Stand: 22.04.2013 19:16 Uhr  | Archiv

Wieder on: Schüler beenden handyfreie Woche

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Keine Hektik bei der Ausgabe: Gelassen haben die Schüler ihre Handys in Empfang genommen.

Bei einem waren sich am Ende alle einig: So wirklich schwierig war es nicht, eine Woche auf Handy oder Smartphone zu verzichten. Doch für immer ohne? Das wollen die Zehntklässler des Martino-Katharineums in Braunschweig dann lieber doch nicht. Denn auch darin sind sie sich einig: Das Smartphone vereinfacht das Leben ungemein. Es ist Wecker, Terminkalender, Musikplayer, Internet und Nachrichtendienst in einem. Eine Woche lang haben die Schüler die Alles-in-einem-Funktion durch angestaubte Dinge wie Festnetztelefon, Armbanduhr und Radiowecker ersetzt. Seit Montag haben die Jugendlichen ihre Smartphones wieder zurück. Doch so richtig heiß darauf war eigentlich kaum jemand. Ganz entspannt nahmen sie die durchsichtigen Tüten entgegen, in denen ihre Handys eine Woche lang empfanglos schlummerten. Viele der Schüler machten die Geräte einmal kurz an, um sie auch gleich wieder wegzustecken.

Mehr Zeit ohne Smartphone

Die Schüler seien während des einwöchigen Selbstversuchs alle sehr gelassen gewesen, sagte Schulleiter Manfred Wildhage. Das können auch der 15-jährige Nidal und die 16-jährige Isabel bestätigen. "Ich habe in der Zeit nicht das Bedürfnis verspürt, eine SMS zu schreiben oder das Handy zu nutzen", sagte Nidal, der davon selbst überrascht war. Die handyfreie Woche sei eine Bestätigung dafür gewesen, dass er auch gut ohne Smartphone klarkommen könnte. Ähnlich erging es Isabel. Sie merkte, dass ihr ohne das Smartphone viel mehr Freizeit, mehr Zeit zum Lernen und für Hausaufgaben blieb. "Vorher hat mich das Handy schon sehr abgelenkt", sagte sie.

Das Abstinenz-Tagebuch von Nidal und Isabel:

  • Montag: Nidal, 15 Jahre

    Heute war der Start des Experiments. In der dritten Stunde haben wir unsere Smartphones oder Handys abgegeben. Das Fehlen von meinem Smartphone habe ich noch nicht so bemerkt, da mein Tag schon sehr verplant war. Die nächsten Tage jedoch werden, denke ich, problematischer. Die Reaktion von meinen Freunden außerhalb der Klasse war gemischt. Einige sagten, dass dies kein Problem für sie wäre, andere waren etwas schockiert und einige empfanden eine gewisse Schadenfreude. Den nächsten Tagen blicke ich gespannt entgegen. Ich hoffe, dass ich mein Smartphone nicht zu sehr "vermissen" werde.

  • Montag: Isabel, 16 Jahre

    Den heutigen Tag ohne mein Smartphone habe ich gut überstanden. Es war ziemlich ruhig und entspannend zu Hause, weil ich keine ständigen, sinnlosen Nachrichten bekommen habe. Jedoch ist mir aufgefallen, dass das Smartphone ein guter Zeitvertreib ist. Zum Beispiel stand ich heute vor dem Rundfunkhaus und musste auf mein Taxi warten. Normalerweise hätte ich mein Handy herausgeholt und ungeduldig auf die Uhrzeit geschaut oder hätte mit Freunden geschrieben oder mich um meinen "Pou" gekümmert. Stattdessen habe ich mir ohne mein Smartphone die vorübergehenden Menschen angeschaut und ihre Verhaltensweisen beobachtet. Auch so kann man seine Wartezeit vertreiben.

  • Dienstag: Nidal

    Heute war der zweite Tag. Er ist gut verlaufen. Ich vermisse mein Smartphone nicht so sehr, wie ich dachte. Das Einzige, was mir fehlt, ist der Zeitvertreib den man hat, zum Beispiel, wenn man auf den Bus wartet. Die Kommunikation mit Freunden findet vor allem über Facebook statt.

