Sendedatum: 19.06.2015 11:20 Uhr

Klaus Tennstedt: umstritten und gefeiert

von Ulrike Henningsen

Geboren 1926 in Merseburg an der Saale - gestorben 1998 in Heikendorf bei Kiel. Und dazwischen: Sehr viel Musik. Das sind die Eckdaten eines bewegten Musikerlebens.

Klaus Tennstedt begann seine Laufbahn als Konzertmeister in Halle. Eine Handerkrankung zwang den jungen Geiger zum Umsteigen: "Dirigieren lernen das ist so eine Sache - natürlich kann man Dirigieren erlernen, man kann die Schlagtechnik erlernen, aber zum Dirigieren gehört so wesentlich mehr, was einfach unerlernbar ist". Tennstedt hatte das, er tauschte Geigenbogen gegen Taktstock - erlebte erste Erfolge als Dirigent in Chemnitz, wurde Generalmusikdirektor in Dresden, wechselte nach Schwerin und flüchtete 1971 über Schweden in die Bundesrepublik.

Von Schmidt-Isserstedt zu Gilbert

Von Kiel aus in die Welt

Dort wurde Kiel zum Startpunkt für eine Karriere, die ihn an viele Orte weltweit bringen sollte. Gefeiert in Kanada und den USA folgte er einem Ruf nach Hamburg zum NDR Sinfonieorchester. Drei Jahre hatten die Musiker nach Moshe Atzmons Weggang ohne einen Chefdirigenten gearbeitet. Nicht nur deshalb begann Klaus Tennstedt seine Arbeit 1979 in unruhigen Zeiten: "Ich glaube eine kurze Phase hat es gegeben, wo jeder ein bisschen nervös war. Das ist ja ganz klar - zumal es Wochen gegeben hat, wo kein Mensch wusste, wo es eigentlich hinaus soll." Die Regierungen von Schleswig-Holstein und Niedersachsen planten, den Staatvertrag des NDR zu kündigen. Vieles stand plötzlich zur Diskussion und in den Strudel der Debatten gerieten auch die Klangkörper. Das hatte konkrete Auswirkungen auf die Orchesterarbeit: "Streicherpositionen sind schwierig zu besetzen, gewisse Bläserpositionen auch, nicht alle - aber wir haben bis jetzt immer Lösungen gefunden, die der Qualität des Orchesters dann doch in hohem Maße entsprachen."

Späte Versöhnung mit dem Orchester

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Der Musik von Gustav Mahler und Anton Bruckner galt Tennstedts besondere Liebe. Für seine Mahler-Interpretationen wurde er nicht nur von Fachjournalisten, sondern auch von Kollegen wie Simon Rattle in allerhöchsten Tönen gelobt. Aber zahlreiche kulturpolitisch bedingte Angriffe der Hamburger Presse gegen den NDR belasteten ihn stark. Dazu kam, dass nicht alle Orchestermitglieder seine musikalischen Vorstellungen teilten. Spektakulär verließ Klaus Tennstedt 1981 das Orchester während einer Konzertreise in Paris. Zwei Jahre später übernahm er von Georg Solti die Leitung des London Philharmonic Orchestra.

Ans Pult des NDR Sinfonieorchesters kehrte er 1991 noch einmal zurück. Die Wogen hatten sich geglättet, und so konnte der passionierte Segler Tennstedt gemeinsam mit Nigel Kennedy Beethovens Violinkonzert aufführen. Zeitzeugen berichten von einem in vielerlei Hinsicht denkwürdigen Konzert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.06.2015 | 11:20 Uhr

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