Stand: 05.03.2014 11:00 Uhr

"Bei uns weiß man nie genau, was kommt"

Dan Gottshall, Posaunist der NDR Bigband, im Interview

Dan Gottshall war in Deutschland bereits ein gefragter Jazz-Posaunist, als ihn 2001 der Ruf der NDR Bigband ereilte.

Sie sind an der amerikanischen Ostküste aufgewachsen und haben später in Los Angeles, Köln und Berlin gelebt. Von Hamburg aber sagen Sie: Hier bin ich angekommen. Warum?

Dan Gottshall: Aus verschiedenen Gründen, aber alle haben irgendwie mit "Familie" zu tun. Mit meiner eigenen Familie, meiner Frau und den Kindern. Und mit der anderen "Familie", der Bigband. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mich mal als festangestellter Musiker irgendwo niederlassen würde. Aber ich bin sehr zufrieden und es gibt keinen Grund weiterzuziehen.

Sie leben und arbeiten inzwischen seit über 20 Jahren in Deutschland. Spüren Sie die Einflüsse aus Ihrer Studienzeit in Baltimore überhaupt noch?

Gottshall: Auf jeden Fall! Ich bin mit 17 nach Baltimore gegangen um dort zu studieren, das war die erste Großstadt, die ich je kennengelernt habe. Und diese Erfahrung sitzt noch immer tief, weil die Stadt meine musikalische Weltanschauung sehr geprägt hat. Baltimore ist eine Ostküstenstadt, genau an der Grenze zwischen den US-amerikanischen Nord- und Südstaaten. Deshalb gibt es dort die lockere Rhythm’n’Blues-Atmosphäre aus dem Süden und die eher intellektuellen Sachen, die aus dem Norden kommen. Diese Mischung fand ich schon damals sehr interessant.

Biografisches in Kürze

Jahrgang 1961, aufgewachsen im US-amerikanischen Pottstown/Pennsylvania. Dan Gottshall lebt heute in Hamburg.

Instrument: Posaune

Studium an der Towson State University in der Nähe von Baltimore. Er
spielte in Jazzclubs, wo auch Musiker wie Gary Thomas, Dennis Chambers, Antonio Hart und Tom Williams vertreten waren. Ist auf mehr als 60 CDs zu hören und hat dabei unter anderem mit der Clayton/Hamilton Big Band in L. A., bei Peter Herbolzheimer, mit Chaka Khan, Al Jarreau und Lena Horne gearbeitet. Von 1993 bis 2001 spielte
er in der RIAS Big Band in Berlin.

Seit 2002 ist Dan Gottshall festes Mitglied der NDR Bigband.

Wie sind Sie dann schließlich nach Deutschland gekommen?

Gottshall: Reiner Zufall! Zwischen Baltimore und Frankfurt am Main gab es eine Städtepartnerschaft und so habe ich dort Ende der 80er ein paar Konzerte gespielt. Die Idee, in Europa zu arbeiten, hat mir gefallen, also bin ich geblieben. Dann bekam ich irgendwann das Angebot, bei der RIAS Big Band Berlin zu spielen und das habe ich gemacht bis die Band aufgelöst wurde. Da dachte ich: Jetzt bin ich arbeitslos, dann gehe ich eben nach Hause. Und dann hörte Nils Landgren (als festes Mitglied, d. Red.) bei der NDR Bigband auf und mir wurde die Stelle angeboten. Nachdem ich die Band kennengelernt hatte, konnte ich nicht nein sagen.

Warum konnten Sie nicht nein sagen?

Gottshall: Die Band hat etwas, das ich sonst in keiner so großen Formation kennengelernt habe: genau die richtige Balance zwischen starker Identität der einzelnen Musiker und einer Gruppenmentalität. Wenn ein Arrangeur kommt, der diese Band nicht kennt, und will, dass wir einfach so sein Arrangement spielen, dann wird er vermutlich Pech haben, weil wir immer auch unseren eigenen Kopf haben. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es auch für das Publikum interessanter ist, zu hören, wie diese spezielle Band ein Arrangement spielt, als zu hören, wie das Arrangement mit irgendeiner beliebigen Band klingt, die alles nur nach den Noten spielt. Das heißt nicht, dass jeder machen kann was er will, aber trotzdem: Bei uns weiß man nie genau, was passieren wird.

Dan  Gottshall, Jazztage Hamburg 2009 © NDR

Wie Dan Gottshall nach Deutschland kam

Okay, das mach' ich Mal - ein Jahr vielleicht, und dann fahr' ich nach Hause. So dachte er, als er aus den USA nach Good-old-Germany kam. Jetzt ist er genau da, wo er sein will!

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Wie wichtig ist Ihnen das eigene Komponieren?

Gottshall: Es ist für mich eine Art Vehikel: Ich schreibe, damit ich so spielen kann, wie ich will. Allerdings ausschließlich für Projekte außerhalb der NDR Bigband. Wenn ich da in einer bestimmten musikalischen Richtung etwas machen will und von keinem anderen Komponisten etwas dazu finde, dann schreibe ich es eben selber. Das ist der eigentliche Grund, aus dem ich komponiere.

Das Interview führte Jessica Schlage.