  • Dienstag: Isabel

    Der heutige Tag ohne Handy ist mir sehr leicht gefallen. Es war ziemlich entspannend. Da ich morgen eine Chemieklassenarbeit schreibe, musste ich viel lernen. Normalerweise hätte ich wieder irgendwelche sinnlosen Nachrichten per WhatsApp bekommen. Aber heute konnte ich ungestört lernen und hatte mehr Zeit für mich. Meine Armbanduhr habe ich auch wiedergefunden und ich nutze das Festnetztelefon wieder. Was ich jedoch sehr vermisse ist, dass ich in der Bahn mit meinem Handy keine Musik mehr hören kann und dass ich mich nicht ablenken kann, wenn ich auf den Bus oder die Bahn warten muss.

  • Mittwoch: Nidal

    Heute war der dritte Tag des Experiments. Die Reaktionen meiner Mitmenschen sind weitestgehend positiv. Alle finden die Idee des Experiments gut und sind auf das Ergebnis gespannt. Ich komme mit dem Fehlen meines Smartphones besser zurecht, als ich gedacht hätte. Die Kommunikation mit den Freunden, die ich nicht in der Schule sehe, gelingt gut über Facebook. Zwar kann ich mich so nicht mobil mit ihnen unterhalten, das ist aber manchmal auch ganz entspannend. Allgemein bin ich positiv überrascht.

  • Mittwoch: Isabel

    Der heutige Tag ist mir wieder leicht gefallen. Inzwischen habe ich mich an den Zustand ohne ein Smartphone/ Handy total gewöhnt. Ich vermisse mein Handy fast gar nicht mehr, außer wenn ich Freunden Bescheid sagen will, dass ich später zu dem vereinbartem Treffen komme oder wenn ich an der Bushaltestelle sitze und mir die Zeit vertreiben muss. Heute haben Nidal und ich ein Video dazu drehen müssen, wie wir hinter dem Schloss sitzen und keiner unserer Leute da war. Normalerweise hätten wir zum Handy gegriffen und unsere Freunde kontaktiert, aber heute mussten wir spontan gucken und konnten keinem schreiben, dass er zum Treffpunkt kommen soll.

  • Donnerstag: Nidal

    Auch der vierte Tag des Experiments ist gut verlaufen. Ich vermisse mein Smartphone eigentlich nie. Es ist kein Problem, eine Woche ohne Smartphone zu sein. Ab und zu würde ich mir gerne mit meinem Handy die Zeit vertreiben, aber das ist kein echtes Bedürfnis. Insgesamt bin ich bis jetzt positiv überrascht.

  • Donnerstag: Isabel

    Heute habe ich mein Handy nicht so sehr vermisst. Es gab eine Situation, in der ich meine Mutter benachrichtigen wollte. Da ich kein Handy zur Verfügung hatte, musste ich das Telefon vom Schulleiter benutzen. Sonst hatte ich heute keine Wartezeiten, so dass ich auf mein Handy gut verzichten konnte. Diese E-Mail ist diktiert von Isabel und geschrieben von ihrer Mutter, da sie heute bei Ihrer Oma übernachtet und dort kein Internetzugang hat und auch kein Smartphone.

  • Freitag: Nidal

    Das Smartphone fehlt mir immer noch nicht. Heute war zwar das erste Mal, dass ich es gebraucht hätte, aber das ließ sich durch genaues Planen regeln. Ich habe mich mit ein paar Freunden getroffen und einer war zu spät. Meine Freunde und ich wussten nicht, ob er noch kommt, da wir kein Handy hatten. Mit dem Smartphone hätten wir ihm einfach eine SMS geschrieben und er hätte geantwortet, dass er gleich da ist. So mussten wir warten, ohne zu wissen, ob er noch eintrifft.   

  • Freitag: Isabel

    Da ich heute wieder einmal vergessen hatte, mir eine Armbanduhr um zu machen, habe ich schon Angst gehabt, den Bus zu verpassen. Ich hab ihn schließlich aber bekommen. Mir ist heute aufgefallen, dass alle jungen Mädchen nur an ihrem Handy sind. Heute habe ich auch eine Freundin an der Bushaltestelle getroffen, sie tippte die ganze Zeit an ihrem Handy. Das störte mich total. Eins ist mir klar: Ich werde mir eine Armbanduhr um machen und werde, wenn ich mich mit Freunden treffe oder wenn ich lerne, mein Handy komplett ausschalten. Ich merke einfach, dass ich ohne Handy viel mehr Zeit für alles habe. Und ich muss nicht mehr gestresst allen Freunden antworten.

