Stand: 13.10.2014 07:40 Uhr

Der Rockstar mit der Geige

von Plasberg, Dirk

Er spielt nicht in typisch klassischen Musiktempeln oder Theatern, sondern in den größten Hallen Deutschlands. Er spielt Geige, aber er ist kein typischer Klassik-Vertreter. David Garrett betreibt die hohe Kunst der Crossover-Unterhaltung und begeistert damit am Sonntag 6.500 Zuschauer in Braunschweig. NDR 1 Niedersachsen präsentiert den schnellsten Geiger der Welt bei seinen Konzerten in Niedersachsen. Die Bühne wirkt monströs. Erde und Mond schieben sich im Intro über die Leinwände, das Orchester spielt Strauss-Fanfaren, und in einer Minikapsel steht David Garrett und spielt die Robbie-Williams-Hymne "Let Me Entertain You“. Dabei schwebt er von hinten über die Köpfe der Zuschauer hinweg zur Bühne. Was für ein Auftakt. Normal die Bühne zu betreten gilt 2014 wohl als zu langweilig, auch für einen Geiger.

Alles ist erlaubt

Neben Orchester und seiner Band unterstützen Tänzerinnen des Fernsehballetts in wechselnden Kleidern manche Songs und zeigen sich in roten Kleidern das erste Mal beim Gipsy Kings-Titel "Baila Me". "Classic Revolution" heißt das neue Programm, und David Garrett verfremdet für seine Geige jedes Stück. Moderne Interpretationen von Bruce Springsteens "Born In The USA" als Hommage an seine Wahl-Heimatstadt New York über Beethoven, Babuschka und Carl Orff, Elton John, Lacrimosa und La Bamba, von Verdi, Deep Purple bis zum ABBA-Klassiker "I Have A Dream" nur mit Klavierbegleitung. Alles ist erlaubt was gefällt - und zeigt, wie stark die Geige als Instrument ist. Die Zuschauer staunen. "Die Geige sticht überall heraus, egal welches Stück er spielt. Er ist ein sympathischer Typ, und die Mischung macht es aus. Dazu passt die Show mit den Lichteffekten gut zusammen - es ist einmalig", schwärmt Kristin Wohltmann aus Braunschweig.

Intensiver, farbenfroher, rasanter

Die Show ist aufwendig, die optischen Reize sind vielfältig. Man muss Abwechslung bieten als Instrumentalmusiker ohne Gesangsstimme, denn die fehlt schon so manches Mal bei den zahlreichen bekannten Ohrwürmern an diesem Abend. Die Geige ist tonangebend, aber manchmal sind Songmelodien nicht sofort zu erkennen.
Auf der breiten Bühne flackern deshalb ständig Bilder von den vier Leinwänden, die zur Gesamtinszenierung gehören. So singt im Hintergrund Andrea Bocelli und wird dazu die Bühne beeindruckend in einen altehrwürdigen Theatersaal verwandelt. Dadurch wirkt die Musik noch intensiver, farbenfroher, rasanter, unterstützt die druckvollen Rhythmen des Orchesters und der Band mit Gitarre und Schlagzeug. Zusätzlich tanzen Feuerfontänen zum Rhythmus der Musik in die Höhe oder zur Coldplay-Hymne "Paradise" gibt es Glitzerregen. Das Konzert wird endgültig zur Show und wirkt wie eine große Inszenierung mit einem Hauptdarsteller, der mal vorne, mal hinten spielt, der durch die Publikumsreihen geht und sagen möchte: Schaut her, ich bin der schnellste Geiger, aber doch einer von Euch!

Von Beethoven bis Bon Jovi

David Garrett versprüht den Charme eines Lieblings-Schwiegersohnes mit kleinen Fehlern. So erfahren wir, dass die Butter in seinem Kühlschrank abgelaufen ist, weil seine Mama mal aufgeräumt hat. Er beeindruckt durch seine lockere Art und erzählt Anekdoten aus dem Tourneealltag, beschreibt, dass er immer auf der Suche nach neuen Songs ist, die er interpretieren möchte, und ist der sympathische Begleiter durch den Abend. So kommt er den Fans näher. Erst recht wenn er einer Dame aus dem Publikum "Your Song" widmet. Claudia wurde ausgesucht von seinem Tourmanager, war alleine dort und durfte sich auf einen Hocker auf die Bühne setzen und wurde "bespielt". Was für ein Moment! So manche Frau im Publikum war sichtlich neidisch!

Auch seine Kleidung ist untypisch: Mit Jeans, T-Shirt und Jacket sowie dicken Boots ist sicher noch kein Geiger aufgetreten. Das Haar hinten als Zopf gebunden, trug er es nur kurz vor der Pause mal offen und im Winde wehend zu Bon Jovis Rockklassiker "Living on A Prayer". Und zu Deep Purple darf sogar seine Geige Feuerfontänen aus dem Geigenhals versrpühen. Kein Effekt wird ausgelassen, hier wird gezeigt, was Showtechnik alles kann. Und die Hitze der Feuerfontänen, so bestätigen Zuschauer, war bis in die letzte Reihe zu spüren. Das Programm von ABBA über Beethoven und Mozart bis Coldplay und Bon Jovi - und als Zugabe Elvis Presley - beweist: Die Verschmelzung von Klassik und Rock ist eine Kunst, die funktioniert. Das Orchester der Jungen Philharmonie Frankfurt und seine Band haben eindrucksvoll gezeigt, dass dies mit einer gehörigen Portion Show- und Lichteffekten sowie mit Pyrotechnik funktioniert. Weil sich der Hauptdarsteller - ein Klassik-Musiker mit Rocker-Gen - so natürlich und publikumsnah gibt, seine außergewöhnliche Spielkunst wie ein Popstar präsentiert und selbst so viel Spaß hat, dass er das auf sein Publikum überträgt. Die Fans applaudieren lange und gehen zufrieden mit einem musikalischen Glücksgefühl nach Hause.