieder sogar als klassischer Saxofonist aufgetreten. Schaffen Sie sich diese große Bandbreite bewusst?

Fiete Felsch: Im Grunde genommen gibt es mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Genres als Unterschiede. Klassische Musiker strikt von Jazzmusikern oder Folkmusikern abzugrenzen und Menschen damit "einzutüten", das entspricht nicht meinem Wesen. Ich finde es gerade spannend, wenn Sachen so antiproportional verlaufen. Wenn man beispielsweise für eine Produktion, die total kommerziell ist, einen wahnsinnig kreativen Nachmittag im Studio verbracht hat. Manchmal ist so was tausendmal kreativer, als eine Produktion die das Etikett trägt: "Wir haben uns ganz doll Mühe gegeben und deshalb ist das jetzt anspruchsvoll geworden."

Biografisches in Kürze

Jahrgang 1967, aufgewachsen in Lübeck. Fiete Felsch lebt heute in Ahrensburg.

Instrumente: Alt-Saxofon, Flöten, Klarinetten

1987 Gründungsmitglied des BuJazzO unter der Leitung von Peter Herbolzheimer. Studierte in Hamburg Saxofon bei Herb Geller. Ab 1989 Stipendiat der University of North Texas in den USA und 1990 als "Most outstanding student in jazz studies" ausgezeichnet. 1990 gewann er den Saxofonpreis der North American Saxophone Alliance.
Seit 1999 unterrichtet er an der Hochschule für Musik in Hamburg Saxofon und Improvisation. Er ist als Studiomusiker aktiv und spielt regelmäßig mit dem "Fiete Felsch Quartet" sowie mit dem Organisten Matthias Bätzel.

Seit 1995 ist er festes Mitglied in der NDR Bigband.

Sie haben mit einem Stipendium an der University of North Texas studiert. Was haben Sie aus dieser Zeit in den USA an Erfahrung mitgenommen?

Felsch: Vermutlich 1.000 Dinge, derer ich mir gar nicht bewusst bin. Aber konkret: Die Mentalität, was zum Beispiel den relativ unproblematischen Umgang mit Erfolg angeht. Zu sehen, wie sich die Studenten dort gegenseitig aufgebaut haben und auch offen waren für Leute wie mich, die von außen kamen. Und wenn einer was Tolles geschafft hatte, dann wurde das auch sehr gerne zelebriert. Es gab zum Beispiel an der Uni zehn Big Bands, die nach ihrer Probenuhrzeit benannt waren, die "One O'Clock Big Band" oder die "Six O'Clock Big Band" zum Beispiel, und auf die man je nach Können verteilt wurde. Da war es normal, dass man einmal im Semester vorspielte und sich dann eben nach und nach hocharbeitete.

Was schätzen Sie an der Arbeit in der NDR Bigband?

Felsch: Diese ständige Workshop-Situation. Es gibt so viele unterschiedliche Anforderungen zu bewältigen. Und man kommt tagtäglich mit interessanten Menschen zusammen, auch durch die vielen Gäste, seien es jetzt Solisten, Komponisten oder eben auch die vielen Schlagzeuger, die mit der Band arbeiten. Wir haben ja keinen festen Schlagzeuger und dadurch kommen in regelmäßigen Abständen immer neue Leute rein. Das ist eine ganz exquisite Rhythmusschulung! Und ich versuche auch die Kontakte zu Gästen, die von außerhalb kommen, zu pflegen, weil ich mich schon als jemand bezeichnen würde, der einfach ein großes Interesse an Menschen hat.

Ist das auch eine Motivation dafür, selbst zu unterrichten?

Felsch: Unterrichten ist für mich auch eine katalytische Geschichte, durch die ich auch mein eigenes Spiel immer wieder neu einzuordnen versuche. Es gibt ja so eine Art roten Faden aus der eigenen Gefühlswelt, der sich im Spiel widerspiegelt. Und wenn man gemeinsam mit den Schülern und Studenten darüber redet und die Gedanken weiterentwickelt, kann man immer wieder neu ordnen, was wichtig ist und was nicht. Denn es gibt ja auch den seelischen Effekt. Es kann ja nicht schaden, wenn man Leute glücklich macht und vielleicht sogar heilt, auf eine Art und Weise. Das ist letztlich die einzige Richtschnur die ich habe: Wie ehrlich ist es gespielt, wie ehrlich ist es empfunden und wie tragfähig ist so eine Emotion.

Bei aller Kontaktfreude - was tun Sie, wenn Sie mal Ihre Ruhe brauchen?

Felsch: Ich fahre Rad! Ich wohne ja ein bisschen außerhalb von Hamburg, in Ahrensburg, und fahre relativ oft mit dem Rad zur Arbeit hierher. Ich bin dann einfach relaxter. Wenn man den ganzen Tag in Proben sitzt und sich nicht groß bewegen kann, ist das natürlich auch ein guter sportlicher Ausgleich. Ich fahre manchmal auch auf Konzertreisen die Strecke zwischen den einzelnen Spielorten auf dem Rad statt im Tourbus. Die längste Distanz an einem Tag waren mal 200 km, das war auf einer Tournee durch Niedersachsen. Das gibt ein ganz eigenes "On-The-Road"-Gefühl und ist auch einfach eine Art Meditationsraum für mich.

Das Interview führte Jessica Schlage (2011).