  • Sonnabend: Nidal

    Auch am Wochenende komme ich gut ohne Smartphone zurecht. Es ist sogar ganz entspannend, einen Sonnabend mal nicht die ganze Zeit auf Nachrichten antworten zu müssen. Der Kontakt mit Freunden lässt sich einwandfrei über Facebook regeln. Ich bin zwar nicht unterwegs erreichbar, das ist aber kein Problem. Wenn man draußen unterwegs ist, hat das ja meistens einen Sinn - ständiges Schreiben kann einen davon abhalten.

  • Sonnabend: Isabel

    Mir fällt es ohne Handy immer leichter. Ich habe mich schon total daran gewöhnt, kein Handy zu haben. Für heute Abend habe ich alles schon geplant - per Festnetztelefon. Meine Eltern haben die Handynummer von einem Kumpel von mir, sodass meine Eltern ihn anschreiben können, wenn etwas ist. Ich habe gelernt, auch ohne Handy zu planen und ohne Handy klarzukommen. Und ich merke immer mehr, wie frei ich ohne Handy bin und wie mich meine ständige Erreichbarkeit eingeschränkt hat.

  • Sonntag: Nidal

    Der letzte Tag ohne Smartphone. Auch dieser ist problemlos verlaufen und es sind noch immer keine Entzugserscheinungen bei mir aufgetreten. Ich vermisse mein Smartphone nicht einmal richtig. Trotzdem freue ich mich darauf, mein Handy morgen wiederzubekommen.

  • Sonntag: Isabel

    Morgen bekomme ich mein Handy zurück. Einerseits freue ich mich darauf, weil ich dann endlich wieder erreichbar bin und meine Eltern mich jederzeit erreichen können. Außerdem habe ich meine Musik, meine Uhr und meinen Kalender wieder zur Verfügung. Andererseits werde ich dann wieder von meinen Freunden zugespamt und die ständige Erreichbarkeit wird mich wieder einschränken. Alles in allem kann ich sagen, dass mir die Woche ohne Handy leicht gefallen ist. Die einzigen Probleme waren, dass ich keine Treffen spontan absagen konnte und dass ich für meine Eltern nicht erreichbar war. Ich nehme mir vor, dass ich, wenn ich Hausaufgaben erledige oder lerne, mein Handy ausschalte. Wenn ich mich mit Freunden treffe ignoriere ich jetzt komplett mein Handy. Ich kann dieses Projekt jedem weiterempfehlen, da man so lernt, wie frei man eigentlich sein kann. Wieder diktiert von Isabel und geschrieben von der Mutter, da sie auch heute ohne Computer und Handy ist.

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Öfter mal aufs Handy verzichten

Aus diesem Grund will die Schülerin auch in Zukunft öfter mal auf ihr Smartphone verzichten. Etwa beim Lernen oder wenn sie mit ihren Eltern oder Freunden etwas unternimmt. Direktor Wildhage sagte dazu: "Bei einigen Schülern ist durch das Experiment die Einsicht gewachsen, dass das Handy auch Druck verschaffen kann." Das Kollegium hoffe, dass die Schüler nun sensibilisiert für einen bewussteren Umgang mit dem Handy sind.

Die Tage ohne Handy sind Geschichte

"Auch ohne Handy ist alles möglich"

So ganz ohne Smartphone wollen die Zehntklässler dann aber auch nicht leben. Denn spontane Verabredungen seien ohne Handy deutlich schwieriger, sagte Isabel. "Einmal musste ich vom Büro des Schulleiters meine Mutter anrufen, damit sie etwas für mich absagt." Auch wenn Nidal ähnliche Probleme hatte, empfiehlt er das Experiment weiter: "Es könnte für viele Leute gut sein, das Handy mal ein zwei Tage wegzulegen, damit ihnen bewusst wird, dass es auch ohne geht und das alles möglich ist."

Professor Kristian Folta-Schoof, Neurowissenschaftler Uni Hildesheim © NDR.de Fotograf: Eric Klitzke

"Das Hirn ist in ständiger Alarmbereitschaft"

Kristian Folta-Schoofs ist Professor für Neurowissenschaften an der Universität Hildesheim. Er erforscht die Auswirkungen der Smartphone-Nutzung auf das jugendliche Gehirn.

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