Stand: 05.07.2012 16:00 Uhr  | Archiv

Abhörsichere Funktechnik aus Italien für Assad

von Stefan Buchen und John Goetz
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Syriens Präsident Assad: Sein Regime soll Verschlüsselungstechnik aus Italien bekommen haben.

Selex, ein weltweit führender italienischer Hersteller von Telekommunikationstechnologie, hat das syrische Regime mit einem abhörsicheren Kommunikationssystem ausgerüstet. Das geht aus geschäftlichen E-Mails hervor, die die Enthüllungsplattform Wikileaks am Donnerstag im Internet veröffentlicht hat.

In den Mails tauschen sich Vertreter der Herstellerfirma Selex, eines in Griechenland ansässigen Zwischenhändlers namens Intracom Telecom, des syrischen Partnerunternehmens Intracom Telecom Technologies Ltd Syria sowie des Staatsunternehmens "Syrian Wireless Organization" aus.

Lieferung an Polizeistation im Aufstandsgebiet

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Demonstration in Syrien: Die Sicherheitskräfte gehen gegen die Proteste im Land brutal vor.

Danach hat der Hersteller Selex das Kommunikationssystem "Tetra" nach Syrien geliefert. Mit dieser Technologie werden Mobilfunkgespräche abhörsicher gemacht. Offenbar benutzt die syrische Polizei das System bei der Bekämpfung des Aufstandes. Das geht aus einer E-Mail vom 7. Mai 2011 hervor, in der der syrische Käufer die Anweisung erteilt, "Tetra"-Ausrüstung zur Polizeistation Muadamia zu schicken. Dort gingen zu dem Zeitpunkt syrische Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Demonstranten vor.

Die Geschäftsverbindung von Italien über Griechenland nach Syrien begann mit einem Vertrag im Jahr 2008 und dauert trotz des brutalen Vorgehens des syrischen Regimes offenbar bis ins Jahr 2012 an. Laut einer Mail vom 2. Februar 2012 kündigte Selex an, Fachleute zur Ausbildung der syrischen Partner nach Damaskus zu schicken. Als Termin für das Ausbildungstreffen wird der 11. Februar 2012 genannt.

Verstoß gegen Sanktionen?

Der NDR hat die Firma Selex in Rom um eine Stellungnahme gebeten. Vertreter des Unternehmens wollten sich allerdings dazu nicht äußern. Fraglich ist, ob Selex mit der Geschäftsverbindung nach Syrien gegen die Sanktionen verstößt, die EU und Vereinte Nationen gegen das syrische Regime von Präsident Baschar al Assad verhängt haben. Selex gehört zum italienischen Rüstungsriesen Finmeccanica.

Die E-Mails sind Teil eines Pakets von mehr als zwei Millionen Nachrichten, die über einen syrischen Provider gelaufen sind und mit deren Online-Veröffentlichung das Enthüllungsportal Wikileaks unter dem Titel "Syria Files" begonnen hat. Darin ist Kommunikation zwischen syrischen Regierungsstellen, Unternehmen und ausländischen Partnern aus den Jahren 2006 bis März 2012 enthalten. Der NDR hat als Kooperationspartner von Wikileaks Einblick in die Mails erhalten.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/wikileaksselex101.html