Stand: 18.08.2016 16:30 Uhr

Syrienkrieg: Das neue Gesicht des Schreckens

Das Bild bewegt die Menschen, die es sehen: Ein kleiner Junge hockt verstört auf dem orangenen Sitz eines Krankenwagens, verschmutzt und mit blutverschmierten Kopf. Retter haben ihn nach einem Bombenangriff auf die umkämpfte syrische Stadt Aleppo aus den Trümmern gezogen. Es erinnert an das Bild einer staubbeckten New Yorkerin am 11. September.

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ZAPP hat das Gesicht des Jungen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unkenntlich gemacht, hält das Foto aber zum jetzigen Zeitpunkt für zeitgeschichtlich relevant. Trotzdem wiegen nach Einschätzung der Redaktion die Persönlichkeitsrechte des Kindes höher.

Ein YouTube-Video zeigt das Geschehen. Gepostet wurde es am Mittwochabend vom Aleppo Media Center (AMC), einer der syrischen Opposition nahestehenden Gruppe von Medienaktivisten, die seit Jahren über das Internet aus Aleppo berichten. Auch über Twitter weist das AMC auf das Video hin - zunächst nur mit wenigen Reaktionen dort.

Doch dann erreicht das Bild der Szene per Mail den Journalisten Raf Sanchez, Reporter der britischen Zeitung "Telegraph", der es auf Twitter postet und auch auf das AMC-Video hinweist. Und auf Sanchez' Tweets gibt es noch in der Nacht immer mehr Reaktionen von Nutzern: Erst Hunderte, dann mehr als Tausend. Sanchez schreibt auch einen Artikel für den "Telegraph", beruhend auf den Informationen des AMC. Der Titel des Artikels ist mehr als deutlich "Dieses Bild eines verwundeten syrischen Jungen zeigt nur einen Bruchteil des Horrors von Aleppo".

So empfinden es ganz offensichtlich auch viele Nutzer, die das Bild - ob mit Berufung auf Medien oder völlig losgelöst - im Netz weiterverbreiten und emotional kommentieren. Am Donnerstag verbreiten immer mehr westliche Online- Redaktionen das Motiv und das AMC-Video weiter. Die Journalistin Anne Barnard, die das Bild wie Sanchez als eine der ersten von syrischen Ärzten erhalten und per Facebook weiterverbreitet hatte, schreibt einen Artikel für die Seite 1 der "New York Times".

Angaben zum Foto scheinen plausibel

An den Angaben des AMC werden keine Zweifel geäußert. Inzwischen gibt es auch eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur. Laut ihr decken sich die Angaben mit denen des Medienaktivisten Mahmud Raslan, der nach eigenen Angaben ebenfalls vor Ort war und fotografierte. Ähnlich sind die Angaben von syrischen Rettungskräften gegenüber Al Jazeera.

Auch ARD-Korrespondent Volker Schwenck hält die Angaben für vertrauenswürdig. Das Medienbüro sei nicht neutral, es habe aber in der Vergangenheit im Rahmen relativ zuverlässig abgebildet, was in Aleppo passierte, sagt er tagesschau.de. Nur im Details, ob der verletzte Omran vier oder fünf Jahre alt ist, sind sich die Berichte nicht einig. Im Netz finden sich auf den ersten Blick keine Anzeichen, nach denen Bild oder Video schon vorher im Umlauf waren. Die Abwägung, die Journalisten bei solchen Fällen immer treffen müssen, fällt nicht nur bei tagesschau.de in diesem Fall positiv aus.

Ein Jahr nach dem ertrunkenen Aylan

Neben der Tagesschau verbreiten die BBC, CNN, "Süddeutsche Zeitung", die Deutsche Welle, Mashable, Euronews, BR24 und ungezählte weitere Medien auf ihren Websites und Social-Media-Kanälen das Bild weiter - ungeachtet der Tatsache, dass es ein Kind in einem dramatischen Moment zeigt.

Fast ein Jahr ist es her, dass der syrische Flüchtlingsjunge Aylan im Mittelmeeer ertrankt und sein Bild um die Welt ging. Es ist, als hätten die Redakteure auf ein neues ikonograpisches Bild des Syrien-Konfliktes gewartet und nun in Omran gefunden. Aber wird es diesmal etwas ändern?

Die australische Journalistin Sophie McNeill meint "Es hat nicht mit Omran aufgehört." Sie twittert Bilder, die bei neuen Angriffen verletzte Kinder zeigen sollen. Der irische Journalist Eoghan mac Suibhne, der für die Nachrichtenagentur Storyful seit Jahren Social-Media-Bilder und Berichte aus Konflikte überprüft, ist desillusioniert: "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das etwas ändert. So etwas passiert (in Syrien) seit Jahren täglich."

Links

Verletzter Bruder des Jungen aus Aleppo gestorben

Mehr Informationen bei tagesschau.de (21.08.2016) extern

Damit hat er leider recht - es gibt unzählige Bilder von Kindern und erwachsenen Opfern aus Syrien, die für den Betrachter genauso schrecklich eindrucksvoll sind und doch auf kein Interesse stießen. Doch das Bild des ertrunkenen Aylan hatte durchaus eine Wirkung - im Rahmen der Möglichkeiten, die ein Foto auf die Wahrnehmung eines erbitterten Krieges haben kann.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.08.2016 | 23:20 Uhr

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