Stand: 31.10.2013 21:49 Uhr  | Archiv

Sexting: Mädchen stellen Nacktfotos ins Netz

"Die Lehrer wissen gar nicht, was so unter uns Jugendlichen alles vorgeht." Mit diesen Worten rüttelte eine Schülerin den Direktor des Clemens-August-Gymnasiums in Cloppenburg auf. In einer Pause berichteten Günter Kannen seine Schützlinge davon, dass Mitschülerinnen Nacktfotos von sich machen und diese dann mit dem Smartphone oder über den PC verbreiten. Kannen setzte sich daraufhin mit anderen Direktoren in der Stadt in Verbindung und auch die stellten fest, dass es das Sexting genannte Phänomen bei ihnen gibt. Nun haben sich insgesamt sieben Schulleiter mit einem eindringlichen Appell an die Eltern gewandt.

Smartphone-Foto mit leicht bekleideter Frau

Aufregung um "Sexting": Wie reagieren?

Hallo Niedersachsen -

Nacktfotos von Schülerinnen, die im Internet kursieren, sorgen an Niedersachsens Schulen für Aufregung. Pädagogen sehen vor allem die Eltern in der Pflicht.

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Eltern sind oft ahnungslos

Denn die Eltern wissen oft ebenso wenig wie die Lehrer, was genau Jugendliche mit ihren Handys treiben. Das Hauptproblem sei, dass die Schüler den Erwachsenen in puncto Technik meilenweit voraus seien, sagt Schulleiter Kannen gegenüber dem NDR. Er selbst sei sehr erschrocken gewesen, als er von den Nacktfotos erfuhr. Dies sei so brisant, weil die Mädchen die Bilder freiwillig online stellen und diese dann rasant und mit abschätzigen Kommentaren weiterverbreitet würden - so wie erst vor Kurzem in der Grafschaft Bentheim.

Kultusministerin spricht von Einzelfällen

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sieht beim Sexting kein flächendeckendes Problem an Schulen. Dennoch zeige das Phänomen, dass es mit neuen Medien zunehmend Probleme geben könne. In der Lehrerfortbildung spiele Medienkompetenz bereits eine Rolle. Künftig sollen aber mehr Seminare die Risiken im Internet behandeln. Trotz allem könnten Schulen nur begrenzt helfen, so die Ministerin. Es sei vor allem Aufgabe der Eltern, mit ihren Kindern über das Thema Respekt zu reden - das gelte für das Miteinander im Internet genauso wie auf dem Schulhof.

Sexting als "Mutprobe"

Was junge Frauen dazu treibt, ist für die meisten schwer zu fassen. Zum einen spielten Gruppenzwang und der Wunsch nach Anerkennung eine Rolle, sagt Christoph Möller, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Zum anderen habe der Umgang mit sozialen Netzwerken dazu geführt, dass die Grenzen der Privatsphäre fallen. "Für Schüler ist das in dem Moment eine coole Aktion oder eine Mutprobe und sie machen sich keine Gedanken über die Konsequenzen", so Möller gegenüber NDR.de.

Betroffene werden gemobbt

Viele Schüler distanzieren sich laut Kannen von dem Phänomen. Die betroffenen Mädchen würden gemobbt. Sie müssten jetzt die bittere Erfahrung machen, dass es nahezu unmöglich ist, Fotos zu löschen, wenn sie einmal im Netz sind. Allein an weiterführenden Schulen in Cloppenburg rechnet Schulleiter Kannen mit mehreren Hundert Fällen, in denen Mädchen ihre Nacktfotos über das Netz verschickten. Vor allem unter Schülerinnen der achten Klassen, also unter 13- bis 14-jährigen Mädchen, sei Sexting weit verbreitet. Mit ihrem Appell wollen die Lehrer Eltern für das Thema sensibilisieren. Viele seien aus allen Wolken gefallen, als sie davon erfahren hätten, sagte Kannen.

Weiterleiten der Bilder ist eine Straftat

Eltern haben die Möglichkeit, gegen diejenigen vorzugehen, die die Bilder ihrer Kinder weiterleiten. Laut Gesetz können auch Klassen- und Schulkameraden zur Verantwortung gezogen werden. "Ab 14 Jahren ist man strafmündig", sagt der hannoversche Rechtsanwalt Carsten Mauritz. Und beim Sexting würden unter Umständen gleich mehrere Straftatbestände erfüllt: die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen (§ 201b STGB), Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung  (§174ff.), Beleidigung (§185) sowie üble Nachrede (§186).

Das Phänomen Sexting

Der Begriff "Sexting" stammt aus dem Englischen und setzt sich aus den beiden Wörtern "Sex" und "texting" zusammen. Letzteres bedeutet so viel wie "Versenden von Texten per Kurzmitteilung". Besonders Jugendliche, aber auch teilweise Erwachsene, machen dabei Nacktfotos oder pornografische Bilder von sich und verbreiten sie über Kurznachrichten-Dienste wie WhatsApp. Das Phänomen wurde zuerst in den USA bekannt und verbreitete sich von dort aus in alle Welt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 31.10.2013 | 17:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/sexting103.html